„Pedro Sánchez, Hurensohn“, skandierten einige Tausend Menschen, als der spanische Ministerpräsident am vergangenen Freitag die Exklave Ceuta auf der afrikanischen Seite der Straße von Gibraltar besuchte. Die Bewohner fühlten sich vom Zentralstaat im Stich gelassen, nachdem bis zu 60.000 Migranten aus Marokko kommend ungehindert die Grenze hatten passieren können und ein wahres Chaos in der rund 85.000 Einwohner großen Stadt ausgelöst hatten.

Der Vorwurf: Die spanischen Sicherheitskräfte hätten viel zu spät und zu zögerlich reagiert. Zudem sei Sánchez’ Haltung gegenüber Marokko zu lax. Viele Bewohner sind überzeugt, dass das Nachbarland hinter dem Massenansturm steckt. In Internetvideos sind marokkanische Grenzschützer zu sehen, die Migranten durchwinken und ihnen sogar den kürzesten Weg zur Grenze zeigen, bevor die Beamten für einige Stunden komplett verschwinden. Wann und wo sie aufgenommen wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

In ihrer ersten offiziellen Reaktion erklärte die marokkanische Regierung den Ansturm unter anderem mit Falschinformationen im Internet. Der Andrang der Migranten sei nicht organisiert gewesen, sondern spontan zustande gekommen, so ein Sprecher des Innenministeriums. Er machte die Verbreitung falscher Informationen im digitalen Raum, Aktivitäten von Schleusern und eine Fehlinterpretation eines spanischen Gerichtsurteils verantwortlich.

Das am 8. Juli bekannt gegebene Urteil des Obersten Gerichtshofs untersagt die unmittelbare Rückführung von Migranten, die Ceuta schwimmend erreichen. Solche Expressabschiebungen sind demnach nur für Migranten erlaubt, die den Grenzzaun auf dem Festland überwinden. Die spanische Nachrichtenagentur EFE berichtete, dass marokkanische Behörden Spanien Tage zuvor vor einem vergleichbaren Szenario gewarnt haben sollen – unter Bezugnahme auf das Urteil des Obersten Gerichtshofs.

Tatsächlich waren die Migrationszahlen bereits vor dem Ansturm am vergangenen Donnerstag deutlich gestiegen. In den ersten beiden Juliwochen hatte das spanische Innenministerium noch 244 irreguläre Einreisen gezählt. Danach sollen sie Berichten zufolge stark gestiegen sein, auf 1500 bis 2000 bis zum 29. Juli. Es gab also Anzeichen für eine mögliche „Migrationswelle“, die jedoch beiderseits der Grenze niemand sehen wollte. Die spanische Seite war mit 55 Beamten Ende Juli nur spärlich besetzt.

Auf marokkanischer Seite dürfte es ähnlich ausgesehen haben. Denn am Donnerstag, dem ersten Tag des Ansturms, fand das Thronfest von König Mohammed VI. statt. Die dazugehörige Zeremonie wurde im 30 Kilometer von Ceuta entfernten M’Diq abgehalten und erforderte einen enormen zusätzlichen Personalaufwand an Sicherheitskräften. Die rund zehn Tage andauernden Feierlichkeiten haben eine tief verwurzelte Tradition in Marokko.

Es gebe in diesen Tagen „schlichtweg kein plausibles Szenario“, schreibt der marokkanische Politikexperte Samir Bennis, „in dem die marokkanischen Behörden eine diplomatische Krise mit Spanien herbeiführen würden“. Dies käme einer Selbstsabotage des Throntages gleich, so der Experte, eines nahezu heiligen Ereignisses in Marokko.

Bennis ist überzeugt: Der Massenansturm kann nicht von Rabat inszeniert worden sein. Beobachter sind sich allerdings auch einig: Der beispiellose Ansturm wäre ohne das zumindest zeitweilige Wegschauen der marokkanischen Behörden kaum möglich gewesen.

Was genau ihn ausgelöst hat, ist bislang noch nicht abschließend geklärt. Eine Recherche der spanischen Zeitung „El País“ zeigt, dass die Mobilisierung im Internet stattgefunden hat. In Social-Media-Beiträgen hieß es, dass „die Grenze offen ist“. Eine Nachricht, die wahrscheinlich über automatisierte Bot-Konten verstärkt wurde. Die Botschaft: Man muss nur einige hundert Meter schwimmen und schon öffnet sich die Tür nach Europa.

Der Ursprung der Online-Kampagne sei weiterhin unklar, so die spanische Zeitung. Viele der Facebook-Gruppen, TikTok-Videos und X-Konten, die die Menschen dazu aufforderten, nach Ceuta zu reisen, sind ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Experten halten es für denkbar, dass auch Russland seine Finger im Spiel gehabt haben könnte, um die Europäische Union zu testen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Migrationsbewegungen über soziale Medien gesteuert wurden. In der Vergangenheit hatten etwa in der Türkei Nachrichten über „offene Grenzen“ Zehntausende in Marsch gesetzt, um dann am Ende enttäuscht zu werden.

Junge Marokkaner sind frustriert

Menschenrechtsorganisationen argumentieren, dass die Online-Botschaften angesichts der Frustration der marokkanischen Jugend auf fruchtbaren Boden fielen. Offiziellen Statistiken zufolge sind mehr als 1,5 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren weder in Ausbildung noch berufstätig. Weitet man die Betrachtung auf Personen bis 35 Jahre aus, liegt diese Zahl bei über vier Millionen.

Marokko ist zwar eines der wenigen Länder Nordafrikas, das beständig in neue wirtschaftliche Projekte und in die dazugehörige Infrastruktur investiert. Die Armutsquote ist stark gesunken und die Mittelschicht macht inzwischen etwa 60 Prozent der Bevölkerung aus. Doch selbst bei einer Wachstumsrate von 4,9 Prozent, die der Internationale Währungsfonds für 2026 prognostiziert, ist es kaum möglich, ausreichend neue Arbeitsplätze für die junge Bevölkerung zu schaffen. Entsprechend hoch ist die Frustration.

Ein Bus brennt nach Zusammenstößen bei Fnideq an der spanisch-marokkanischen Grenze

Kritische Stimmen argumentieren, es wäre nicht das erste Mal, dass Rabat Migration als hybride Waffe einsetzt. Im Frühjahr 2021 hatte Marokko tatsächlich Migration als Druckmittel gegen Spanien genutzt und Tausenden die Einreise nach Ceuta erlaubt. Eine Reaktion auf Madrids Entscheidung, einen Anführer der sahrauischen Polisario-Front zur medizinischen Behandlung nach Spanien einfliegen zu lassen. Für Rabat war damit eine rote Linie überschritten.

Die Polisario, die seit 1973 für eine unabhängige Westsahara in Südmarokko kämpft, gilt im Königreich als Terrorgruppe. Rabat versteht die Westsahara als integralen Bestandteil Marokkos und hat zur Lösung des seit Jahrzehnten eingefrorenen Konflikts einen Autonomieplan für die Region vorgelegt. Der wird mittlerweile von zahlreichen Ländern unterstützt, darunter Deutschland, Frankreich und auch Spanien.

Beobachter vermuten, dass Madrid die marokkanische Regierung in Bezug auf Polisario erneut verärgert haben könnte. Am 20. Juli nämlich war Premier Sánchez nach Algerien gereist, einem der wichtigsten Unterstützerländer der Polisario. Algier finanziert die Separatistengruppe seit Jahrzehnten und beliefert sie auch mit Waffen.

Ziel des Besuches war es, den schwelenden Streit zwischen Algier und Madrid zu beenden, der entstanden war, nachdem sich Spanien im Westsahara-Konflikt auf die Seite Marokkos gestellt hatte. Sánchez vermied das Thema bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem algerischen Gastgeber, doch dieser machte deutlich, dass man darüber gesprochen habe.

Die marokkanische Regierung dürfte über den Besuch zwar wenig begeistert gewesen sein. Dennoch sei die Situation nicht mit 2021 vergleichbar, schreibt Experte Bennis. „Die marokkanischen Behörden haben sich rasch mit ihren spanischen Kollegen abgestimmt und so innerhalb weniger Tage eine außerordentlich hohe Rückführungsquote ermöglicht.“ Er schlussfolgert: „Staaten, die beabsichtigen, Migration als Druckmittel einzusetzen, geben in der Regel nicht gleich wieder genau das Druckmittel zurück, das sie angeblich gerade erst geschaffen haben.“

Spaniens Regierungschef Sánchez lobte das Königreich Marokko denn auch ausdrücklich für die Kooperation. Am sechsten Tag nach dem Ansturm auf Ceuta sind noch viele Fragen offen. Klar ist indes: Nach Tagen, die von gegenseitigen Schuldzuweisungen und inner­europäischer Kritik geprägt waren, muss die EU nun gemeinsam eine Lösung finden. Denn was in Ceuta passiert ist, ist nicht allein Spaniens Problem.

Alfred Hackensberger berichtet seit 2009 im Auftrag von WELT aus Kriegs- und Krisengebieten, aus Ländern im Nahen und Mittleren Osten wie auch aus der Ukraine.

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