Altbundespräsident Joachim Gauck bereiten manche gesellschaftlichen Debatten Unbehagen. „Wo die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen nicht gegeben ist, müssen wir nacharbeiten. Und deshalb sind Aktivisten, die uns auf Mängel hinweisen, hochwillkommen“, sagte Gauck in einem in der Wochenend-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichten Interview.

„Wer allerdings so tut, als lebten wir in einem prinzipiell rassistischen Staat oder hätten hier eine Herrschaft des Patriarchats, soll sich sowohl unsere Rechtsordnung als auch andere Zonen der Welt genauer ansehen“, erklärte er weiter.

Zugleich warnte der frühere Bundespräsident vor Ausgrenzung und zog in diesem Zusammenhang Vergleiche zu Beispielen aus der jüngeren Geschichte. „Die US-Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King oder die Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika haben davon profitiert, dass sich alle, die für Demokratie und Freiheit waren, ungeachtet von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht ihren Forderungen angeschlossen haben – und nicht nur eine bestimmte Gruppe.“

Die aktuelle Identitätspolitik hingegen müsse sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, die Gräben zwischen Weiß und Schwarz zu vertiefen, so Gauck. Davon unabhängig seien Frauen- und Minderheitenrechte wichtig und politische Selbstermächtigung selbstverständlich erwünscht, sagte er. „Aber nicht jede Form von Protest führt ans Ziel. Es sollte uns zu denken geben: Die Kritik an der Wokeness kommt aus unterschiedlichen politischen Richtungen, von Konservativen, dezidiert liberalen Intellektuellen und gerade auch von traditionellen Linken.“

Der Altbundespräsident sagte weiter: „Gerade, weil wir im aufklärerischen Geist Menschenrechte für alle verteidigen, ist es inakzeptabel, dass weiße Menschen diskreditiert werden, weil allein ihre Hautfarbe sie angeblich privilegiert und eine grundsätzlich hegemoniale Position einnehmen lässt. Außerdem ist zu fragen, wie sinnvoll es ist, wenn sich Minderheiten zu stark von der Mehrheit entfernen.“ Gaucks Fazit: „Auch als progressiver Mensch kannst du dich verirren.“

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