Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, soll in zwei Jahren neuer Vorsitzender des Nato-Militärausschusses werden. Innerhalb der Allianz gibt es über diese Personalie bereits eine informelle Einigung, insbesondere auf Druck aus Washington, wie WELT AM SONNTAG aus informierten Nato-Kreisen erfuhr. Wichtige Bündnismitglieder wie Frankreich, Großbritannien, Italien, die Türkei und die Niederlande unterstützen die Wahl Breuers demnach ausdrücklich.

Der Nato-Militärausschuss ist das wichtigste militärische Gremium der Allianz. Der 61-jährige Breuer, seit März 2023 Generalinspekteur, würde damit zum militärischen Chefberater von Nato-Generalsekretär Mark Rutte und zum Sprecher der Allianz in Militärfragen. „Die Entscheidung für Herrn Breuer ist fix“, heißt es in Nato-Kreisen. Die Amtszeit des aktuellen Amtsinhabers, Admiral Giuseppe Cavo Dragone aus Italien, läuft turnusmäßig nach drei Jahren im Januar 2028 aus.

Wie WELT AM SONNTAG von hohen Nato-Diplomaten erfuhr, will Washington mit der frühzeitigen Festlegung auf Breuer im Bündnis „Deutschland auch stärker in die Verantwortung nehmen“. Aus Sicht der Regierung von US-Präsident Donald Trump sind Deutschland und die Niederlande künftig die „treibenden Kräfte“ („spearhead“, wörtlich: Speerspitze) bei der Verteidigung des europäischen Kontinents.

Trump schätze Berlins Verlässlichkeit bei der militärischen Unterstützung der Ukraine, aber auch beim Vorgehen im Iran und in Nahost, heißt es. Zudem sei Washington klar, dass Deutschland als reichstes Land in Europa eine Schlüsselrolle zufällt, wenn sich die USA künftig immer stärker aus der konventionellen Verteidigung Europas zurückziehen wollen.

Litauens Ministerpräsidentin Inga Ruginienė sagte im Interview mit WELT AM SONNTAG, dass ihr Land trotz aller Bündnistreue der Nato bereits Vorsorge für diesen Fall betreibe. „Man weiß nie, was passieren kann“, sagte sie. Deshalb müsse die „absolute Top-Priorität“ darin liegen, „die EU zu stärken“.

Angesichts möglicher Veränderungen der amerikanischen Sicherheitsgarantien setzt Litauen auf Abschreckung und Eigenvorsorge. „Ich hoffe, dass wir die US-Streitkräfte in Litauen behalten werden. Wir glauben an ein starkes Nato-Bündnis“, sagte Ruginienė.

Zugleich machte sie deutlich, dass Vilnius alternative Szenarien mitdenkt: „Wir müssen also sehr hart daran arbeiten, dass die Nato stark bleibt. Aber wir müssen gleichzeitig hart daran arbeiten, die EU zu stärken.“ Europa müsse in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen, falls Washington seine Rolle verändere.

Der Vorsitzende der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, schlug eine europäische Initiative zur Verstärkung der nuklearen Abschreckung auf dem nächsten Nato-Gipfel im Juli vor – als Beleg für die europäische Bereitschaft zu mehr Verantwortung. Es sei ein Fehler gewesen, dass die früheren Bundeskanzler Angela Merkel und Olaf Scholz nicht auf das französische Angebot eingegangen seien, über nukleare Themen zu reden, sagte Ischinger WELT AM SONNTAG: „Keiner weiß, ob das zielführend wäre, vermutlich würde es viel Geld kosten. Aber allein das Gespräch wäre wichtig – und das Signal.“

Für einen eigenen atomaren Schutzschirm Europas sei es noch zu früh, sagte Ischinger: „Solange wir die europäischen Fähigkeiten nicht haben und die Arrangements dafür nicht aufgebaut sind, wäre es ein krasser Fehler, aufzugeben, was wir haben.“ Ischinger warnte, man dürfe den Amerikanern „keinen Vorwand geben zu sagen: Ihr braucht uns ja nicht mehr“. Deshalb müsse eine mögliche Verstärkung der europäischen Nuklearfähigkeiten gegenüber Washington mit größtmöglicher Transparenz kommuniziert werden.

Tschechiens stellvertretender Ministerpräsident Karel Havlicek, der auch Industrie- und Handelsminister des Nato-Landes ist, sagte, er begreife die USA weiterhin „als Partner und nicht als Feind“. Angesprochen auf Rüstungsgeschäfte mit den Amerikanern sagte er, Prag werde den Kampfjet F-35 auf jeden Fall anschaffen.

Havlicek sagte, „Made in Europe“ sei gut. „Aber es geht auch darum, Qualität zu kaufen.“ Zuletzt war angesichts des erratischen Handelns der Trump-Regierung die Frage aufgekommen, ob man sich noch auf amerikanische Waffensysteme verlassen könne.

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