Russlands Präsident Wladimir Putin setzt nach Einschätzung des österreichischen Militärexperten Markus Reisner auf eine Entscheidung im Winter. „Putin ist zutiefst überzeugt, die Ukraine im Winter endgültig in die Knie zu zwingen“, sagte der Bundesheer-Oberst der Nachrichtenagentur APA. Trotz der Vermittlungsbemühungen der USA sehe er „keinerlei Entgegenkommen von russischer Seite“.

Während die Front weitgehend festgefahren sei, konzentriere sich Moskau zunehmend auf Angriffe gegen die Energieversorgung und andere kritische Infrastruktur. Von einer Entspannung des Konflikts könne keine Rede sein. Reisner sieht vielmehr eine weitere Verschärfung des Luftkriegs gegen die Ukraine und eine Zunahme hybrider Angriffe gegen Europa. Die jüngsten russischen Angriffe wertet er als klare Reaktion auf die Vermittlungsbemühungen der USA.

An der Front erwartet Reisner dagegen keine größeren militärischen Durchbrüche. Diese sei „mehr oder weniger nahezu erstarrt“. Strategisch verfolge Russland einen anderen Ansatz und nehme die Energieversorgung und andere kritische Infrastruktur ins Visier. Der ukrainische Energieminister hatte zuletzt eingeräumt, dass rund 80 Prozent der kritischen Infrastruktur des Landes, vor allem die Energieversorgung, beschädigt oder zerstört sind. „Das ist der Punkt, wo Putin ansetzt“, sagte Reisner. Der russische Präsident glaube, „dass er jetzt diesen Winter nützen kann, um die Ukraine quasi in die Knie zu zwingen“.

Das ist die größte Schwachstelle der Ukraine

Als größte Schwachstelle der Ukraine bezeichnet der Experte den Mangel an Flugabwehrraketen. Patriot-Systeme seien „das entscheidende Mittel“, um sich gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper zu verteidigen. Allein in der Nacht auf Dienstag habe die Ukraine nur etwa die Hälfte von rund 60 russischen Raketen abfangen können. „Das ist die Achillesferse, die Putin erkennt.“

Besonders scharf fiel seine Kritik an Europa aus. Dass die europäischen Staaten es bislang nicht geschafft hätten, die Produktion moderner Flugabwehrsysteme deutlich auszuweiten, sei eine „absolute Niederlage“. Russland dagegen steigere die Herstellung von Raketen und Drohnen kontinuierlich. Die vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geforderten 300 Patriot-Raketen hält Reisner für „sehr realistisch“, um die in der Regel zwei schweren russischen Luftangriffe pro Monat abwehren zu können.

Besorgt zeigt sich der Militärexperte auch über den Ausbau russischer Drohnenkapazitäten. Jüngst berichtete der „Telegraph“ (gehört wie WELT zu Axel Springer) unter Berufung auf Satellitenaufnahmen, dass Russland in den besetzten Gebieten der Ukraine und in Grenzregionen neue Drohnenabschussbasen errichtet hat. Deshalb sei davon auszugehen, „dass die Russen damit die Luftkriegsführung in den nächsten Monaten noch massiv steigern werden“. Moderne Drohnentypen erreichten Geschwindigkeiten von bis zu 600 Kilometern pro Stunde. „Das macht es wieder extrem schwierig für die Ukraine.“

Parallel dazu rechnet Reisner mit weiteren Sabotageakten und hybriden Angriffen gegen Europa. Russland versuche, die Bevölkerung zu verunsichern und den politischen Druck auf westliche Regierungen zu erhöhen, ihre Unterstützung für die Ukraine zurückzufahren. Auch begrenzte russische Angriffe auf das Baltikum seien „durchaus vorstellbar“. Es sei notwendig, sich auf weitere Eskalationen vorzubereiten.

Unterdessen hat Kanada der Ukraine weitere Unterstützung zugesagt. Das Land stellte nach Angaben von Selenskyj ein wichtiges Paket zur Luftabwehr sowie Unterstützung für die Energiewirtschaft in Aussicht. Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 hat Kanada die Ukraine nach eigenen Angaben mit mehr als 25,5 Milliarden kanadischen Dollar unterstützt.

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