- Laut Gesundheitsökonom Rothgang ist das deutsche Gesundheitssystem ineffizient.
- Rothgang kritisiert vor allem die strikte Trennung der Versorgung und den Mangel an Prävention.
- Außerdem bemängelt er zu viele kleine Kliniken und stockende Reformen.
Das deutsche Gesundheitssystem gehört zu den teuersten weltweit – doch dieser hohe Aufwand schlägt sich nicht in besonders guten Ergebnissen nieder. Darauf weist der Bremer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang im Gespräch mit MDR AKTUELL hin. Obwohl Deutschland im internationalen Vergleich enorme Summen für medizinische Versorgung ausgibt, liege es bei zentralen Indikatoren wie Lebenserwartung oder Überlebensraten nach schweren Erkrankungen lediglich im Mittelfeld. "Offensichtlich geben wir viel Geld aus für mittelmäßige Leistung", sagt Rothgang. "Wir sind ineffizient – und daran müsste man etwas ändern."
Rothgang sieht viel Nachholbedarf
Ein Kernproblem sieht der Ökonom in der strikten Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Der doppelte Aufbau mit Hausärzten, ambulanten Fachärzten sowie parallel existierenden klinischen Fachabteilungen führe zu Brüchen innerhalb der Versorgungsketten. Übergaben funktionierten zu schlecht, die Bereiche arbeiteten oft nebeneinander statt miteinander. Seit Jahrzehnten werde diese "Silostruktur" kritisiert, doch eine echte integrierte Versorgung fehle weiterhin.
Auch bei den Prioritäten im System sieht Rothgang Nachholbedarf. Deutschland investiere zu wenig in Prävention und Gesundheitsförderung und setze stark auf kurative Behandlung, also erst dann, wenn Krankheiten bereits eingetreten sind. Gleichzeitig seien die Preise in vielen Bereichen – etwa bei Arzneimitteln – deutlich höher als in anderen Ländern. Das verschärfe die Ineffizienz zusätzlich.
Zu viele Kliniken in Deutschland
Besonders sichtbar werde dies im Krankenhaussektor. Laut Rothgang existieren in Deutschland zu viele Kliniken, viele davon zu klein und ohne ausreichende Spezialisierung. Dadurch könnten bestimmte Eingriffe nicht in der nötigen Häufigkeit durchgeführt werden, was die Behandlungsqualität beeinträchtigt. Die jüngste Krankenhausreform habe genau hier ansetzen wollen. Doch der Experte warnt: Die Pläne würden "zwischen Ländern und Bund zerrieben", es gebe "Ausnahmen ohne Ende" und der Reformimpuls drohe zu verpuffen.
Ein Blick nach Dänemark zeigt laut Rothgang, dass es auch anders geht: weniger Kliniken, dafür klarere Schwerpunkte – und eine gut funktionierende Versorgung. Zudem könnte ein stärkeres Primärversorgungssystem in Deutschland helfen, Patientenströme besser zu lenken. Der Hausarzt als zentraler Lotse im System sei hierzulande bisher kaum etabliert. "Einfach übertragen kann man nichts", betont Rothgang – aber man könne sich inspirieren lassen. Und anfangen müsse man letztlich überall.
MDR (jst)
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