Drohnen verändern die Kriegsführung. Seit Jahren warnen Militärexperten vor den Folgen dieser Entwicklung. An der Front in der Ukraine sorgen kleine Kamikaze-Drohnen auf beiden Seiten dafür, dass es wenig Bewegung gibt. Kaum ein Trupp oder ein Fahrzeug traut sich aus der Deckung.

Die Frontlinie franst zu einer teilweise dutzende Kilometer breiten Todeszone aus, wo FPV-Drohnen – ferngesteuerte und mit Sprengsätzen bestückte Flugkörper – jederzeit ohne Ankündigung zuschlagen können. Kiew und Moskau setzen Tausende dieser Systeme täglich ein, auf beiden Seiten geht die jährliche Produktion in die Millionen.

Was das für die Nato-Taktik bei einem möglichen russischen Angriff bedeutet, blieb lange vage. Die Allianz fühlt sich Russland technologisch überlegen. Ob diese Einschätzung zutrifft, ist allerdings fraglich – jedenfalls bei Landeinsätzen. Das hat nun die in Estland durchgeführte Übung „Hedgehog 2025“ offenbart, über die das „Wall Street Journal“ vergangene Woche berichtete. Bei dem Manöver kamen im Mai 16.000 Soldaten aus mehreren Nato-Staaten zusammen, eingeladen waren außerdem ukrainische Soldaten als Experten für den Drohnenkampf.

Die Übung war unter anderem darauf ausgelegt, zusammen mit den ukrainischen Soldaten ein umkämpftes Schlachtfeld zu simulieren – also den Bedingungen nahezukommen, wie sie an der Front in der Ukraine herrschen. Die Bilanz scheint auf den ersten Blick verheerend: In einem Szenario konnte ein Team von nur zehn ukrainischen Drohnenpiloten innerhalb von einem halben Tag 17 gepanzerte Fahrzeuge zerstören und weitere 30 Angriffe ausführen. „Wir sind am Arsch“, soll einer der westlichen Kommandanten, der die Übung beobachtete, dazu gesagt haben.

Die Ukraine warnte bereits im vergangenen Jahr, dass Nato-Kräfte für den modernen Drohnenkrieg unvorbereitet seien. „Nicht eine einzige Nato-Armee ist bereit für einen Kaskaden-Angriff mit Drohnen“, sagte der Chef der ukrainischen Drohnen-Kräfte, Oberst Wadym Sucharewskyj, im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Eingeschränkte Aussagekraft

Allerdings muss man ausklammern, dass bei Manövern häufig Vorteile für Angreifer einkalkuliert werden, um die Grenzen der eigenen Verteidigungsfähigkeit klar aufzuzeigen. Genau das ist bei der Übung passiert: Die Nato-Kampfgruppe bewegte sich laut Angaben von Teilnehmern weitgehend frei, ohne ihre Fahrzeuge und Zelte speziell zu camouflieren. Dabei sind sich Experten einig: Drohnen machen das Schlachtfeld auf eine Art sichtbar, die große Truppenverschiebungen nur noch nachts, im Nebel oder unter ähnlichen für Drohnen unvorteilhaften Bedingungen ermöglicht.

Das erst einmal schockierend anmutende Ergebnis hat damit weniger Aussagekraft, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Wenn es zu einem Konflikt zwischen der Nato und Russland käme, würde dieser zudem anders ausgetragen als Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine.

Die mächtigen Nato-Luftstreitkräfte kämen dabei genauso zum Zuge wie weiterreichende Waffen wie der Taurus-Marschflugkörper. Russlands Logistik- und Produktionskapazitäten, auch jene für unbemannte Systeme, wären erheblich gestört.

Der bemerkenswerte Einsatz von FPV-Drohnen in der Ukraine und während der Übung in Estland sollte außerdem nicht dazu führen, dass man wie Kiews Armee eine übermäßige Abhängigkeit von diesen Flugobjekten entwickelt. Denn wie sich im Donbass und im Süden des Landes zeigt, lässt sich die Front mit ihnen nicht verschieben. Das gelingt nur mit schweren Waffen. Experten weisen zurecht darauf hin, dass es strategisch wenig Sinn ergibt, in die massenhafte Herstellung von FPV-Angriffsdrohnen zu investieren.

Was sollte die Nato also tun? Für den Militärexperten Justin Bronk von der britischen Denkfabrik Royal United Services Institute (RUSI) steht fest: Das Militärbündnis sollte weiterhin auf traditionelle Feuerkraft setzen, zugleich aber in bessere Drohnenabwehr investieren – und zwar nicht nur gegen schwere Drohnen wie Geran, die Infrastruktur und Stützpunkte bedrohen, sondern auch gegen FPV-Drohnen.

Die RUSI-Experten Bronk und Jack Watling schrieben bereits 2024 in einem Bericht, Anlagen zur akustischen und elektronischen Ortung und Abwehr von Drohnen müssten zur Standardausrüstung jedes Militärfahrzeugs gehören. Der Schutz von Landstreitkräften gegen Drohnen dürfe nicht länger ignoriert werden, sondern müsse Bestandteil der elektronischen Kriegsführung sein – nicht nur durch „hard kill“-Systeme, die Drohnen physisch außer Gefecht setzen, sondern auch durch Abfang-Drohnen.

Zweifellos sollten Nato-Armeen also bessere Abwehrsysteme einsetzen, um Kurzstrecken-Drohnen aufzuspüren. Allerdings greifen auch sie nicht in jedem Fall. Denn sowohl Russland als auch die Ukraine setzen zunehmend auf FPV-Drohnen, die über dünne und kilometerlange Glasfaserkabel gesteuert werden. Diese Systeme sind gegen klassische Funkstörmaßnahmen weitgehend immun. Gerade in diesem Bereich suchen die Ukrainer gemeinsam mit der Nato nach Lösungen.

Von den Erfahrungen der ukrainischen Armee kann die Nato viel lernen. Gleichwohl ist ihre Ausgangslage nicht ohne Weiteres mit den Anforderungen der Militärallianz vergleichbar.

Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.

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