Aus dem Herzen der vietnamesischen Community der Hauptstadt sendet die Linke eine Kampfansage. Elif Eralp jubelt von der Bühne, Konfetti fliegt um sie herum, der Neunziger-Eurodance-Hit „Rhythm is a Dancer“ schallt aus den Boxen. Ein wenig Berliner Linke-Prominenz versammelt sich um die 45-jährige Juristin. „Miet-Abzocke stoppen“ steht auf einem Plakat, „Wir machen Berlin bezahlbar“ darunter – der Leitsatz für den Wahlkampf.
Die Laune der Linke-Spitzenkandidatin zur Abgeordnetenhauswahl im September ist gut – denn sie hofft auf einen historischen Herbst. Eralp will die erste Linke sein, die zur Regierenden Bürgermeisterin der Hauptstadt gewählt wird. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die Partei hier stärkste Kraft. Eralp inszeniert sich entsprechend als aussichtsreichste Gegenkandidatin zum amtierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) – auch wenn Umfragen zufolge CDU, AfD und SPD derzeit vor der Linken stehen. Eralp biete ein „Gegenmodell zur unsozialen und spaltenden Politik“ Wegners. Und heizt damit einen Zweikampf an.
Der Samstag in Ost-Berlin beginnt mit guter Laune. Im „Dong Xuan Center“ in Lichtenberg beschließt die Partei ohne große Konflikte ihr Wahlprogramm. Das riesige Einkaufszentrum ist symbolisch als Veranstaltungsort gewählt. Nebenan kaufen Berliner ihren Kindern Spielzeug-Dinosaurier aus Plastik oder Flugmangos aus Indien, junge Männer lassen sich die Haare schneiden, junge Frauen die Fingernägel machen, Mittvierziger schlürfen in der Frühlingssonne vietnamesische Pho-Rinderbrühe.
Auf dem Parteitagsbuffet liegen frittierte Frühlingsrollen und gebratene Eiernudeln. Auf dem T-Shirt einer der 170 Delegierten steht „Muschis gegen Merz“, auf einem anderen steht „Tax the Rich“. Einige Delegierte tragen wiederum eine Kufiyah, das Palästinensertuch – ein Hinweis auf die dauerschwelende Nahost-Debatte in der Partei.
Im Wahlkampf stellt die Partei indes das Thema Miete ins Zentrum. „Wir werden die Millionäre belasten, um Millionen von Menschen zu entlasten“, so Eralp. Im Wahlprogramm fordert die Partei eine „Luxusvillensteuer“, verspricht einen Mietendeckel in landeseigenen Wohnungen durchzusetzen, sich für eine Vermögenssteuer starkzumachen. Der öffentliche Nahverkehr solle günstiger und verlässlicher, Olympia aus der Hauptstadt ferngehalten werden. „Das Rote Rathaus muss endlich wirklich rot werden“, ruft Eralp in ihrer Wahlkampfrede.
Sie wolle allen Berlinern außerdem die „Würde“ zurückgeben. Würde bedeute, „dass Melek als alleinerziehende Mutter nicht mit ihren vier Kindern in einer Zweizimmerwohnung beengt leben muss, weil sie einfach keine passende bezahlbare Wohnung findet“, so Eralp. Oder, „dass Manfred nicht nach 84 Jahren aus seiner Wohnung, in der er geboren wurde, geräumt wird, weil er sich die Mieterhöhung nach der Luxussanierung nicht leisten kann“.
Oder, „dass Leyla nicht gesagt wird, dass sie zwar Jura studieren kann, aber wegen ihrem Kopftuch niemals Staatsanwältin werden kann“, sagt Eralp. „Ein Leben in Würde heißt, dass sich die Menschen, dass wir alle uns, unsere Stadt auch noch leisten können und der Alltag keine tägliche Demütigung darstellt.“
Eralp jubelt am Samstag auf der ParteitagsbühneWürde bedeute auch, ein gesundes Mittagessen bezahlen zu können, weswegen die Partei staatliche, günstige „Kiezkantinen“ schaffen will. Und das Müllproblem der Hauptstadt beenden, indem mehr Mülleimer aufgestellt und die Stadtreinigung häufiger in alle Stadtteile geschickt werde. „Wir wollen, dass alle Menschen in sauberen Kiezen leben können – und nicht nur die Wohlhabenden in unserer Stadt!“, so Eralp, Tochter türkischer Sozialisten und Gewerkschafter. Das große Prinzip: „Kein Problem ist zu klein, als dass wir uns nicht darum kümmern.“
Die 45-Jährige wird anschließend gefeiert, als hätte sie schon gewonnen. Doch im Jubeltross, der sich auf der Bühne aufstellt, fehlt eine Prominente. Während sich Parteichefin Ines Schwerdtner, der Neuköllner Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak oder die Lichtenberger Parteilegende Gesine Lötzsch um Eralp versammeln, bleibt Petra Pau in der sonst leeren ersten Reihe sitzen. Die frühere Bundestagsvizepräsidentin nannte ihre Partei zuletzt eine „Sekte“, kritisierte israelfeindliche Beschlüsse in Niedersachsen, attestierte der Partei eine fehlende Aufarbeitung des Stalinismus.
Israelfeindliche Stimmen bleiben
Im Oktober 2024 endete ein Landesparteitag in einem Eklat. Pau verließ mit rund 40 Mitgliedern, darunter dem ehemaligen Kultursenator Klaus Lederer, aus Protest den Saal. Zuvor hatte der Parteitag sich geweigert, den Terror-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 als „eliminatorischen Antisemitismus“ zu benennen. Lederer trat daraufhin aus der Partei aus – und mit ihm einer der Protagonisten der letzten Linke-Regierungsbeteiligung im Kabinett von Franziska Giffey (SPD).
Israelfeindliche Stimmen sind seitdem keineswegs weniger geworden. In Neukölln kandidiert etwa der Linke-Lokalpolitiker Ahmed Abed als Bezirksbürgermeister – im Oktober 2025 beschimpfte er den Bürgermeister der israelischen Partnerstadt Bat Yam, Tzvika Brot, bei einem Besuch in der Bezirksverordnetenversammlung als „Völkermörder“, der in Berlin „nicht willkommen“ sei.
Der Neuköllner Bezirksverband fällt auch sonst israelfeindlich auf. So kooperierte er in der Vergangenheit immer wieder mit dem „Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee“ – laut Berliner Verfassungsschutz eine Dach- und Vernetzungsorganisation für Anhänger der islamistischen Terrororganisation Hamas und der linksterroristischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP).
An diesem Samstag hofft jene israelfeindliche Strömung, ihre Position weiter durchzusetzen. In einem Antrag der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität – die mit Slogans wie „Globalize the Intifada!“ wirbt – wird Israel etwa Kolonialismus unterstellt, Kritik am Zionismus eingefordert und „Repressionen und brutale Polizeigewalt gegen die Palästina-Bewegung“ beklagt. Die Anträge werden jedoch auf Antrag des Landesvorstands in Parteigremien verschoben.
Manche Mitglieder wollen sich dennoch längst nicht allein hinter Mietenpolitik versammeln – sondern radikaler auftreten. Jorinde Schulz, Mitglied des Landesvorstands, kritisiert in der Generaldebatte am Mittag einen vermeintlich zu hohen Polizei-Etat und „übermäßige Polizeigewalt bei Palästina-Demos“ in Berlin. „Überall Polizei, nirgendwo Sicherheit“, ruft das Neuköllner Parteimitglied. Es dürfe keine „rassistischen Razzien“ mehr geben, keine Taser für die Polizei gekauft werden, „Brennpunkteinheiten und Überwachungstechnologie“ abgeschafft werden.
Eine Mahnung für mögliche Koalitionsverhandlungen
Unter großem Jubel fordert Schulz, der Berliner Polizei das Geld zu streichen: „Let's defund the Police!“ Im Wahlkampf könnten diese Stimmen für Eralp zum Problem werden – die politische Konkurrenz wird die Angriffsfläche dankend nutzen.
Der Landesvorstand schafft es für den Moment, Debatten um Israel und Antisemitismus auf dem Parteitag kleinzuhalten. Die Bühne soll ganz Eralp gehören, man hofft auf Disziplin aller Parteiströmungen im Wahlkampf, ist aus der Partei zu hören. Ob diese Taktik auch über den Parteitag hinaus Bestand hat, darf bezweifelt werden. Bald werden neue Delegierte gewählt, die Anwesenden sind zumeist 2024 ernannt worden.
Parteichefin Schwerdtner verspricht Eralp am Samstag indes den Rückhalt der Partei. „Elif kennt diese Stadt nicht aus den Fenstern der Dienstlimousine. Sie kennt sie aus den Kiezen, aus den vielen Gesprächen, aus den Kämpfen um diese Stadt.“ Es brauche „Widerstand“ für eine funktionierende und bezahlbare Stadt. „Und eine Stadt ohne Kai Wegner und seine Tennis-Buddys.“
Doch Schwerdtner hat auch eine Warnung mitgebracht – die nach Zügeln der Regierungsambitionen ihrer Spitzenkandidatin klingt. Es brauche Veränderungen in den Kiezen und an den Haustüren, sie würden nicht durch Parteitage erreicht. „Verändern ist mehr als reden, es heißt entscheiden und es heißt auch Prioritäten setzen.“ Man müsse Verantwortung übernehmen. „Das kann bedeuten zu regieren, das kann aber auch bedeuten“, mahnt Schwerdtner, „einen faulen Kompromiss auszuschlagen.“
Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht sowie Antisemitismus.
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