Langsam öffnet sich das Tor von Nahal Oz. Die Zufahrtsstraße zu dem kleinen Ort ist von Baumaterialien gesäumt: Kabel, Rohre, Holzbalken. Zwischen den Häusern blitzt das Orange von Baggern und Absperrungen hervor, ein Betonmischer fährt vorbei. Auch mehr als zwei Jahre nach dem Terrorangriff des 7. Oktobers ist Nahal Oz noch immer eine Baustelle.
Abgesehen von den Renovierungsarbeiten ist es in dem Kibbuz fast gespenstisch ruhig. Der Fußballplatz liegt verlassen da, die Tische und Bänke im Gemeinschaftsraum sind leer. An einem Baum weht eine zerrissene israelische Flagge träge im Wind. Unzählige leere Patronenhülsen auf dem Boden erinnern an den Tag vor zwei Jahren, seitdem nichts mehr so ist, wie es einmal war.
„Was in unserem Haus passiert ist, war extrem“, sagt Addi Gan El Cherry und zeigt ein Foto herum, auf dem ein völlig verwüsteter Raum mit riesigen Blutflecken zu sehen ist. Ihre Familie überlebte das Massaker am 7. Oktober nur knapp. „Als wir gerettet wurden, habe ich den Kindern gesagt: Schaut euch gut um, denn wir werden nie wieder hierherkommen“, erinnert sich Cherry.
Die Familie stand vor der gleichen Frage wie Tausende andere Überlebende: Sollen wir die traumatischen Erlebnisse endgültig hinter uns lassen und woanders ein neues Leben beginnen? Oder an den Ort des Terrors zurückkehren, der einmal das geliebte Zuhause war? So individuell die Antworten darauf sind, so eng sind sie auch mit dem kollektiven Selbstverständnis Israels verknüpft.
Ein wichtiger Schritt zur Bewältigung des nationalen Traumas war am Montag die Übergabe des Leichnams von Ran Gvilider, der letzten israelischen Geisel aus dem Gaza-Streifen. Die Rückkehr aller verbliebenen Geiseln, tot oder lebendig, war ein zentraler Punkt der ersten Phase des Waffenstillstands.
Eigentlich sollte der 7. Oktober 2023 ein Festtag für Nahal Oz werden. Das 70-jährige Jubiläum des Kibbuz stand an, am Vorabend fand die Generalprobe für die Feierlichkeiten statt. In seiner langen Geschichte hat der Ort viele schwierige Zeiten durchgemacht – so nah an Gaza, weniger als einen Kilometer von der Grenze entfernt, haben die Bewohner jede Phase des israelisch-palästinensischen Konflikts in ihrer ganzen Intensität erlebt.
Immer wieder kam es zu Zusammenstößen mit Palästinensern, aber auch zu Gesten der Annäherung, etwa bei einem gemeinsamen Friedensfest nach Unterzeichnung des Oslo-Abkommens Anfang der 1990er-Jahre. In den vergangenen Jahren wurde der Kibbuz dann zu einem der am stärksten bombardierten Orte in Israel – auch, weil er durch seine Nähe zu Gaza nicht unter dem Schutz des Iron Dome steht. Die Flugzeit der Raketen ist schlichtweg zu kurz, um sie abfangen zu können.
All das war man in Nahal Oz gewohnt. Schon lange gab es in jedem Haus einen Schutzraum, dazu kleine Bunker, die auf dem ganzen Gelände verteilt sind. Auf diese Lebensumstände hatten sich die Bewohner bewusst eingelassen, als sie in den Kibbuz gezogen waren. Doch auf das, was am 7. Oktober passierte, war niemand vorbereitet.
Moran Freibach schwitzt in der Mittagssonne, fast 30 Grad sind es in diesem Tag Ende November. Der Chef der Landwirtschaft in Nahal Oz steht am Grenzzaun des Kibbuz, er trägt ein schwarzes T-Shirt der Traktormarke John Deere. Der einzige weiße Punkt am strahlend blauen Himmel ist ein israelisches Aufklärungsflugzeug. Das Surren der Drohne nähert und entfernt sich immer wieder, während Freibach fast schon routiniert von den traumatischen Stunden erzählt.
Das nahegelegene Nahal Oz war einer der ersten Orte, den die Hamas-Terroristen am frühen Morgen erreichten. Zwei Mitglieder des Sicherheitsteams stellten sich ihnen gemeinsam mit einer zehnköpfigen Spezialeinheit der israelischen Polizei entgegen, die eine Woche zuvor wegen Demonstrationen in der Nähe des Grenzzauns im Kibbuz stationiert worden war. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass in Nahal Oz deutlich weniger Menschen den Terroristen zum Opfer fielen als etwa im benachbarten Kibbuz Kfar Aza.
Während die kleine Gruppe versuchte, die zahlenmäßig weit überlegenen und stärker bewaffneten Angreifer in Schach zu halten, harrten die Bewohner stundenlang in ihren Schutzräumen aus. Freibach erzählt von dem Moment, als die Terroristen sein Haus erreichten. „Niemand atmet“, habe er seiner Familie zugeflüstert. „Niemand sagt irgendetwas.“ Die Kämpfer hätten auf das Haus geschossen, seien dann aber abgezogen, sagt Freibach.
Anders bei Familie Cherry, ein paar Häuser weiter. Dort seien die Angreifer bis zum Schutzraum vorgedrungen und hätten versucht, die Tür aufzubrechen, erinnert sich Cherry. „Ich war mir sicher, dass es jetzt vorbei ist.“ Gerade rechtzeitig seien die Terroristen von den Sicherheitskräften überwältigt worden. Erst gegen Mittag kam Verstärkung von der israelischen Armee – die Hamas hatte auch den nahegelegenen Militärstützpunkt angriffen und unter ihre Kontrolle gebracht.
Es dauerte bis in den Abend hinein, bis der Kibbuz vollständig befreit und die Bewohner evakuiert waren. Die traurige Bilanz: Fünfzehn getötete Bewohner, sieben entführte Geiseln. Erst im Oktober 2025 kehrte die letzte von ihnen, der Familienvater Omri Miran, lebend zurück. Auch das letzte Haus wird irgendwann repariert sein. Was bleibt, ist das Trauma. Und der verlorene Glaube daran, dass ein friedliches Nebeneinander eines Tages möglich sein könnte.
Die Bewohner der Kibbuzim gelten seit jeher als liberal und als größte Verfechter einer Zweistaatenlösung. Doch die Zuversicht ist bei vielen einer Ratlosigkeit gewichen. Freibach zeigt auf den Grenzzaun hinter sich, der mit Stacheldraht versehen ist. Dahinter sind die Felder zu erkennen, die von der Gemeinschaft bewirtschaftet werden. Und die Trümmer von Gaza. Nur ein paar einzelne Häuser ragen in die Höhe, wie Grabsteine auf einem riesigen Friedhof.
„Dieser Krieg hat etwas in meiner Wahrnehmung verändert“, sagt Freibach. Er habe sein ganzes Leben hier verbracht und verbinde mit den Palästinensern viele schöne Erinnerungen. Sie hätten oft zusammengesessen und Kaffee getrunken, Dutzende hätten hier in der Landwirtschaft als Tagelöhner gearbeitet. „Ich habe gedacht, dass sie mit dem Geld, das sie hier verdienen, etwas aufbauen, dass sie es vielleicht in Bildung investieren und diesen Teufelskreis beenden. Aber ich lag falsch.“
Lange sei er überzeugt gewesen, dass die Raketen auf die israelische Armee gerichtet seien. „Aber jetzt weiß ich, dass sie mich töten wollen. Sie wollen, dass wir verschwinden. Das ist ihre Mission“, sagt er. Zwischen Hamas und den Zivilisten macht Freibach keinen Unterschied mehr. „Ich will nicht, dass sie getötet werden. Ich will nicht, dass sie vertrieben werden. Aber ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Ich bin fertig mit ihnen.“
Wie soll ein dauerhafter Frieden möglich sein?
In verschiedensten Nuancen ist diese Resignation inzwischen bei vielen Israelis zu spüren. Wie soll nach dem, was gewesen ist – dem unvorstellbaren Terror des 7. Oktobers, dem großen Leid der Palästinenser durch den Krieg – je ein dauerhafter Frieden möglich sein? Moran Freibach hat darauf keine Antwort. Wohl aber darauf, wie er ganz persönlich mit dem 7. Oktober und dessen Folgen umgeht.
Schon wenige Tage später kehrte er in den Kibbuz zurück, um die dort stationierten Soldaten zu unterstützen – und um die Landwirtschaft wieder aufzubauen. Die Regierung habe ihn gebeten, die an Gaza angrenzenden Felder zur Sicherheit nicht mehr zu bewirtschaften. Doch Freibach ließ sich davon nicht abbringen. „Meine Familie und ich wurden verschont. Vielleicht bedeutet das, dass wir eine Mission haben. Hier zu sein, an diesem Ort, dieses Land zu retten.“
Schon bei Gründung der ersten Kibbuzim hat die Bewirtschaftung von Land eine wichtige strategische Rolle gespielt. Zusätzlich zu den Militärstützpunkten, so die Idee, sollen ziviles Leben und die landwirtschaftliche Erschließung eine dauerhafte Präsenz Israels gewährleisten. Auch deshalb wollen die Bewohner ihren Ort nicht so einfach aufgeben: Es geht um weit mehr als ihr persönliches Schicksal.
„Das hier ist nicht nur die Grenze zwischen Gaza und Nahal Oz. Es ist die Grenze zwischen dem Fanatismus und der westlichen Welt“, sagt Freibach. „Wenn wir aufgeben und diesen Ort verlieren, kann das weltweite Auswirkungen haben. Deswegen kämpfe ich jeden Tag für dieses Stück Land.“ Dieser Gedanke scheint zu verfangen; einige Dörfer und Städte in der Grenzregion haben zuletzt einen regelrechten Aufschwung erlebt.
Andere Orte, wie die besonders stark betroffenen Kibbuzim Kfar Aza oder Beeri, sind noch größtenteils zerstört und von einer Rückkehr zur Normalität weit entfernt. In Nahal Oz fiel die Entscheidung nicht bei allen Bewohnern so schnell und deutlich wie bei Freibach. Von den 400 Menschen, die vor dem Krieg in dem Kibbuz lebten, ist bisher nur etwa ein Drittel zurückgekommen.
Auch Familie Cherry, die seit 2017 in dem Kibbuz lebte, konnte an eine Rückkehr zunächst nicht einmal denken. Ihre „Mission“, von der so viele Überlebende des 7. Oktobers sprechen, fanden sie anderswo: Mutter Addi und Sohn Guy erzählten auf Bühnen auf der ganzen Welt von ihren traumatischen Erlebnissen und setzten sich für die Rückkehr der Geiseln ein. Sie kauften eine Wohnung in einer anderen Stadt, in der sie neu anfangen wollten.
Doch nun haben sie die Entscheidung gefällt, zum Ende des Jahres doch wieder nach Nahal Oz zu ziehen. „Am Ende ist das hier unser Zuhause. Wir hatten hier ein gutes Leben, eine Gemeinschaft“, erklärt Cherry. „Und wir hatten das Gefühl, dass wir erst hier so richtig anfangen könnten zu heilen.“ Sie wollen sich ein paar Monate Zeit geben, um zu testen, ob sie sich in dem Kibbuz je wieder wohlfühlen können. „Aber falls wir doch wieder gehen, dann wird es unsere eigene Entscheidung sein.“
Das Haus werde fast genauso wieder renoviert, wie es vorher war, sagt sie. Ein Detail aber werde verändert: „Die Türen zu den Schutzräumen werden kugelsicher. Ist das nicht absurd?“ Mit ihnen ziehen sechs andere Familie zurück in den Kibbuz, ein paar weitere wollen im Sommer kommen. „Es ist ein langer Prozess. Jede Familie hat ihre eigene Geschwindigkeit“, sagt Cherry. „Deswegen wissen wir nicht, wer tatsächlich wiederkommen wird.“
Moran Freibach jedenfalls ist fest entschlossen, den Kibbuz wieder aufzubauen. „Ich sehe Nahal Oz in fünf Jahren vor mir, wie die Häuser mit Familien und dem Lachen von Kindern gefüllt sind.“ Alles soll „größer und besser“ werden – auch um auf den nächsten Krieg besser vorbereitet zu sein. Denn dass der irgendwann kommen wird, davon ist Freibach überzeugt.
Addi Gan El Cherry ist zurückhaltender, wenn es um Prognosen für die Zukunft geht. „Es wird Zeit brauchen, bis ich Menschen wieder vertrauen kann“, sagt sie. „Der 7. Oktober wird immer ein Teil von uns sein, aber er wird uns nicht definieren.“ Auf dem linken Arm hat sich nach dem Massaker ein Tattoo stechen lassen, einen Sonnenaufgang mit einem Schriftzug darunter: „As the sun, we always rise again – Wie die Sonne werden auch wir immer wieder aufstehen.“
Lara Jäkel ist Redakteurin im Ressort Außenpolitik. Für WELT berichtet sie unter anderem über die US-Präsidentschaftswahl 2024.
Transparenzhinweis: Dieser Text ist im Rahmen einer Delegationsreise entstanden, die von der israelischen Botschaft in Berlin anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel organisiert und finanziert wurde.
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