Am kommenden Wochenende werden sich in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate erneut Vertreter der Ukraine und Russlands treffen – aber dieses Mal möglicherweise ohne die USA. US-Außenminister Marco Rubio sagte: „Es könnte eine US-Präsenz geben, aber es werden nicht Steve und Jared sein.“ Gemeint sind der US-Sondergesandte Steve Witkoff und Jared Kushner, Schwiegersohn von Präsident Donald Trump.
Es wird sogar spekuliert, dass nicht nur die Top-Verhandler der USA dem Treffen in Abu Dhabi fernbleiben werden, sondern dass Washington gar keine Vertreter schickt.
Damit wären die Gespräche die ersten bilateralen Konsultationen auf dieser Ebene seit den Gesprächen in Istanbul im Sommer 2025. Damals hatte Russland eine Delegation ohne Mandat entsandt, die dann unter anderem vorschlug, nach Russland verschleppte ukrainische Kinder gegen gefangene russische Soldaten auszutauschen.
Bei der aktuellen Verhandlungsrunde in Abu Dhabi sieht der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha „qualitative Veränderungen“. Sybiha sagte über das erste Treffen in Abu Dhabi vor einer Woche: „Das waren andere Leute, und es gab keine pseudohistorischen Vorträge mehr. Die Gespräche waren sehr zielgerichtet.“
Die entscheidende Frage vor der nächsten Runde ist, ob es tatsächlich einen qualitativen Schub geben könnte. Gerätselt wird auch über die Strategie der Trump-Regierung. Will Washington ein Format schaffen, das es den „beteiligten Parteien einfacher macht, in einigen dieser Fragen Flexibilität zu zeigen“, wie US-Außenminiter Marco Rubio sagte?
Oder liegt der Grund in der Einsicht, dass Witkoff und Kushner die Dynamik im Umgang mit dem Kreml verloren haben und dass es in Abu Dhabi für die USA nichts zu gewinnen gibt, wie andere andeuten? Die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, sagte noch am Montag zu den Gesprächen: „Präsident Trump ist weiterhin stark involviert.“
Aber egal, ob es einen neuen Ton oder eine Beteiligung der USA geben wird – drei Themenfelder bleiben zentral, und bei keinem zeichnet sich Bewegung ab: bei territorialen Fragen, der Kontrolle über das Atomkraftwerk Saporischschja sowie den Sicherheitsgarantien für die Ukraine.
Erstens: Dass die Ukraine von Russland geforderte Gebiete kampflos aufgibt, scheint nahezu ausgeschlossen, aus mehreren Gründen. Dafür bräuchte es eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Rada, dem ukrainischen Parlament, und die ist fraglich.
Zweitens: Bei diesen Gebieten handelt es sich um eine Region, die seit Beginn des Krieges 2014 schwer befestigt wurde. Die Ukraine würde folglich ein ganzes Verteidigungssystem kampflos aufgeben, an dem sich Russland seit Beginn der Großoffensive vor vier Jahren die Zähne ausbeißt.
Und drittens würde Kiew mit der Abtretung des Donbass zehntausende Bewohner und deren Besitz an Russland ausliefern. Laut Rubio ist das Thema territorialer Zugeständnisse eine „Brücke, die noch nicht überquert“ wurde.
Die Kontrolle über das Kernkraftwerk Saporischschja fordert Kiew – abgesehen von der benötigten Energie aus dem größten AKW Europas –, weil Moskau damit ein nukleares Faustpfand und eine potenzielle schmutzige Bombe im Herzen der Ukraine in der Hand hat. Die Reaktoren sind heruntergefahren, benötigen aber dauerhafte Kühlung, um eine Kernschmelze zu verhindern. Schon mehrfach kam es wegen der Kämpfe um das AKW zu Ausfällen der Stromversorgung, Notstromaggregate mussten einspringen.
Die Abkopplung Saporischschjas von der Energieversorgung, der Beschuss der stillgelegten Atomanlage in Tschernobyl sowie der Energieversorgung anderer Kernkraftwerke haben dieses Bedrohungsszenario real werden lassen.
Bei den Sicherheitsgarantien scheinen sich ebenfalls beide Seiten festgefahren zu haben. Rubio stellte klar, dass es ohne die Stationierung von zumindest einigen europäischen Kontingenten nicht gehen werde. Das aber schließt Moskau kategorisch aus. Außenminister Sergej Lawrow sagte im Dezember, Russland betrachte ausländische Truppen in der Ukraine als „legitime Ziele“.
„Es gibt buchstäblich keinen öffentlichen Hinweis darauf, dass Russland zu Kompromissen bereit ist“, sagte der ehemalige US-Botschafter in der Ukraine, John Herbst, der „Kyiv Post“. In den Abu-Dhabi-Gesprächen sieht er eher „taktische Manöver“ als eine ernsthafte Suche nach Resultaten.
Dabei habe der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj so ziemlich allem zugestimmt, was ihm Trump vorgelegt habe – während Russland allem zugestimmt habe, was nicht auf dem Tisch liege. Die Ukraine, so Herbst, müsse versuchen sicherzustellen, dass im Falle eines Scheiterns der Gespräche nicht wieder Kiew die Schuld gegeben werde.
Aber Russland will nach Einschätzung von Herbst auch austesten, wie weit man darin gehen könne, zusammen mit den USA über den Kopf eines Landes hinweg Dinge zu verhandeln wie die Abtretung von Territorien, die man militärisch nicht einnehmen könne. Dass Russland in genau dieser Phase der Diplomatie die Bombardements auf zivile Infrastruktur massiv intensiviert habe, so Herbst, sei jedenfalls „eine Botschaft, kein Zufall“.
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