Jörg Nigge, der Bürgermeister von Celle, darf als Erster reden und kommt gleich zum Punkt. „Es wird immer schwieriger, den Menschen zu verkaufen, was in Berlin passiert und warum was in Berlin passiert“, berichtet der CDU-Politiker und illustriert diese Erfahrung mit einem Erlebnis aus dem gerade anlaufenden Celler Kommunalwahlkampf. Beim Rosenverteilen am vergangenen Wochenende seien drei Leute unabhängig voneinander auf ihn zugekommen, die gesagt hätten: „Herr Nigge, wir wählen Sie wieder. Aber wir wählen nicht mehr die CDU. Und ich glaube, das geht vielen so.“
Damit ist der Ton gesetzt beim traditionellen Spargelessen des CDU-Kreisverbandes Celle. Ein Regionalverband der Union, der, verglichen mit anderen Kreis- und Landesverbänden, noch immer ziemlich stabil dasteht. Die Christdemokraten stellen hier vor Ort nicht nur den Bürgermeister. Sie stellen auch die stärkste Fraktion im Celler Rat und peilen für die Landtagswahl 2027 ein Ergebnis oberhalb von 30 Prozent an. So viel traut sich die Partei in diesem eher konservativen niedersächsischen Landstrich auch bei heftigem Berliner Gegenwind immer noch zu.
Gut 100 Mitglieder und Sympathisanten der Union haben sich am Montagabend in dem zur Partyscheune umgebauten ehemaligen Hühnerstall des Bauernhofs Lehmann am Rande des Celler Ortsteils Klein Hehlen versammelt. Auf den Tisch kommen gut 60 Kilo Spargel, Berge von Kartoffeln, Katenschinken und reichlich Schnitzel. Dazu ein „Spargelredner“, als der in diesem Jahr Mathias Middelberg auftritt. Er ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und dort zugleich Vorsitzender der niedersächsischen CDU‑Landesgruppe. Middelberg ist kein Revoluzzer unter den Abgeordneten, sondern ein loyales, aber zu Reflexion und Selbstkritik fähiges Mitglied der Unionsfraktion.
Mathias Middelberg (vorne links) und Jörg Nigge (vorne rechts) in der EventscheuneIn Celle hat Middelberg dennoch einen schweren Stand. Der Applaus vor, nach und während seiner rund 25-minütigen Spargelrede bleibt bestenfalls höflich, vielleicht auch, weil der Fraktionsvize es sich verkneift, um billigen Beifall auf Kosten anderer zu buhlen. Stattdessen unternimmt der 61-jährige Jurist den Versuch, seinem Publikum die wirtschaftlichen Ursachen des aktuellen Erscheinungsbildes der schwarz-roten Bundesregierung nahezubringen. Die unglücklichen äußeren Umstände. Ukraine-Krieg, Iran-Krieg, Trump, Zölle. Die inneren Unzulänglichkeiten. Die zu hohen Erwartungen, die die Union in der Opposition geschürt habe. Das mangelnde wirtschaftspolitische Grundverständnis der Sozialdemokraten. Die zu hohen Energiepreise. Die ebenfalls viel zu hohen Arbeitskosten. Auch den aus seiner Sicht nicht klug aufgesetzten Koalitionsvertrag.
Er selbst, sagt Middelberg, hätte sich gewünscht, dass CDU, CSU und SPD zu Beginn ihres Regierungsbündnisses nicht nur 500 Milliarden Euro Sonderschulden samt Investitionsprogramm vereinbart hätten, sondern „gleich das komplette Reformprogramm“. Das, so der Unionsfraktionsvize, „wäre der bessere Move gewesen, als zu sagen, wir machen Mütterrente, Gastrosteuer und Pendlerpauschale“. Stattdessen sei man jetzt, nach gerade mal einem Jahr in Regierungsverantwortung, „an einem ganz entscheidenden Punkt“ angekommen. „Bis zur Sommerpause“, sagt Middelberg und setzt dem an diesem Dienstag tagenden Koalitionsausschuss fast schon ein Ultimatum, müsse sich die Koalition auf ein umfassendes Reformprogramm einigen. Gesundheit, Pflege, Rente, Steuern. „Wir haben noch 90 Tage Zeit.“
„Warum sollen wir eigentlich die CDU noch wählen?“
Pflichtschuldig fügt der Fraktionsvize hinzu, er sei „zuversichtlich“, dass die Bundesregierung diese Herausforderungen bewältige „und wir dann mit guter Stimmung, mit Aufbruchstimmung in den Sommer hineingehen können“. Middelbergs Zuhörer im Saal der Klein Hehlener Partyscheune sind da nicht ganz so offensiv optimistisch.
„Wenn die SPD nicht von ihrer Realitätsverweigerung wegkommt, dann wird Deutschland ein großes Desaster erleben“, glaubt Hartmut Knigge.
„Wenn wir als CDU die stärkste Fraktion sind und machen uns klein vor einer schrumpfenden SPD und nehmen immer mehr Themen von der SPD auf“, klagt Susanne Führer, „dann fragen sich unsere Leute, die, die uns gewählt haben: Warum sollen wir eigentlich die CDU noch wählen?“
Er sei „mit dem ersten Jahr nicht zufrieden“, sagt Rainer Taubenheim, und hoffe, „dass in den nächsten 90 Tagen große Reformen kommen, dass da was passiert, denn das ist dringend notwendig“.
„Ich glaube nicht, dass es mit der schwarz-roten Koalition aufwärtsgehen wird“, sagt Axel Fuchs. „Ich befürchte, dass wir auf Neuwahlen Anfang des nächsten Jahres zulaufen werden.“
Das sehen einige so in der Union. Aber längst nicht alle. Schon gar nicht Johann Wadephul. Der Außenminister hat in diesen Tagen der Parteibasis ebenfalls ein wenig den Puls gefühlt. In seiner Funktion als Kreisvorsitzender der CDU Rendsburg-Eckernförde hat er am vergangenen Freitag die Wahlkreismitgliederversammlung im „Schützenhof“ von Groß Wittensee besucht. Spargelessen steht dort zwar nicht auf der Tagesordnung, aber immerhin: Die Getränke gehen an diesem Abend auf die Rechnung des örtlichen Landtagsabgeordneten.
Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, bedankt sich mit dieser erweiterten Lokalrunde für die 100‑prozentige Zustimmung, mit der ihn die 85 stimmberechtigten Christdemokraten im „Schützenhof“ gerade erneut als Landtagskandidaten aufgestellt haben. Während Bier, Wein, Wasser, Saft- und Weinschorlen serviert werden, erteilt Wadephul jeglichem Gedanken an ein Aufkündigen der schwarz-roten Koalition in Berlin und damit indirekt auch Middelbergs 90-Tage-Ultimatum eine Absage.
„Diese Koalition wird zusammenhalten“, sagt der Außenminister, „sie wird zusammenhalten müssen.“ Ein vorzeitiges Ende komme nach der bereits vorzeitig beendeten Ampel-Koalition nicht infrage. „Wir haben jetzt die Aufgabe, in dieser Koalition, mit den Abgeordneten, die gewählt worden sind, die Aufgaben für Deutschland in vier Jahren zu erfüllen. Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit“, findet der Chefdiplomat. „Weglaufen gilt nicht“, fordert Wadephul und erhält dafür in der eher entspannten Atmosphäre des „Schützenhofs“ ordentlichen Applaus.
Kritik an der bisherigen Arbeit der schwarz-roten Koalition in Berlin gibt es dennoch. Sie wird aber ein wenig höflicher formuliert als beim Celler Spargeltreffen. Es werde Zeit, sagt zum Beispiel Tim Albrecht, Fraktionschef der Union im Kreistag von Rendsburg-Eckernförde, „dass die Koalition in Berlin ihre PS jetzt auch auf die Straße“ bringe und sich nicht länger „im Kleinklein“ verliere. Helge Dirks, der hiesige Kreisgeschäftsführer, räumt ein, dass die Mitglieder seines Kreisverbandes „nicht gerade euphorisch“ auf die Arbeit der Bundesregierung blickten. Es herrscht eine Beißhemmung in Groß Wittensee.
Auch Daniel Günther gesteht an diesem Abend ein, dass es ihm „nicht leicht gefallen“ sei, im Bundesrat gegen die von der Regierung geplante Einführung einer sogenannten Entlastungsprämie von bis zu 1000 Euro zu stimmen – „bei all den Problemen“, die Schwarz-Rot ohnehin schon habe. 13 bis 15 Prozent Zustimmung zur Politik der Bundesregierung in den Umfragen finde er „echt besorgniserregend“, sagt Günther und empfiehlt dem Berliner Kabinett für die bevorstehenden entscheidenden Reformdebatten einen Stilwechsel: „Zeigen, dass man zusammenarbeiten kann, dass man Politik auch gestalten kann, ohne dass man schlecht übereinander redet. Indem man einen Wettstreit um die besseren Ideen führt und ein positives Bild von unserem Land zeichnet.“
Ulrich Exner ist politischer WELT-Korrespondent und berichtet vor allem aus den norddeutschen Bundesländern.
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