Rechtsextreme Parteien gewinnen in Europa an Zuspruch. Im Februar 2025 verzeichnete die rechtsextreme Parteienfamilie in Europa einen durchschnittlichen Wahlerfolg von 24 Prozent – und zog erstmals seit 1920 mit Konservativen und Sozialdemokraten gleich. In Ungarn oder Italien sind ihre Vertreter an der Macht. In Frankreich oder Deutschland bringen sie sich in Stellung.

Ihre Parteienfamilie nennt sich Neue Rechte, die sich Ende der 1960er und Anfang der 1970er-Jahre als politische Strömung formierte und von der sogenannten alten Rechten unterscheidet. „Unser anfänglicher Kampf richtete sich gegen das ‚Syndikat der alten Rechten‘, das pro Globalisierung, pro EU und auf die neoliberale Agenda ausgerichtet war“, erklärt eine anonyme Quelle aus der Neuen Rechten, die der European Council on Foreign Relations (ECFR) in seiner jüngsten Studie zitiert. Inzwischen sind ihre Forderungen deutlich ehrgeiziger und radikaler.

„The New Right: Anatomy of a Global Political Revolution“ heißt die Studie von ECFR-Chef Mark Leonard, die WELT exklusiv vorliegt. Mit ihrem Erscheinen startet der ECFR eine neue Forschungsreihe, die den Status Quo europäischer Politik analysiert. Die Studie ergründet, was die Neue Rechte ausmacht, und zeigt Wege, wie man ihr begegnen kann.

Der Liberalismus als gemeinsamer Feind

Die Neue Rechte ist nach Leonard eine „hypermoderne“ politische Kraft, die sich an die Bedingungen der 2020er-Jahre angepasst habe. Trotz nationaler Unterschiede folgen alle Parteien demselben Gerüst mit vier in sich verzahnten Säulen, verbunden durch einen gemeinsamen Gegner – den Liberalismus.

Als erste Säule nennt Leonard eine gemeinsame Krisendiagnose, die die Neue Rechte verbindet. Demnach ist die Gegenwart eine „Polykrise“, die unter anderem aus Migration, Krieg oder Pandemie besteht. Dafür macht die Neue Rechte die liberale Ordnung und Globalisierung verantwortlich. Der Liberalismus hat eine Welt voller gegenseitiger Abhängigkeiten geschaffen, die politisch kaum zu kontrollieren sind und Gesellschaften aushöhlen. Die Parteifamilie der Neuen Rechten verkauft sich hier als Retter in der Not: Sie verspricht Ordnung, indem sie bestehende Regeln, Institutionen und Tabus offen angreift. „Zerstören ist der eigentliche Punkt“, lässt Leonard eine weitere Person aus dem Umfeld der Bewegung zu Wort kommen.

Die zweite Säule ist der Aufbau einer neuen Klassenkoalition. Anders als die alte Rechte grenzt sich die Neue Rechte nicht nur nach links ab, sondern auch vom neoliberalen Establishment, auf dem die alte Rechte einst fußte. Die Neue Rechte präsentiert sich als politische Heimat jener Gruppen, die sich als Verlierer der Globalisierung und liberaler Politik empfinden – dazu gehören Arbeiter, Nichtakademiker oder Bewohner strukturschwacher Regionen. Von dort aus will sie ihre Wählerschaft sukzessive und nachhaltig ausbauen. Diese Strategie gilt als „neuer Klassenkrieg“, der sich gegen urbane Eliten, Bürokratien oder Konzerne richtet. Leonard zeigt, dass die Neue Rechte verspricht, kulturellen Konservatismus mit schützender Sozialpolitik zu verbinden – unabhängig davon, wie belastbar dieses Versprechen politisch tatsächlich ist.

Drittens verfügt die Neue Rechte laut der Studie über eine kohärente politische Agenda, mit der sie nationale Kulturen erhalten will. Sie konzentriert sich auf vier Politikfelder: Migration (Abschottung), Wirtschaft (ökonomischer Nationalismus und Reindustrialisierung), Außenpolitik (Souveränität) und Staat (Abbau).

Die Kommunikationsstrategie identifiziert die Studie als vierte Säule. Die Neue Rechte nutzt die Fragmentierung der Öffentlichkeit. Sie dominiert soziale Medien und mobilisiert ihre Anhänger über Emotionen und Identität. „Es geht nicht mehr nur darum, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, sondern darum, unterschiedliche Fakten zu haben.“ Der Verweis auf Meinungsfreiheit dient dabei als Hebel gegen Medien, Wissenschaft und Regulierung.

Wolfgang Schröder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, stimmt den Erkenntnissen der Studie grundsätzlich zu. Die Rechtsaußenbewegung vereine ihre übergreifenden Kräfte zu einem gemeinsamen Überbau, sagt er im Gespräch mit WELT. Laut Schröder bieten die Ergebnisse Grundlage für weitere Analysen, sind aber nicht als Blaupause für das Vorgehen aller Parteien der Neuen Rechten zu verstehen: „Rechtsextreme Parteien agieren nicht in einem luftleeren Raum. Sie unterscheiden sich in ihrer Einordnung in die jeweilige nationale politische Kultur und in das nationale politische Parteiensystem.“

Alle vier Säulen könne man auch in der AfD wiederfinden, sagt Schröder. Die individuelle Ausprägung der AfD, sich inhaltlich radikal und rhetorisch maximal auszuleben, begründet sich in ihrer rechten Monopolstellung in Deutschland. „Wenn eine Partei der monopolistische Akteur im rechten Lager ist, dann ist die Interpretation der gesellschaftlichen Ausgestaltung anders, als wenn sie sich in einem harten Wettbewerb zwischen verschiedenen Gruppen platzieren muss“, erklärt Schröder.

Das mache es aber auch so schwer vorherzusehen, wie sich die AfD entwickeln werde. Rechte Parteien verfolgten zunächst eine Verharmlosungsstrategie, wenn man sie an der Macht beteilige. Darauf gebe es zumindest Hinweise, berichtet Schröder.

Weder kopieren, noch moralisch belehren

Leonard widmet sich in seiner Studie auch der Frage, wie die politische Mitte der Neuen Rechten begegnen kann. Er plädiert dafür, die Neue Rechte weder zu kopieren noch moralisch zu belehren. Man müsse ihr mit „Neugier auf ihre Ideen und Respekt für ihre Wähler“ begegnen, sagt die Studie.

Daraus resultieren für Leonard drei strategische Empfehlungen. Erstens müssen demokratische Parteien eigenes politisches Terrain besetzen, von dem aus sie glaubwürdig sprechen können. Ihre Sprache muss die Unsicherheit und Realität anerkennen, statt sie technokratisch abzumoderieren.

Zweitens müssen Mainstream-Parteien so regieren, dass sie Arbeiter und verletzliche Gruppen nicht zurücklassen. Die Politik der vergangenen Jahrzehnte hat Vertrauen zerstört. Vielmehr ist eine Politik notwendig, die Verlierern wieder Anschluss ermöglicht. Drittens plädiert die Studie für eine neue kollektive Identität, die weder „ethnonationalistisch“ noch zu „woke“ ist. Die Neue Rechte bietet ein emotionales Mehrheitsnarrativ von Nation, Kultur und Zugehörigkeit. Dem muss der demokratische Mainstream etwas ebenso Verbindendes entgegensetzen.

Den Handlungsempfehlungen pflichtet auch Schröder bei. Er befürwortet ebenfalls, weiter nach einer inklusiven Gesellschaft zu streben. Diese müsse aber authentischer kommuniziert werden. „Das heißt aber nicht, von der Minderheitsposition her zu denken, sondern von dort, wo die durchschnittlichen Leute der Gesellschaft sind.“ Das könne zu einer neuen Wir-Konstruktion führen, die offener ist und weniger von einer avantgardistischen Position aus erklärt werde.

Die AfD werde ein dauerhafter Akteur bleiben, mit dem man lernen müsse, zu leben, glaubt Schröder. Für einen erfolgreichen Kampf gegen die AfD „braucht es am Ende ‚Deliverism‘“. Das heißt, dass die Politik nicht nur versprechen, sondern auch liefern müsse.

Till Henniges ist Volontär an der Axel Springer Academy of Journalism and Technology.

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