Präsident Miguel Díaz-Canel geht in der ersten Reihe voran. Kubanische Jugendliche marschieren mit Fackeln in der Hand durch Havanna, wie jedes Jahr zu Ehren des Nationalhelden José Martí, um das Erbe der Revolution zu feiern. In sozialen Netzwerken tauchen anschließend geschickt geschnittene Clips auf, die eine Geschlossenheit von Staat, Partei und Volk gegen den ideologischen Todfeind USA demonstrieren sollen. Zumindest die Propagandamaschinerie funktioniert weiter. Sie soll das Narrativ einer ungebrochenen Unterstützung für Kubas Machthaber verbreiten. Zeitgleich lässt Díaz-Canel militärische Manöver absolvieren, um sich auf eine mögliche US-Invasion vorzubereiten. Denn es steht nicht gut um die seit 1959 herrschende, dienstälteste Diktatur Lateinamerikas. Weite Landesteile versinken regelmäßig wegen tagelanger Stromausfälle in Dunkelheit. Produktionsausfälle verschärfen die ohnehin katastrophale Versorgungslage. Subventionierte Öllieferungen aus Venezuela, die Kuba für seine Energieversorgung dringend braucht, sind seit der Festnahme von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro durch US-Spezialeinheiten mehr als ungewiss.

Öltanker ändert seinen Kurs

Auch Mexiko könnte den Ölhahn zudrehen. Zumindest hat nach Informationen des Portals „14ymedio“ der Tanker „Swift Galaxy“ überraschend Kurs auf Dänemark statt auf Kuba genommen, mit 700.000 Barrel Öl an Bord. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum will offenbar die neu gestarteten Verhandlungen über das Handelsabkommen TMEC mit den USA und Kanada vorerst nicht belasten.

Weil auch das iranische Regime ums Überleben kämpft und zudem russische Tanker aufgrund der US-Militärpräsenz in der Karibik nicht mehr so einfach nach Kuba gelangen, müssen Havannas Kommunisten mit ansehen, wie sich das Netzwerk ihrer Unterstützer stückweise auflöst.

Laut US-Präsident Donald Trump steht Kuba bereits „vor dem Kollaps“. Washington wittert eine historische Chance, bald den geopolitischen Brückenkopf Russlands und Chinas in der Region zu kontrollieren. US-Außenminister Marco Rubio, Sohn kubanischer Einwanderer und ein scharfer Kritiker des Regimes in Havanna, sagte: „Wir würden uns über einen Regimewechsel in Kuba freuen.“

Sollte der Nachschub mit Öl tatsächlich weiter ausbleiben, würde es das Regime in große Bedrängnis bringen. „Öllieferungen aus dem Ausland waren für das kommunistische Castro-Regime schon immer von entscheidender Bedeutung“, sagt der kubanische Oppositionspolitiker José Daniel Ferrer im Gespräch mit WELT. Er lebt seit einigen Wochen in Miami, nachdem er mehrere Jahre in kubanischen Gefängnissen verbringen musste. Das Regime duldet keinerlei oppositionelle Organisationen oder Parteien.

„Drei Jahrzehnte erhielt das kubanische Regime täglich etwa 93.000 Barrel Öl aus der Sowjetunion. Als dann die sowjetischen Öllieferungen ausblieben, stürzte das Land in den 90er-Jahren in die bis dato schlimmste Krise“, sagt Ferrer. Das Regime habe das damals als „Sonderperiode in Friedenszeiten“ bezeichnet.

Dann folgten mit dem Aufstieg von Venezuelas Revolutionsführer Hugo Chávez neue Öllieferungen, der mit seinem Programm „Petrocaribe“ systematisch Machtpolitik mit subventioniertem Öl für ideologisch befreundete Staaten betrieb. Die sind inzwischen auch Geschichte. „Und jetzt wissen wir nicht, ob diese Aussetzung der Öllieferungen aus Mexiko an das kubanische Regime endgültig oder nur vorübergehend sein wird“, sagt Ferrer.

Weil es Kuba nie schaffte, eine eigene Energie-Souveränität aufzubauen, ist die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus dem Ausland eine große Schwachstelle. Lange Schlangen an den Tankstellen und Sprit zu hohen Preisen zerren an den Nerven der Kubaner, dazu die Zeiten ohne Elektrizität. „Es ist die Rede von Stromausfällen von mehr als 40 Stunden in vielen Dörfern und Städten des Landes. Die veralteten Wärmekraftwerke verbrauchen zu viel Kraftstoff und haben ständig Ausfälle und Störungen.“

Kubas Regime wiederum macht das jahrzehntelange Handelsembargo für die Krise verantwortlich. Lateinamerikas Linksregierungen fordern seit jeher ein Ende der US-Blockade, schweigen aber ebenso konsequent zur brutalen Repression des kubanischen Ein-Parteien-Systems und zu den menschenunwürdigen Zuständen, in denen rund 1200 politische Gefangene auf Kuba leben müssen.

Kritik an Europas Politikern

Europa dagegen hat weder eine eigene Strategie noch eine Vision, wie es mit Kuba weitergehen könnte. Die kubanische Opposition fordert von Brüssel mehr Engagement für die demokratischen Kräfte in der Zivilgesellschaft. „Die EU muss die Menschenrechtsverletzungen nachhaltig verurteilen und die Zivilgesellschaft öffentlich und mit pro-demokratischen Mitteln unterstützen. Derzeit gibt es keinen einzigen Euro für die Zivilgesellschaft“, sagt Javier Larrondo von der exilkubanischen Gefangenenhilfsorganisation Prisoners Defenders im Gespräch mit WELT.

Die EU müsse mehr Druck gegen die Zwangsarbeit ausüben, von der das Regime durch die Vermietung von Arbeitskräften weltweit profitiere. Europa müsse sich besser mit den USA abstimmen. Die Europäer würden Trump einerseits vorwerfen, zu verständnisvoll mit Russlands Putin umzugehen, würden sich aber anderseits selbst vor einer scharfen Verurteilung von Kubas Regime scheuen.

Unterdessen haben weite Teile des kubanischen Volkes bereits ihre Entscheidung getroffen und mit den Füßen abgestimmt. Als Reaktion auf die drakonischen Gefängnisstrafen nach den historischen Sozialprotesten im Jahr 2021 haben schätzungsweise bis zu eine Million Kubaner das Land verlassen. Das entspricht einem Zehntel der Bevölkerung.

Vor allem die junge Generation sieht keine Zukunft mehr. Die jungen Kubaner fehlen nun überall in der Produktion. Viele, die geblieben sind, hoffen darauf, dass die Amerikaner irgendwie eingreifen, trauen sich aber nicht, das öffentlich zu sagen.

Die USA schauen sich derweil die langsame Implosion des kubanischen Systems aus der Ferne an. Ihr Kalkül dürfte sein, als Konkursverwalter einen Neuaufbau des Systems einzuleiten, in dem dann ein neuer Machthaber offen für eine Kooperation mit den USA ist. Donald Trump ließ jüngst wissen, die USA müssten eigentlich gar nichts mehr tun. Kuba würde ohnehin in sich zusammenbrechen.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

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