Trotz des massiven Ausbaus der frühkindlichen Betreuung in den vergangenen Jahren ist die Kita-Landschaft in Deutschland nach wie vor uneinheitlich. Während im Osten wegen des Geburtenrückgangs Plätze abgebaut und sogar ganze Einrichtungen geschlossen werden, suchen Eltern in manchen westlichen Regionen nach wie vor händeringend nach einem Platz für ihr Kind.
Und auch die Qualität der Betreuung ist stark vom Wohnort abhängig. Nur ein Bruchteil aller Kitas verfügt über eine Personalausstattung, die dem komplexen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag gerecht wird. Gerade einmal jede siebte Kita verfügt wirklich über ausreichend Personal, um Kinder bedarfsgerecht zu fördern. Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern lässt die Qualität der Betreuung noch stark zu wünschen übrig. Das stellt die Bertelsmann Stiftung in einer neuen Expertise zur Personalausstattungsquote in Kitas fest.
Seit 20 Jahren bereits begleitet die Stiftung mit ihrem Ländermonitoring frühkindliche Bildungssysteme den Ausbau und die Ausstattung von Kitas. Mit der Personalausstattungsquote hat die Stiftung jetzt gemeinsam mit dem Österreichischen Institut für Familienforschung einen Indikator entwickelt, der genauere Auskunft über die pädagogische Qualität einer Einrichtung liefern soll.
Dafür berücksichtigten sie zunächst den fachlich empfohlenen Personalschlüssel pro Kind in den verschiedenen Altersgruppen: ein Betreuer für zwei Kinder im Babyalter unter einem Jahr, ein Betreuer für vier Kinder im Alter von eins bis drei und ein Betreuer für neun Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Ebenfalls berücksichtigt werden die Ausfallzeiten der Erzieher durch Urlaub, Krankheit und Büroarbeit.
Für Kinder nicht-deutscher Herkunftssprache wurde ebenso ein Zeitaufschlag berechnet wie für Kinder, die aufgrund einer geistigen, körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung eine sogenannte Eingliederungshilfe erhalten. Dadurch lasse sich bis auf Ebene der Städte und Kreise nachvollziehen, zu welchem Grad die Kitas die fachlich empfohlene Personalbesetzung aufweisen – gemessen an den jeweiligen Förderbedarfen der Kinder sowie der effektiv für die pädagogischen Aufgaben zur Verfügung stehenden Arbeitszeit, so die Stiftung. Von den insgesamt 3,5 Millionen Kindern in deutschen Kitas sind 820.638 nicht deutscher Herkunftssprache, 96.365 erhalten eine Eingliederungshilfe.
Deutschlandweit weist demnach nur jede siebte Kita in Deutschland 100 Prozent der wissenschaftlich empfohlenen Personalbesetzung auf. Ein knappes Viertel der Kitas kommt auf 80 bis unter 100 Prozent, 41 Prozent der Einrichtungen erreichen einen Wert zwischen 61 und 80 Prozent. Etwa jede fünfte Kita hat 60 Prozent oder weniger der empfohlenen Personalkapazitäten zur Verfügung.
Hierbei zeigen sich große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Während im Westen nur elf Prozent der Kitas über eine personelle Ausstattung von 60 Prozent des fachlich empfohlenen Wertes oder weniger verfügen, sind es im Osten 65 Prozent. Umgekehrt erreichen 16 Prozent der westdeutschen Kitas die bestmögliche Personalbesetzung, während das nur zwei Prozent der ostdeutschen Kitas gelingt.
Nach Bundesländern findet sich die beste Personalausstattung in Baden-Württemberg, Bremen und Niedersachsen und die schlechteste in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Limitierender Faktor sei dabei nicht die Verfügbarkeit von Fachkräften, die vor allem im Osten eigentlich ausreichend vorhanden seien, sagte Andreas Baierl vom Österreichischen Institut für Familienforschung. „Es scheitert eher an finanziellen Mitteln.“ Gerade in Zeiten rückläufiger Geburtenzahlen gebe es derzeit eigentlich eine historische Chance, die Personalausstattung zu verbessern, ergänzte Kathrin Bock-Famulla, Senior-Expertin der Bertelsmann Stiftung.
Chancengleichheit hänge von Personalkapazitäten ab
„Kitas könnten Kinder in ihrer Bildung und Entwicklung deutlich besser fördern, wenn sie eine bedarfsgerechte Personalausstattung hätten“, betonte Bertelsmann-Bildungsdirektorin Anette Stein. Das gelte vor allem für Kitas mit vielen mehrsprachigen Kindern und Kindern mit Eingliederungsbedarf. Diese Aufgaben stellten besondere pädagogische Anforderungen dar, so Stein: „Chancengerechtigkeit kann es nur geben, wenn es gelingt, auf alle Kinder entsprechend ihrer Bedarfe einzugehen.“ Wichtig seien aber auch die pädagogische Qualifikation und funktionierende Teamprozesse.
Wie die erhobenen Zahlen zeigen, gelingt es in den Bundesländern nur teilweise, Kitas mit einem hohen Anteil an förderbedürftigen Kindern auch mit mehr Personal auszustatten. In Hessen und im Saarland sinkt die Personalausstattungsquote sogar mit steigendem Anteil an Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache. Etwas besser sieht es bei der Betreuung von Kindern mit Eingliederungshilfe aus. Den meisten Bundesländern gelingt es, den zusätzlichen Aufwand auch mit mehr Personal zu hinterlegen – wenn auch selten mit dem als ideal empfohlenen Schlüssel.
Einen wichtigen Anhaltspunkt könnte die Personalausstattungsquote auch für die Steuerung von Mitteln für die sogenannten „Startchancen-Kitas“ liefern, die Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart haben. Analog zum bereits laufenden Startchancen-Programm für Brennpunktschulen wollen die Regierungsparteien die Startchancen-Kitas „nach den bereits in den Ländern entwickelten Sozialindizes bürokratiearm fördern, insbesondere mit einem Chancenbudget“, heißt es dazu im Koalitionsvertrag. Die Mittel könnten dann vor allem an Kitas gehen, die „aufgrund der Förderbedarfe ihrer Kinder zusätzliches Personal benötigen“, so die Stiftung.
Allerdings zeigten die Daten, dass viele Kitas noch nicht einmal die fachlich notwendige personelle Grundausstattung für eine gute frühe Bildung aufwiesen – und die Mittel des Startchancen-Programms dann womöglich nur dazu genutzt würden, die Lücken abzudecken, warnte Bock-Famulla. „Das Programm würde jedoch vor allem dann Wirkung entfalten, wenn die daraus finanzierten zusätzlichen Personalstunden tatsächlich für die Arbeit mit den Kindern mit besonderen Förderbedarfen zur Verfügung stehen.“
Schon jetzt klagten viele Erzieherinnen und Erzieher, dass sie ihren Bildungsauftrag kaum noch erfüllen könnten und häufig nur noch in der Lage seien, die Kinder zu beaufsichtigen. „Die Forschung zeigt, dass bei unzureichender Personalbesetzung die Prozessqualität in der Einrichtung deutlich sinkt“, sagte Bock-Famulla. Diese Rückmeldung bekomme man zunehmend auch von den Eltern.
Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.