Das Gespräch mit Thomas Lowin vom Nato-Landkommando in Izmir (Türkei) findet morgens um 7.10 Uhr statt. Der Vizechef des Stabes für Operationsführung steckt mitten in der Vorbereitung für eine groß angelegte Übung. Mit dem Bundeswehr-Brigadegeneral spricht erstmals ein hochrangiger Nato-Vertreter detailliert über die neuen Pläne der Allianz zur Verteidigung der Ostflanke.
WELT AM SONNTAG: Herr General, die Nato-Führung will die Ostflanke des Bündnisses, die von Finnland bis nach Rumänien verläuft, künftig nach einem neuen Konzept mit dem Namen Eastern Flank Deterrence Line (EFDL) stärken. Worum geht es dabei?
Thomas Lowin: Es geht in erster Priorität darum, die Länder zu schützen, die an der sogenannten Ostflanke eine gemeinsame Grenze mit Russland und Belarus haben. Also darum, Russland von einem Angriff abzuschrecken und im Ernstfall verteidigungsfähig zu sein. Insofern ist die EFDL ein Konzept, um die bestehenden Verteidigungspläne der Nato zu optimieren. Das Konzept kann aber im Prinzip nicht nur an der sogenannten Ostflanke angewendet werden, sondern weltweit. Es wäre prinzipiell auch geeignet, kritische Infrastruktur im zivilen Bereich, wie etwa Flughäfen, zu schützen.
WAMS: Was ist das Grundprinzip dieses Konzepts?
Lowin: Es geht um Abschreckung und Verteidigung an der Grenze. Der Grundgedanke ist, ein komplexes, mehrschichtiges Verteidigungssystem entlang der Grenze zu Russland und Belarus aufzubauen und zur Verteidigung nicht nur konventionelle Truppen einzusetzen, sondern durch Hindernisse und den Einsatz von Technik eine roboterisierte oder automatisierte Zone im grenznahen Bereich zum Gegner zu schaffen, die dieser dann erst einmal überwinden muss.
WAMS: Wer hat es entwickelt?
Lowin: Damit wurde zu Beginn des vergangenen Jahres begonnen. Am Anfang haben sich die US-Streitkräfte zusammen mit Universitäten, Denkfabriken und Laboren Gedanken gemacht, wie man moderne Technik nutzen kann, um der Bedrohung durch einen Aggressor wie Russland gerecht werden zu können. Es wurde dabei auch eng mit den baltischen Ländern kooperiert, die bereits 2024 damit begonnen hatten, eine Verteidigungslinie, die Baltic Defense Line, gegen Russland zu errichten. General Donahue, der Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa und gleichzeitig Kommandeur des Nato Allied Command Land, hat es im Juli auf einer Konferenz vorgestellt. Es wird jetzt im Rahmen der Nato fortentwickelt und umgesetzt. Der Nato-Oberbefehlshaber hat das Konzept den militärischen Repräsentanten der Mitgliedstaaten im Militärausschuss vorgestellt. Es gab dafür allgemeine Zustimmung.
WAMS: Wer ist jetzt für die Umsetzung verantwortlich?
Lowin: In erster Linie die Mitgliedstaaten. Jedes einzelne Land muss entscheiden, ob und in welcher Form es sich in Zusammenarbeit mit den Kommandostrukturen der Nato beteiligen will.
WAMS: Welche Maßnahmen beinhaltet das neue Konzept?
Lowin: Die EFDL besteht im Wesentlichen aus fünf Pfeilern, deren Umsetzung in Etappen vorgesehen ist. Wir stützen uns auf Technik, die bereits im Einsatz oder schon sehr weit in der Entwicklung ist. Und wir lassen dabei die Erfahrungen der Ukraine in ihrem Verteidigungskampf gegen Russland einfließen. Derzeit werden erste Elemente des Konzepts in ausgewählten Bereichen erprobt, unter anderem in Partnerstaaten an der Ostflanke. Erste Systeme sind bereits eingeführt und im Einsatz, andere stehen vor der Fertigstellung. Es geht um die Installation eines Systems von Sensoren und Effektoren, die miteinander in einem großen, digitalen Netzwerk verbunden sind, zur Einrichtung einer automatisierten Zone. Es geht aber auch um die Vorstationierung von Material, die Stationierung von Truppen vor Ort und die Etablierung eines Kommando- und Kontrollsystems, das die nationalen und Nato-Streitkräfte miteinander vernetzt.
WAMS: Wie muss man sich den ersten Pfeiler vorstellen, den Aufbau eines komplexen Systems aus Sensoren?
Lowin: Es geht dabei um ein Netzwerk aus Sensoren, die sich am Boden, im Weltall, im Cyberbereich oder in der Luft befinden. Sie sammeln Daten über Bewegungen oder Waffeneinsätze des Gegners, verbinden sie miteinander und stellen die Aufklärungsergebnisse in Echtzeit möglichst allen Nato-Ländern zur Verfügung.
WAMS: Das Gebiet, das überwacht werden soll, ist mehrere tausend Kilometer lang. Wo befinden sich die Sensoren?
Lowin: Es können stationäre oder bewegliche Sensoren sein, Radar, akustische, optische, elektronische etc., gekoppelt mit Aufklärungsdaten bemannter Systeme wie Awacs-Early-Warning-Aufklärungsflugzeugen, aber auch Daten von Satelliten, Drohnen oder von vierbeinigen Laufrobotern, die mit einem der oben genannten Sensoren bestückt sind. Die Sensoren lassen sich aber auch an einem Bunker, einem Zaun oder Baum befestigen. Sie melden die Daten einer Zentrale, wo sie auch mithilfe einer leistungsstarken künstlichen Intelligenz analysiert, bewertet und in das Lagebild eingespeist werden. Einige der Sensoren überwachen den kompletten Grenzbereich, andere nur das Territorium der Nato.
WAMS: Kommen wir zum zweiten Pfeiler, dem Aufbau einer automatisierten Verteidigungszone entlang der Ostflanke.
Lowin: Die Joint Effects Zone bildet einen klar strukturierten, mehrschichtigen Wirkraum, um feindliche Truppen sofort zu bekämpfen und unter Druck zu setzen. Es ist eine Art heiße Zone. Ziel ist es, den feindlichen Vorstoß zu brechen: Wir kanalisieren seine Bewegungen, nehmen ihm Tempo, zwingen ihn in nachteilige Lagen und verschleißen ihn Schritt für Schritt. Jede Maßnahme dient dazu, seine Kampfkraft konsequent zu reduzieren – bei gleichzeitiger Sicherung unserer eigenen Truppe und dem Erhalt ihrer vollen Einsatzfähigkeit.
WAMS: Wie groß ist diese Zone?
Lowin: Sie sollte nicht pauschal auf eine bestimmte Tiefe festgelegt werden, sondern kann regional unterschiedlich ausfallen. Die Zone stellt kein flächendeckend festgelegtes Gebiet dar, sondern ein weiteres Element zukünftiger Verteidigungsplanungen. Sie ist in weiten Teilen unbemannt; dort agieren im Allgemeinen keine dauerhaft stationierten Soldaten. Schutzanlagen wie Panzersperren oder Panzerabwehrgräben können eingerichtet werden. Die Ausgestaltung befindet sich in einer konzeptionellen Phase und unterliegt nationalen Entscheidungen.
WAMS: Das heißt: Menschen, die nahe an der Grenze leben, müssten umgesiedelt werden.
Lowin: Wenn ich mir die bisherige Umsetzung ansehe, kann ich das nicht erkennen. Die baltischen Staaten nutzen beispielsweise natürliche Hindernisse wie Sümpfe und Wälder, wodurch die Notwendigkeit weiterer Bauten reduziert wird. Ich denke, dass man eher versuchen wird, einvernehmliche Lösungen mit lokalen Gemeinschaften zu finden. Viele der Einrichtungen und Hindernisse werden erst im Falle eines bevorstehenden Einsatzes aktiviert und eingesetzt werden. Dies minimiert die dauerhafte Beeinträchtigung des zivilen Lebens. Es wird keine Massenumsiedlung geben.
WAMS: Was genau passiert in dieser Zone?
Lowin: Wir sprechen von einem automatisierten Wirkraum, in dem Sensoren und Effektoren nahtlos ineinandergreifen. Die Sensoren erfassen den Gegner, melden ihn unverzüglich und setzen nach Vorgabe die angeschlossenen Effektoren in Marsch. Dazu gehören bewaffnete Drohnen, teilautonome Gefechtsfahrzeuge, unbemannte roboterisierte Bodensysteme, die meiner Meinung nach den Bodenkrieg ähnlich beeinflussen werden wie derzeit Drohnen in der Luft, sowie automatisierte Luft- und Raketenabwehr. Diese miteinander verbundenen Systeme sind darauf ausgelegt, den Feind schnell zu stellen, seine Handlungsmöglichkeiten zu brechen und ihm die Kampfkraft und Initiative zuverlässig zu nehmen.
WAMS: Das klingt nach Science-Fiction. In bestimmten Gebieten sollen künftig also nur noch Waffen gegen Waffen kämpfen, Soldaten tauchen nicht mehr auf?
Lowin: Nach unseren Einsatzgrundsätzen und ethischen Standards verbleibt die Entscheidung über den Waffeneinsatz immer in menschlicher Verantwortung. Dabei unterstützt ihn die KI, vor allem dann, wenn eine Entscheidung schnell fallen muss. Es geht hier nicht um eine „Entmenschlichung“ des Krieges. Am Ende entscheidet der Mensch in verantwortlicher Weise, wann und wie die Waffen eingesetzt werden.
WAMS: Aber welches Ziel hat eine solche Zone?
Lowin: Dieser Wirkverbund aus Sensoren und Effektoren schafft einen Bereich, in dem die erste Phase eines Gefechts stattfinden kann, ohne dass die eigenen Truppen bereits in direkten Kontakt mit den feindlichen Streitkräften geraten. Ziel ist somit, die eigene Kampfkraft zu erhalten, die eigenen Soldaten zu schonen und den Gegner frühzeitig zu verzögern, um Handlungsspielräume zu gewinnen.
WAMS: Werden dann künftig zur Verteidigung des Nato-Gebiets vor allem autonome Waffensysteme eingesetzt?
Lowin: Das wäre ein Trugschluss. Es sind Soldaten, die Gebiete zurückerobern. Es sind Soldaten, die Städte freikämpfen. Am Ende heißt es immer: Soldaten gegen Soldaten. Das sehen wir ja auch in der Ukraine.
WAMS: Der dritte Pfeiler des Nato-Verteidigungskonzepts an der Ostflanke ist die Vorstationierung von Material.
Lowin: Das haben wir heute schon. Wir werden aber spürbar größere Vorräte als bisher in den Nato-Grenzstaaten zu Russland sehen, dazu gehören beispielsweise Waffen- und Munitionsdepots zur Wiederbewaffnung der Verteidigungssysteme in der automatisierten Zone, aber auch zur Ausrüstung der Nato-Streitkräfte.
WAMS: Auch die Stationierung von Truppen entlang der Ostflanke als vierten Pfeiler des Konzepts gibt es heute schon.
Lowin: Und diese Stationierung soll auch in gleicher Stärke beibehalten werden. Nur mit unbemannten Systemen ist kein Gegner dauerhaft abzuschrecken oder zu stoppen. Dazu brauchen wir Soldaten, dazu braucht man Armeen.
WAMS: Mit der Einrichtung einer Verteidigungszone schafft man aber Entlastung für die Soldaten. Kann man die Nato-Truppen an der Ostflanke dann nicht reduzieren?
Lowin: Nein. Die russischen Streitkräfte sind im grenznahen Bereich in so hoher Zahl verfügbar, dass wir uns eine Reduzierung der eigenen Kräfte nicht leisten können. Wir müssen die Vorgaben, die in den sogenannten Regionalplänen der Nato gemacht werden, weiterhin einhalten.
WAMS: Bitte erklären Sie noch kurz den fünften Pfeiler des Konzepts.
Lowin: Es soll ein cloudbasiertes Netzwerk aufgebaut werden. KI-gestützte Systeme – inklusive generativer Modelle und maschinellem Lernen – verdichten die Aufklärungslage in Echtzeit und leiten sie unmittelbar an die eingesetzten Kräfte weiter. Dieses cloudbasierte Gefechtsnetz bildet das Nervensystem der Eastern Flank Deterrence Line und macht Mensch und Maschine zu einem eng abgestimmten Team.
Christoph B. Schiltz ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.
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