Aus dem Lautsprecher des silbernen Range Rover dröhnt der Song hinaus auf die Straßen. Die Freunde Ibrahim Al-Sayed und Zaid Qasim singen die Zeilen eines Liedes mit, das unter Befürwortern der syrischen Regierung derzeit beliebt ist: „From Jihadi shadows to the presidential throne“ – „Aus dschihadistischen Schatten zum Präsidententhron“. In pathetischem Ton huldigt der Rap-Song Interimspräsident Ahmed al-Scharaa. Seine Islamisten-Miliz Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) stürzte im Dezember 2024 das Assad-Regime. Al Scharaa gilt seither vielen in Syrien als Hoffnungsträger für einen Neuanfang nach Jahren des Krieges.
Der dritte im Freundeskreis, Fadi Mohammad, sitzt still auf der Rückbank und blickt aus dem Fenster. Seit rund einem halben Jahr ist der 23-Jährige wieder zurück in Syrien – nachdem er zuvor knapp zwei Jahre lang mit einer befristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland lebte. WELT liegt ein Foto des entsprechenden Ausweisdokuments vor.
Die Begeisterung für al-Scharaa könne er im Gegensatz zu seinen Freunden nicht teilen, sagt er. „Ich will zurück nach Deutschland.“ Mohammad lebt in einem kleinen Ort nahe der Provinzhauptstadt Idlib im Nordwesten von Syrien. Aus Sicherheitsgründen wird er in diesem Text nicht mit seinem echten Namen genannt.
Dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zufolge sind seit dem Sturz von Langzeitherrscher Baschar al-Assad bis Ende November 2025 insgesamt 3262 Syrer über das Bund-Länder-Programm „REAG/GAR“, also mit staatlicher Unterstützung, in ihr Heimatland zurückgekehrt. Wie sie ihre Entscheidung im Nachhinein bewerten, ist nicht dokumentiert.
Mohammad erzählt, er bereue seine Rückkehr nach Syrien. „Wer in Europa gelebt, dort gelernt, sich kulturell und intellektuell weiterentwickelt und gearbeitet hat, kann sich in Syrien nicht einfach wieder anpassen“, sagt er in gebrochenem, aber verständlichem Deutsch.
Dass er trotzdem den Schritt zurück in seine Heimat gewagt hat, habe mit Heimweh zu tun gehabt – und damit, dass in der deutschen Politik zunehmend Rufe laut wurden, Syrer sollten zurückkehren. Zudem hätten ihn Social-Media-Clips der syrischen Regierung zunächst überzeugt. „Dort wird eine angebliche Entwicklung, Wohlstand und eine Rückkehr zum normalen Leben gezeigt. Die Realität ist aber völlig anders“, sagt er.
Wissenschaftlich belastbare Studien zur Zufriedenheit syrischer Rückkehrer, die in Deutschland gelebt haben, gibt es dem Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung zufolge bislang zwar nicht. Migrationsforscher Lukas Fuchs sagt aber, dass er davon ausgehe, dass Mohammad kein Einzelfall sei, was enttäuschte Erwartungen an die Rückkehr anbelangt. „Gemessen an den bisherigen Erfahrungswerten aus der Forschung zu Rückkehr, treten Desillusionierung und Bedauern leider häufig auf.“
Fuchs zufolge haben Rückkehrer oft damit zu kämpfen, dass sich Gesellschaften seit ihrer Flucht grundlegend verändert hätten. „Städte und Dörfer sind zerstört, soziale Bezugspunkte sind verschwunden, da die Communitys entwurzelt wurden.“ Wenn Menschen bei ihrer Rückkehr nicht mehr das Zuhause vorfänden, das sie in Erinnerung hätten, könne das für sie mit einer erheblichen emotionalen Belastung verbunden sein.
Im Wohnzimmer seiner Wohnung sitzt Mohammad auf einer Couch. Er erzählt, seit seiner Rückkehr immer wieder auch an Suizidgedanken zu leiden. „Ich erinnere mich immer daran, wie ich in Deutschland gelebt habe, und dann werde ich traurig über meine jetzige Situation. Dann fehlt mir die Kraft, irgendetwas zu tun.“
Er scrollt über den Bildschirm seines Handys und zeigt Fotos. Auf einem ist er mit längeren Haaren zu sehen. Nach seiner Heimkehr sei er von mehreren Menschen auf der Straße angesprochen worden, dass lange Haare unislamisch seien. Er habe sozialen Druck gespürt und sie sich schließlich abgeschnitten.
Tatsächlich ist der Alltag in der Provinz Idlib im Vergleich zu anderen Regionen Syriens besonders religiös geprägt: Der Großteil der Frauen auf den Straßen trägt Vollverschleierung, Frauen und Männer sind in der Öffentlichkeit in der Regel nicht gemeinsam zu sehen, sofern sie nicht zur selben Familie gehören. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Gesellschaft im Laufe der Jahre so konservativ wird“, sagt Mohammad.
Frank Neuner, Professor für klinische Psychologie an der Uni Bielefeld, erklärt, dass die Rückkehr in besonders konservative Regionen für Migranten schwierig sei. „Wenn sich die Heimat nun entsprechend verändert hat – wie Syrien, nicht nur was die Zerstörung angeht, sondern auch kulturell mit einer Zunahme des Islamismus –, dann ist die Entfremdung natürlich umso größer und die Anpassung umso schwieriger.“
Die Provinz Idlib war während des Bürgerkriegs lange eine Rebellenhochburg. Im Laufe der Jahre übernahm HTS die Kontrolle und baute eine eigene Verwaltungs- und Regierungsstruktur auf. Diese scheint in weiten Teilen der Gesellschaft geschätzt zu werden – auch weil Bereiche wie das Gesundheitswesen als besser intakt gelten als in anderen Regionen Syriens.
Jedoch wurden HTS vor dem Sturz Assads auch immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. UN-Gremien sowie Hilfsorganisationen dokumentierten etwa Folter, willkürliche Verhaftungen sowie Hinrichtungen von Gefangenen.
Er lebe vor allem wegen der geringen Lebenshaltungskosten in der Provinz, erklärt Mohammad. Monatlich zahle er umgerechnet 100 Euro Miete für seine Zweizimmerwohnung. Die Einrichtung ist spartanisch. Erst kürzlich sei er eingezogen; nach seiner Ankunft in Syrien habe er zunächst bei einem Freund gewohnt, erklärt er.
Neben der Wohnungstür führt eine Tür zu einer Stehtoilette. Im Wohnzimmer stehen eine Couch und ein kleiner Tisch, auf dem Boden liegen Polster und Decken. Dort schläft Mohammad. Für den Kauf eines Bettes habe die Zeit noch nicht gereicht. Eine fest installierte Heizung gibt es nicht, nur einen Heizventilator. Nachts dringen die Geräusche vorbeifahrender Autos durch die dünnen Fensterscheiben.
In Deutschland lebte Mohammad nach eigener Aussage in Braunschweig und Hannover, wo er Sprach- und Integrationskurse besuchte. Nach seiner Rückkehr nach Syrien habe er mit Erspartem ein Schnellrestaurant eröffnet. Doch die Burger hätten sich schlecht verkauft, Kunden seien ausgeblieben. Nach wenigen Monaten habe er schließen müssen. „Für die Gesellschaft passte das offenbar nicht.“
„Deutschland braucht doch Menschen, die diese Jobs machen“
Während Mohammad versucht, sich in seiner alten und zugleich neuen Heimat einzurichten, bleibt die Sicherheitslage in Syrien angespannt. In Aleppo, rund 40 Kilometer von seinem Wohnort entfernt, lieferten sich kürzlich Regierungstruppen und Kämpfer der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) Gefechte. Nach Angaben lokaler Gesundheitsbehörden wurden 23 Menschen getötet, rund 150.000 flohen. Als größte ethnische Minderheit fürchten Kurden um ihre Rechte.
Zugleich haben die USA seit Dezember wiederholt Stellungen des sogenannten Islamischen Staates angegriffen, der zuletzt Anschläge auf Sicherheitsbehörden verübte. Hinzu kommt, dass die syrischen Regierungstruppen fragmentiert sind – und sich teilweise dem Zugriff al-Scharaas entziehen sollen. Im vergangenen Jahr begingen sie zusammen mit verschiedenen Milizen Massaker an Drusen in Südsyrien sowie an Alawiten im Nordosten des Landes. Schätzungen zufolge starben mehr als 1000 Menschen.
Dass es militärische Auseinandersetzungen in seiner Nähe geben könnte, befürchtet Mohammad indes nicht unmittelbar. „Angst habe ich nicht, aber natürlich ist die Sicherheitslage schwer einzuschätzen.“
Für seine freiwillige Rückkehr zahle ihm Deutschland insgesamt 3200 Euro, erzählt Mohammad. 1000 Euro habe er bereits erhalten; die Restsumme bekomme er nach einer Übergangszeit in Syrien. Doch eigentlich wolle er das Geld gar nicht mehr. „Wenn ich zurück nach Deutschland gehe, muss ich das Geld ohnehin zurückzahlen.“
Er glaube nicht an einen großflächigen gesellschaftlichen Wandel in Syrien in naher Zukunft. Anders als seine Freunde habe er keine Familie mehr im Land – seine Eltern seien vor einigen Jahren gestorben. Er verspüre nur noch eine geringe Verbundenheit zum Land.
Sein Ziel sei es, nach Deutschland zurückzukehren. Diesmal allerdings nicht als Asylsuchender, sondern mit einem regulären Arbeitsvisum. Dann wolle er eine Ausbildung als Pflegekraft in einem Krankenhaus oder einem Altenheim absolvieren.
„Deutschland braucht doch Menschen, die diese Jobs machen“, sagt er. Er habe bereits mehrere Bewerbungen geschrieben, bisher allerdings keine Zusage erhalten. „Ich würde mich so sehr freuen, wenn das klappen würde.“
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