Can Sürücü erinnert sich noch gut an den Tag vor 21 Jahren, der sein Leben in ein Davor und ein Danach teilte. „Ich höre einen lauten Knall, und ich sehe, wie sieben Polizisten bei mir in der Wohnung stehen mit gezogener Waffe und jeden Raum Stück für Stück absichern. Als Letztes haben zwei Frauen die Wohnung betreten und sind direkt auf mich zugekommen. Haben gemeint, du musst mit uns mitkommen, wir müssen deine Sachen packen. Ich saß auf dem Bett, hab geheult, ich wusste nicht, was abgeht, was passiert, wer die Leute sind. Ab diesem Tag hat sich mein ganzes Leben für immer verändert.“
Dass seine Mutter Hatun Sürücü tot war, ermordet von ihrem eigenen Bruder an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof, wusste der damals Fünfjährige da noch nicht. Der sogenannte Ehrenmord an seiner Mutter hat Deutschland vor 21 Jahren aufgerüttelt; der ruchlose Mord wurde zum Symbol für patriarchale Gewalt und den verzweifelten Kampf junger Frauen um ein selbstbestimmtes Leben. Dafür stand Hatun Sürücü exemplarisch.
1982 in Berlin einer türkisch-kurdischen Familie geboren, wurde sie mit 16 Jahren gezwungen, einen Cousin in Istanbul zu heiraten. Als sie schwanger wurde, verließ sie ihn, kehrte zurück nach Berlin, bringt ihren Sohn Can zur Welt, legte das Kopftuch ab und begann eine Lehre als Elektroinstallateurin. Die junge Frau sei wegen ihres „westlichen Lebensstils“ getötet worden, hieß es später im Prozess gegen den Mordschützen. „Weil sie ihr Leben lebte, so wie sie es für richtig hielt.“ Bruder Ayhan Sürücü, der das Verbrechen „im Namen der Ehre“ verübte und von zwei weiteren Brüdern sekundiert wurde, ließ sich dafür von nicht wenigen aus der Community feiern.
Was aus dem kleinen Jungen wurde, der am 7. Februar 2005 seine Mutter verlor, war lange ungewiss. Vor einigen Wochen nun entschied sich der inzwischen 26-Jährige, der bei Adoptiveltern in Süddeutschland aufgewachsen ist, über eine Reihe von YouTube-Videos mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.
„In erster Linie geht es mir darum, als Sohn Stellung zu beziehen, damit meine Mutter nicht in Vergessenheit gerät“, sagt Can Sürücü. In seinen Videobeiträgen erzählt er etwa von dem Spielplatz, auf dem er mit seiner Mutter war, der Kita, die er besucht hat, von der Wohnung, in der sie gelebt haben.
An diesem Montag sitzt er auf Einladung von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) im Roten Rathaus und wirkt fast ein wenig eingeschüchtert angesichts der Aufmerksamkeit, die auf ihn einprasselt.
„Cans Geschichte ist auch unsere Geschichte, weil es uns umgehauen hat, als seine Mutter vor 21 Jahren von ihrem Bruder umgebracht wurde“, sagt Güner Balci, die Integrationsbeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln. Wie viele andere habe auch sie sich immer wieder gefragt, was aus dem kleinen Jungen geworden ist. Als er dann plötzlich in den sozialen Medien aufgetaucht sei, habe es sie noch mal umgehauen, diesen jungen Mann zu sehen, in all seiner Verletzlichkeit, aber doch so stark.
„Die Geschichte deiner Mutter hat gezeigt, dass wir in Deutschland ein massives Problem haben, wenn Frauen nicht ihr Leben leben dürfen und sogar mit dem Leben dafür bezahlen“, sagt Balci. „Heute sind es die Kinder dieser Frauen, die nach und nach an die Öffentlichkeit treten und sich ihre Geschichte zurückholen. Du bist da ein sehr großes und wichtiges Vorbild.“
Auch Wegner zeigt sich berührt von der Begegnung, wirbt gleichzeitig dafür, „Probleme beim Namen zu nennen, ohne dass immer gleich die Rassismus-Keule geschwungen wird“. Männer, die im Namen einer sogenannten Ehre unterwegs seien, seien in Wahrheit feige und ehrenlos, sagt Wegner. Dennoch gebe es auch 21 Jahre nach Sürücüs Tod noch Bedrohungen und Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Namen der sogenannten Ehre.
Laut offizieller Statistik wurden 2024 in Berlin acht Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, zwei weitere von einem Familienmitglied oder einem Angehörigen. Alle Täter waren Männer. „Das sind Dinge, wo wir ranmüssen, die wir nicht länger verschleiern dürfen“, sagt Wegner. „Ich möchte, dass alle Mädchen, alle jungen Frauen in Berlin, der Stadt der Freiheit, auch frei aufwachsen können.“
„Das Wort Femizid wird der Sache nicht gerecht“
Für viele Mädchen und junge Frauen ist das aber offenbar nach wie vor eine Illusion, wie Sevil Yildirim vom Frauen- und Mädchentreff MaDonna erzählt. 99 Prozent ihrer Besucherinnen seien in der einen oder anderen Form von arrangierten Ehen oder Zwangsehen bedroht, sagt Yidirim. Vor allem in den Sommerferien würden viele junge Mädchen in die Heimatländer ihrer Eltern verschleppt und verheiratet – so wie einst Hatun Sürücü. Und viele seien auch heute noch von „Ehrenmord“ bedroht, sagt Yidirim. „Das muss man auch so benennen. Das Wort Femizid wird der Sache nicht gerecht.“ In solchen Fällen gehe es nicht um einen Mord, den nur ein einzelner zu verantworten habe. „Die ganze Familie beschließt, jemanden zu ermorden.“
Can Sürürü berichtet jedenfalls, die Resonanz auf seine Videos sei überwältigend gewesen, auch von Betroffenen patriarchaler familiärer Strukturen. „Ich habe viele Nachrichten bekommen von jungen Frauen, die das Gespräch mit mir gesucht haben und mir einfach ihre Geschichte erzählen wollten“, sagt er. Mit einigen habe er auch telefoniert. „Die Reaktionen sind echt nur positiv. Das ist für mich am Ende des Tages auch eine Bestätigung, dass ich dann auch was Richtiges mache.“
Erst mit 14 Jahren sei ihm vom Jugendamt erzählt worden, was genau seiner Mutter passiert sei, sagt Can Sürücü in einem Video, das er mit seinem Freund Ramo und dem YouTuber Said Ibrahim aufgenommen hat. „An diesem Tag ist für mich eine ganze Welt zusammengebrochen.“ Danach habe er sein Leben gegen die Wand gefahren, Dinge getan, die er heute bedaure. Es habe gedauert, bis er sich aus dem Sumpf aus Trauer, Depressionen, Gewalt und Drogen herausgezogen habe, sagt Sürücü.
Auch heute kämpfe er noch mit seiner Vergangenheit. Doch jetzt habe er sich entschieden, diese Geschichte zu erzählen und auch anderen betroffenen Frauen „ein Licht zu geben“, wie er sich ausdrückt. „Ich versuche zu vermitteln, was mir passiert ist und vielen anderen Menschen auf der Welt. Mord ist nie eine Lösung.“
In seinem Instagram-Account hat Sürücü ein Foto von sich als Baby mit seiner strahlenden Mutter Hatun gepostet. „Vor 21 Jahren ist meine Mama von uns gegangen, ein Tod der nicht sein sollte, so wie viele andere. Sie wird für immer ein Zeichen sein und sie wird niemals vergessen. Ich werde dich immer bei mir haben.“
Auch Berlin werde Sürücü ein ehrendes Andenken bewahren, verspricht Wegner. „Wir werden deine Mama nie vergessen. Sie wäre verdammt stolz auf dich.“ An der Ecke des ehemaligen Wohnhauses der Familie in Berlin-Tempelhof wurde ein Jahr nach Sürücüs Tod ein Gedenkstein aufgestellt.
„Hier wurde Hatun Sürücü (geb. 1982) am 7. Februar 2005 ermordet, weil sie sich Zwang und Unterdrückung ihrer Familie nicht unterwarf, sondern ein selbstbestimmtes Leben führte“, steht darauf in Deutsch und Türkisch. „Zum Gedenken an sie und die weiteren Opfer von Gewalt gegen Frauen in dieser Stadt.“
Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.
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