Knapp 5000 Tote, 20.000 Verletzte und 60.000 zerstörte Gebäude. So lautet drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben die vorläufige offizielle Bilanz in Venezuela. Regierungskritische Medien gehen sogar von weitaus mehr Opfern aus. Nach Schätzung der Vereinten Nationen werden umgerechnet etwa 34 Milliarden Euro notwendig sein, um die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und die Volkswirtschaft anzukurbeln. Zehntausende Gebäude gelten als unwiederbringlich verloren.
In dieser Phase entpuppt sich die „America First“-Strategie der Trump-Administration als politischer Bumerang. Denn um die Satelliten-Regierung in Caracas zu stützen und Venezuela wieder aufzubauen, sind enorme finanzielle Mittel notwendig.
Die USA sind dabei auf befreundete Staaten angewiesen. Aber insbesondere die Europäer wollen ihren Beitrag nur dann leisten, wenn es in Venezuela einen verlässlichen Demokratisierungs-Plan und eine Perspektive für eine langfristige Kooperation gibt.
Anfang Januar hatte ein US-Spezialkommando Machthaber Nicolás Maduro verhaftet und außer Landes gebracht. Seitdem sitzt er im Gefängnis in New York und wartet auf seinen Prozess. Seine damalige Stellvertreterin und heutige Interimspräsidentin Delcy Rodríguez arbeitet nun eng mit dem ehemaligen ideologischen Todfeind zusammen, den sie jahrelang öffentlich beschimpfte.
Die Gesetze hat sie so ändern lassen, dass US-Konzerne direkten Zugang zu den ölreichsten Vorkommen der Welt haben. Die „New York Times“ berichtet, dass alle wichtigen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Entscheidungen über den Tisch von US-Außenminister Marco Rubio in Washington laufen.
Wie Taschengeld für Kinder
Laut dem Artikel gehen die meisten Einnahmen aus venezolanischen Exporten zunächst an das US-Finanzministerium, das das Geld dann durch Banken in Venezuela auszahlen lässt. Rubio und sein Team würden entscheiden, wer das Geld unter welchen Bedingungen ausgeben darf, heißt es in dem Bericht weiter – „ähnlich wie Eltern, die ihren Kindern Taschengeld zahlen“.
Der Trump-Rubio-Plan sieht offenbar vor, dass die USA erst die Schlüsselentscheidungen in Bezug auf die Ölvorkommen und die weiteren Rohstoffe absichern, bevor es zu einer demokratischen Neuordnung in Venezuela kommt.
Damit wäre für Europa selbst dann ein Marktzugang schwierig, wenn Venezuelas Suspendierung vom südamerikanischen Handelsbündnis Mercosur aufgehoben werden sollte, mit dem die EU kürzlich ein Handelsabkommen geschlossen hat. Das erklärt die Zurückhaltung der Europäer, wenn es darum geht, an der Seite der USA in Venezuela einzusteigen.
Das Erdbeben wirbelt die Planungen Washingtons durcheinander. Die große Gruppe der Exil-Venezolaner in Florida fordert die Trump-Regierung auf, beim Wiederaufbau nicht mehr mit der Interimspräsidentin Rodríguez zu kooperieren.
Sie sind entsetzt über diese Zusammenarbeit, denn viele sind vor den Repressionen des Maduro-Rodríguez-Regimes geflohen. Vor der Vertretung der USA in Caracas demonstrieren Angehörige von in Venezuela inhaftierten politischen Gefangenen und fordern deren Freilassung.
Interimspräsidentin Delcy RodríguezDie im Exil lebende Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado lässt erstmals ihre Enttäuschung über den fehlenden demokratischen Übergang durchblicken. „Es gibt einige, die fürchten, dass meine Präsenz ihre Pläne gefährden könnte“, sagte Machado, ohne Namen zu nennen.
Trump-Regierung ignoriert Machado
Regierungskritische Portale in Venezuela interpretieren dies als Differenzen zwischen Machado und der Trump-Regierung, die die populärste Politikerin Venezuelas aus den Plänen für das Land heraushält. Die Nobelpreisträgerin sagt dagegen: „Sie irren sich mit ihrer Annahme. Ich bin ein Faktor, der Stabilität bringen könnte.“
Stabilität und Rechtssicherheit fordern internationale Geldgeber, wenn sie in Venezuela einsteigen sollen. Die Herausforderungen nach 27 Jahren Zerstörung durch den „revolutionären Hurrikan“ der Sozialisten und zwei schreckliche Erdbeben seien enorm, sagte der venezolanische Wirtschaftswissenschaftler José Manuel Puente vom Institut IESA im Gespräch mit WELT.
Für den Wiederaufbau gäbe es zwingende Voraussetzungen. „Die Finanzierung muss zweifellos von den multilateralen Organisationen und den befreundeten Regierungen Europas und der Vereinigten Staaten kommen“, so Puente. Dafür müssten die USA allerdings die versprochenen freien, transparenten Neuwahlen sicherstellen.
„Nur durch den Wiederaufbau von Demokratie und ihrer Institutionen wird das Land wieder die Glaubwürdigkeit der Welt erlangen und ausländische Direktinvestitionen anziehen, die uns ein starkes Wachstum ermöglichen und uns davon befreien, nur eine Ölquelle zu sein, wie es bisher der Fall war“, sagt Puente.
Die Europäer bleiben angesichts der Entwicklung zurückhaltend. Die Sanktionen gegen das venezolanische Regime bleiben trotz des Erdbebens bestehen. Sie wurden verhängt, weil der sozialistische Machtapparat Regierungskritiker außergerichtlich hinrichten oder foltern ließ, die Medien zensierte und die Wahlen manipulierte.
Zwar forderte Rodríguez die EU auf, die Sanktionen aufzuheben, doch eine große Mehrheit innerhalb der EU-Staaten fordert erst einmal einen konkreten Fahrplan für Neuwahlen und einen demokratischen Neuanfang. Und der sieht, anders als die US-Pläne, keine Rolle für Rodríguez vor.
Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.
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