Ohne regelmäßige Stromzufuhr ist der Kühlschrank nutzlos. Doch auf dem Balkon herrschen konstant minus zehn Grad Celsius – also lagere ich dort meine Lebensmittel. Draußen stehen heute Hühnersuppe, mein liebster Gemüsesalat und sogar meine Geburtstagstorte. In der klirrenden Kälte Kiews bleibt alles frisch.
Es ist der jüngste Terror, den die Russen unserer Hauptstadt zufügen – im härtesten Winter seit Beginn ihrer umfassenden Invasion im Februar 2022. Mit unablässigen Drohnenangriffen haben sie unsere Stromnetze und Fernwärmesysteme zerstört; der Frost erledigt den Rest, überzieht Kabel und Heizungsrohre mit dicken Eisschichten und macht Reparaturen unmöglich.
Zeitweise sinken die Außentemperaturen auf minus 20 Grad. Die Kälte dringt in meine Wohnung ein, Eiskristalle bedecken die Fenster, fressen sich in die Wände. Russlands jüngster Angriff hat die Wärmeversorgung von 5600 Wohnhäusern in Kiew lahmgelegt – darunter auch das, in dem ich lebe.
Zu meinem Alltag gehört inzwischen, die Arbeit immer wieder zu unterbrechen, um vom 14. Stock meines Hauses hinunter- und wieder hinaufzulaufen und literweise Wasser zu schleppen. Vor allem für meine Großmutter.
Oma ist vergangenes Jahr 80 geworden. In ihrer Wohnung gibt es immerhin einen Gasherd, sodass wir Wasser erhitzen, in Wärmflaschen füllen und sie an ihren Körper binden können. „Warum kann niemand etwas tun, Putin zu stoppen?“, ruft sie verzweifelt. Die Kälte, klagt sie, krieche ihr in die Knochen.
Der Versuch des Kremls, uns erfrieren zu lassen, wurde zum nationalen Notstand erklärt – und Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer haben es zweifellos schwerer als ich. Viele mussten wegziehen und in anderen Städten unterkommen, andere leben praktisch in Einkaufszentren oder Notfallzelten, wo sie arbeiten und ihre Handys und Laptops aufladen können.
Kiew ruft nach Hilfe, doch unsere Lage schafft es dieser Tage kaum noch in die Schlagzeilen. Die Aufmerksamkeit scheint sich auf eine mögliche US-Invasion in Grönland zu richten. Präsident Wolodymyr Selenskyj klagt, er müsse inzwischen mit Zähnen und Klauen um Lieferungen von Luftabwehrraketen aus Europa und den USA kämpfen. „In Zeiten, in denen so viele Leben verloren gehen, muss man immer noch um all diese Raketen für verschiedene Luftverteidigungssysteme kämpfen. Man bittet darum, man presst sie mit Gewalt heraus“, sagte er.
Seine Empörung darüber, dass die Verbündeten der Ukraine das Interesse verlieren, trifft in diesem Winter einen wunden Punkt. Die Zurückhaltung des Westens bei den Sicherheitsgarantien hinterlässt bei uns das Gefühl, dass die Verbrechen des Kremls normalisiert werden.
Der Blick nach Grönland verstärkt unsere Angst nur. Viele Ukrainer glauben nicht mehr daran, dass das Völkerrecht die Supermächte der Welt noch in die Schranken weisen kann. Das Recht des Stärkeren gilt wieder.
Wir erleben, was passiert, wenn eine unkontrollierte Supermacht nach Belieben töten darf. Russlands Ziel ist es, unseren Widerstand zu brechen – psychisch wie physisch. Waffen, die für das Versenken von Kriegsschiffen gebaut wurden, werden gegen unsere Kraftwerke, Regierungsgebäude und Wohnungen eingesetzt.
Wenn man so lange frierend im Dunkeln sitzt und durch nächtliche Raketenangriffe um den Schlaf gebracht wird, kann man schnell in Verzweiflung abrutschen. „Was kann ich tun, um dich aufzumuntern, Mama?“, frage ich sie spätabends per WhatsApp. „Mach irgendwas mit Putin“, antwortet sie sarkastisch und füge hinzu, den Rest schaffe sie schon. Das heißt: jeden Tag aufstehen und arbeiten, egal wie kalt oder elend sie sich fühlt.
Immer wenn es den Arbeitern gelingt, nach einem weiteren Angriff das Netz zu reparieren, bringt das Licht einen kurzen Moment der Euphorie – gefolgt von einer langen To-do-Liste. Wir laden unsere Geräte auf, füllen Flaschen und Eimer mit Wasser, kochen – und stellen das Essen anschließend auf den Balkon.
Was Mut macht, ist das ehrliche Gefühl, dass die Menschen weitermachen und das Land am Laufen halten werden – auch wenn kein Ende dieses Terrors unter dem Gefrierpunkt in Sicht ist. Tu deine Arbeit, zahl deine Miete, zahl deine Steuern, damit alles weiter seinen Gang geht. Das ist der Auftrag.
So vieles in der Stadt funktioniert trotzdem. Ich bekomme für meine Großmutter noch am selben Tag einen Termin für eine zahnärztliche Notoperation. Neulich, als ich abends zum Pilates ging, sah ich eine Frau, die trotzig im Mantel und mit Mütze eine Maniküre bekam. Die Nageldesignerin trug eine Stirnlampe. Dick eingepackte Lieferfahrer bringen weiterhin Essen, allerdings nur bis in den fünften Stock. Wer wie wir im 14. wohnt, muss ihnen entgegengehen.
Ich selbst habe Zugang zu jeder Art von Essen – von unserem ikonischen Borschtsch bis zu Sushi. Ich kann meine Geräte laden und finde Wärme und Schutz in einem Einkaufszentrum um die Ecke. Das unaufhörliche Brummen der Generatoren, viele von ihnen Spenden ukrainischer Unternehmen und europäischer Partner, weckt Erinnerungen an eine europäische Einheit, die inzwischen verblasst scheint.
Entscheidend ist letztlich die Widerstandskraft der Menschen. Mitten in all der Verzweiflung sieht man seine Mitbürgerinnen und Mitbürger – Menschen, die als schwach oder als schlechte Manager abgestempelt wurden –, wie sie ihre Aufgaben und Pflichten erfüllen, bei Temperaturen, bei denen Unterkühlung und Erfrierungen reale Gefahren sind.
Das heißt nicht, dass keine Risse sichtbar wären. Zentral- und Kommunalregierungen schieben sich gegenseitig die Schuld zu, wer es denn nun versäumt hat, Kiew auf diese Apokalypse vorzubereiten. Manche Straßen sind spiegelglatt, während die städtischen Dienste gleichzeitig gegen Frost und die Folgen russischer Bombardierungen ankämpfen müssen.
Und doch gibt es eine echte Solidarität, das Gefühl, dass wir alle zusammenhalten müssen – genauso wie unsere Armee, unsere Luftabwehr, unsere Arbeiter im Energiesektor und Rettungsdienste. Ich kann nicht anders, als unser Land zu lieben, während es endlose mörderische Angriffe einer Supermacht erträgt. Egal, wie sehr die Russen versuchen, unser Leben unerträglich zu machen: Wir werden es schaffen.
Dieser Text erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation „Politico“. Übersetzt aus dem Englischen und redaktionell bearbeitet von Jens Wiegmann.
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