Erst nach und nach wird das ganze Grauen sichtbar. Eine wochenlange Blockade des Internets hatte den Iran von der Außenwelt abgeschnitten. Nur spärlich drangen Nachrichten vom brutalen Vorgehen des Regimes gegen Demonstranten, die seit Anfang Januar gegen die Machthaber auf die Straße gehen, nach außen.
Mittlerweile ist die Kommunikation phasenweise wieder möglich. Immer mehr Details über das Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte werden öffentlich. Das ganze Bild der Brutalität scheint jedoch noch längst nicht erfasst.
Die Human Rights Activists News Agency, eine iranische Menschenrechtsorganisation mit Sitz in den USA, hat mehr als 6000 Tote bestätigt, weitere 17.000 Todesmeldungen werden derzeit überprüft. Andere Quellen aus dem Iran berichten von noch höheren Todeszahlen, der Sender Iran International mit Sitz in London spricht gar von 36.500 Toten.
WELT dokumentiert die Augenzeugenberichte einer Familie – übermittelt per Chatnachrichten, Sprachaufzeichnungen und Anrufen an eine Angehörige in Deutschland. Sie schildern explizit und im Detail, was passierte, nachdem das Internet am 8. Januar ausgegangen war. Die Redaktion hat Angaben zu den familiären Verhältnissen verfremdet, um keinen Rückschluss auf die Identitäten der Zeugen zuzulassen.
Dieser Text enthält explizite Darstellungen von Gewalt. Die Schilderungen können für manche Leser belastend sein.
Bericht der Cousine
Was ich hier schreibe, ist der Bericht meiner Cousine. Sie hatte mehrmals versucht, mir auf Instagram zu schreiben, hatte ihre Nachrichten aber immer wieder gelöscht, weil sie Angst hatte, sie könnten für mich so schrecklich sein, dass ich es nicht ertragen würde. Doch dann schrieb sie mir plötzlich – und rief mich direkt danach an, um alles im Detail zu erzählen. Sie hatte Angst, dass das Internet wieder abgeschaltet würde, und sie wollte, dass ich die Stimmen unserer Landsleute weitertrage. Vielleicht, weil ich außerhalb Irans bin, könnte ich etwas bewirken.
Sie sagte, am 11. Januar, vier Tage nach dem Protest-Aufruf von Reza Pahlavi (ältester Sohn des ehemaligen Schahs, Anm. d. Red.) hätten die Menschen die Straßen noch immer nicht verlassen. Sie war im Stadtteil Punak. Sie rief Parolen mit der Menge, als die Sicherheitskräfte plötzlich angriffen. Sie floh und suchte Schutz in einer Ecke.
Sie sah einen jungen Mann – groß, etwas kräftig –, der davonlief. Fünf oder sechs Beamte jagten ihm hinterher und packten ihn von hinten. Als sich sein Oberteil hochzog, sah man die Spuren von Schrotkugeln und blaue Flecken an seinem Körper. Er versuchte verzweifelt, sein T-Shirt wieder herunterzuziehen, damit man nicht sah, dass er schon an früheren Protesten teilgenommen hatte.
Die Beamten umringten ihn. Als er merkte, dass es kein Entkommen gab, begann er zu schreien. Einer der Beamten warf ihn zu Boden. Ein anderer packte seinen Kopf mit beiden Händen und schlug ihn mit voller Wucht auf den Asphalt. Ein weiterer schlug ihm mit dem Kolben eines Gewehrs ins Gesicht – so heftig, dass seine Nase völlig zertrümmert wurde. Plötzlich schrie der junge Mann laut auf – und verstummte.
Einer der Beamten sagte, er bewege sich nicht mehr. Sie begannen zu jubeln und zu schreien. Ihr Vorgesetzter kam dazu, stellte seinen Fuß auf die Brust des getöteten jungen Mannes und sagte: „Pssst … ruhiger. Den Rest der Feier verlegen wir auf die Wache.“
Meine Cousine weinte und sagte, sie empfinde Scham und Schuld, weil sie nicht eingegriffen habe und vor ihren Augen ein Landsmann getötet worden sei. Sein Gesicht sei ihr mit allen Details ins Gedächtnis eingebrannt.
Als die Beamten weg waren, begann sie zu rennen. An den Eingängen einiger Gassen hatten Anwohner bereits mit Sprühfarbe „Sackgasse“ geschrieben, damit Demonstranten nicht hineingerieten und stattdessen in andere Straßen flüchten konnten.
Während sie lief, sah sie etwas weiter vorne einen jungen Mann, der zu Boden stürzte – direkt vor die Füße eines Beamten. Dieser schien sich zu freuen, sagte „Aha!“ und schoss mit einer Kriegswaffe direkt auf ihn. Das Gesicht des Jungen wurde vollständig zerfetzt, er starb auf der Stelle. Sie sagte, sie wisse nicht, welche Waffe benutzt wurde, aber die Mündungsflamme reichte bis zu einem Meter weit.
In derselben Nacht sah sie, wie mehrere Beamte einen jungen Mann packten und ihn mit Messern und Macheten – wie Schlachter – abschlachteten und seinen Körper an den Straßenrand warfen.
Sie sah auch, wie Beamte junge Frauen – verletzte und unverletzte – übereinander in ein separates Fahrzeug warfen und sagten: „Wir töten euch nicht. Erst vergewaltigen wir euch, dann töten wir euch.“ Dann fuhr das Auto los.
Sie sagte, sie wisse nicht, wie sie überlebt habe. Sie wisse nicht, wie sie heil nach Hause gekommen sei. Und sie weinte wieder. Nicht wegen der Schmerzen ihres Körpers, der von Schlagstockhieben übersät war, und nicht wegen des Tränengases, von dem sie noch immer hustete und Übelkeit verspürte – man sage, es seien auch chemische Gase eingesetzt worden –, sondern weil sie das Gefühl habe, ihre Seele sei gestorben. Sie fühle Schuld, weil sie lebe.
Der einzige Grund, warum sie noch lebe, sei, ihre Stimme weiterzugeben – die Stimme der Menschen, die nicht nur an den Tagen des Aufrufs, sondern auch in den Tagen danach auf den Straßen waren und auf Hilfe warteten. Mit leeren Händen waren sie hinausgegangen, so friedlich wie möglich, um deutlich zu machen, dass diese Regierung keine Legitimität habe und sie sie nicht wollten. Die Antwort seien Kugeln und Massaker gewesen.
Am Tag nach ihrer Rückkehr erfuhr sie, dass die junge Tochter einer Nachbarsfamilie ins Bein geschossen worden war. Aus Angst, man könne ihr Kind im Krankenhaus entführen, pflegten sie sie zu Hause. Doch das Kind starb. Ein winziges schwarzes Stoffstück war an das Garagentor geheftet – sie durften keine Traueranzeige an der Haustür anbringen, und selbst die Beerdigung musste still und mit wenigen Menschen stattfinden.
Bericht der Mutter
Ich komme aus einer großen Familie – viele Geschwister, Nichten und Neffen. Die meisten von ihnen waren während der Aufrufe und in den Nächten danach auf der Straße. Erst seit Kurzem habe ich wieder Kontakt zu ihnen, und wir können detaillierter über die jüngste Revolution sprechen.
Gestern rief ich meine Mutter an, und sie erzählte mir ihre Geschichte. Als zu dem Protest aufgerufen wurde, ging sie zum Haus meiner Schwester im Viertel Ashrafi Esfahani. Ihre beiden Töchter gingen zu den Protesten, baten sie aber, zu Hause zu bleiben. Meine Mutter sagte ihnen, der Stress, allein zu Hause zu bleiben, sei für sie tödlicher, als mit ihnen hinauszugehen.
Sie hatte 1979 an den letzten Tagen der Revolution teilgenommen und fühle Schuld, vielleicht einen winzigen Anteil an der Entstehung der Islamischen Republik gehabt zu haben. Wenn sie sterben müsse, sagte sie, dann lieber jetzt, wo so viele junge Menschen sterben.
In der ersten Nacht waren sie im Viertel Shahran. Die Menschen hatten Bilder von Chamenei und Kassem Soleimani (ehemaliger Kommandeur der Al-Kuds-Brigade, Anm. d. Red.) sowie städtische Banner heruntergerissen und stattdessen die Löwe-und-Sonne-Flagge (Flagge des Irans vor der Islamischen Revolution, Anm. d. Red.) gehisst. Die Feuer, die sie entzündeten, dienten dazu, die Wirkung des Tränengases zu lindern. Die Rufe waren „Lang lebe der Schah“, „Pahlavi kommt zurück“ und „Tod Chamenei“. Die Menschenmenge war riesig.
In der ersten Nacht setzten die Sicherheitskräfte vor allem Schlagstöcke, Tränengas und Warnschüsse ein, meist mit Schrotflinten. In der zweiten Nacht, wieder in Shahran, sah sie plötzlich, wie ein Beamter ein junges Mädchen an den Haaren packte und über den Boden schleifte. Das Mädchen sagte: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Der Beamte antwortete: „Den Fehler hättest du machen sollen, bevor du das Haus verlassen hast.“
Plötzlich kamen von oben Motorräder mit Sicherheitskräften, die die Menge in zwei Teile schnitten. Ein Polizeiwagen überfuhr einen jungen Mann. Menschen, die nicht auf der Straße waren, schrien aus den Fenstern; die Beamten antworteten mit obszönen sexuellen Beleidigungen und schossen auf die Fenster.
Als die Beamten näherkamen, öffnete sich plötzlich die Tür eines Hauses. Ein junger Mann zog meine Mutter, meine beiden Schwestern und mehrere andere in den Hof. Die Nachbarn schickten sie auf das Dach. Die schwere Metalltür hielt stand; als die Beamten sie nicht aufbrechen konnten, zogen sie ab. Zwei bis drei Stunden saßen sie im Treppenhaus. Als es ruhiger wurde, ging derselbe Mann unter dem Vorwand, Müll rauszubringen, hinaus und sagte ihnen, sie könnten jetzt gehen. Sie rannten los. Der Sohn einer Frau aus der Gruppe fand sie unterwegs und brachte sie mit dem Auto nach Hause.
Am nächsten Tag waren die Straßen rot von getrocknetem Blut. Doch die Menschen sprachen schon wieder davon, abends auf die Straße zu gehen. Sie hatten kein Internet und wussten nicht, wie viele getötet worden waren. Als meine Mutter nach Tagen mit Mühe wieder Zugang bekam und die Videos der Getöteten sah, weinte sie den ganzen Tag.
Gestern kam eine Nachbarin völlig aufgelöst zu ihr und erzählte, dass in Gorgan drei junge Männer aus ihrer Familie – Anführer der Proteste – festgenommen worden seien. Am nächsten Tag seien alle drei ohne Gerichtsverfahren standrechtlich hingerichtet worden. Für die Herausgabe der Leichen verlange man Geld. Viele, die nicht auf den Demonstrationen getötet worden seien, würden nun standrechtlich erschossen. Niemand wisse, wie lange er noch leben werde.
Meine Mutter sagte mir, sie wisse, dass ich nicht mehr nach Iran zurückkehren könne, solange dieses Regime herrsche – wegen meiner Aktivitäten in den sozialen Medien würde man mich sofort festnehmen. Ich solle mutig sein und alles, was ich gehört habe, weitergeben. Die Stadt rieche noch immer nach Blut.
Bericht eines Neffen
Der dritte Bericht stammt von unserem Neffen, der in einem staatlichen Krankenhaus im Zentrum Teherans im OP arbeitet. In der zweiten Nacht der Proteste hatte er Nachtschicht.
Er sagte, das Krankenhaus habe nach Blut und Massaker gerochen. Verletzte kamen einer nach dem anderen. Viele starben noch auf dem Boden, bevor sie den Reanimationsraum erreichten. In einer endlosen Nacht seien allein zehn Arme und Beine amputiert worden – verursacht durch Kriegsmunition. Viele waren schon tot, bevor sie den OP erreichten.
Mitten in einer Operation stürmten bewaffnete Beamte den sterilen OP-Bereich und verlangten die Krankenakten. Er sagte, er sei nicht für die Akten zuständig und kenne die Namen nicht. Sie bedrohten ihn und sagten, sie würden zurückkommen. Ein Kollege aus der Notaufnahme wurde noch in derselben Nacht festgenommen; seit einer Woche wisse niemand, wo er sei oder ob er noch lebe. Er wisse nicht, wann sie auch ihn holen würden.
Bericht des Cousins
Mein Cousin ist erst Anfang zwanzig. In der ersten Nacht des Aufrufs wurden er und seine Freunde festgenommen, damit sie nicht demonstrieren gingen. Am nächsten Tag ließ man sie frei. Als er mit dem Motorrad nach Hause fuhr, brannten ihm Hals und Augen vom Geruch von Blut und Tränengas.
Zu Hause war niemand – alle waren auf der Straße. Die Telefone funktionierten nicht, nicht einmal SMS. Nach zehn Anrufen ging vielleicht einer durch. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er beschloss, nicht mehr zur Armee zu gehen und zu fliehen, um bei den Menschen zu sein. Zwei Tage lang versteckte er sich bei Freunden, weil die Adresse unseres Hauses in seiner Akte stand. Er war überzeugt, die USA würden angreifen und das Regime würde fallen.
Doch nichts geschah. Dann hörte er, dass auf Fahnenflucht die Todesstrafe stehe. Mit Mühe organisierte er ein gefälschtes Attest: Er habe einen Unfall gehabt. Er verletzte sich selbst, damit es glaubwürdig aussah.
Er sagt: Wenn Amerika angreift, ist das ein Problem – er könnte sterben. Greift Amerika nicht an, ist es ein tausendfach größeres Problem, denn unter diesen Bedingungen werden früher oder später alle sterben.
Bericht einer Deutsch-Iranerin
Seit den ersten Tagen der Proteste verfolge ich die Nachrichten. Ich versuche, auf X aktiv zu sein. Ich setze Hashtags, unterschreibe Petitionen, schreibe E-Mails. Ich nehme an Demonstrationen teil und rufe Parolen. Jede Nacht bin ich in Ungewissheit über meine Familie mit Schlaftabletten und unter Tränen eingeschlafen. Ich bin erschrocken aufgewacht und habe die Nachrichten geprüft, ob Trump sein Versprechen eingehalten hat oder nicht.
Inzwischen haben sich zu meiner Wut und Angst auch Hoffnungslosigkeit gesellt. Hoffnungslosigkeit gegenüber der Politik des Landes, in dem ich lebe, das bis heute nicht einmal unsere kleinste Forderung erfüllt hat, nämlich die Ausweisung des Botschafters der Islamischen Republik und den Abbruch der Zusammenarbeit mit regimenahen Einrichtungen.
In einer Erklärung des Auswärtigen Amtes hieß es, iranische Demonstranten im Ausland sollten auf ihre Sicherheit achten, und ich frage mich, wie ich auf meine Sicherheit achten soll. Schon während der Mahsa-Bewegung (Protestbewegung, die im September 2022 nach dem Mord an der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini entstand, Anm. d. Red.) warnte das Außenministerium davor, nach Iran zu reisen, weil man nichts für uns tun könne, wenn wir dort festgenommen würden, und jetzt sagt man uns, wir sollen zu Hause bleiben.
Ich bin verzweifelt. Wir Iraner können die Codes erkennen, die Ali Chamenei in seinen Reden an seine Anhänger und Unterdrückungsorgane außerhalb Irans sendet. In seiner ersten Rede nach dem Massaker bezeichnete Chamenei die Protestierenden im Ausland als Aufrührer und Verräter, und nur zwei Stunden nach dieser Rede wurden mehrere Demonstranten in Hamburg mit Messern angegriffen.
Bei all der Trauer, die ich in mir trage, kann ich mir vorstellen, dass ich eines Tages durch die Straßen Berlins gehe und mir ein Messer in den Rücken gestoßen wird, weil vermutlich jemand, der Chamenei unterstützt, wütend ist über unsere Solidarität mit den Menschen in Iran und auch in Israel.
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