Im Zuge des Gaza-Krieges hat sich die öffentliche Meinung in Deutschland und anderen wichtigen Staaten Europas weiter zuungunsten Israels und zugunsten der Palästinenser verändert. Das zeigt eine großangelegte Umfrage des DAAD-Zentrums für Deutschlandstudien an der Hebräischen Universität Jerusalem in der Bundesrepublik, Frankreich, Großbritannien und Polen, deren Ergebnisse WELT AM SONNTAG vorliegen.
Für die Untersuchung befragte das Forschungsunternehmen Kantar in allen Ländern jeweils mindestens 1000 repräsentativ ausgewählte Personen, wodurch die Ergebnisse auch für die Einzelstaaten nach gängigen wissenschaftlichen Maßstäben als aussagekräftig gelten können. Die Untersuchung, die nach dem European Forum an der Hebräischen Universität „HU/EF-Barometer“ heißt, wird seit 2022 alle zwei Jahre durchgeführt.
Auf die Frage, ob sich ihre Sicht der Dinge durch den Konflikt verändert habe, sagten in allen untersuchten Staaten weniger Menschen als vor zwei Jahren, sie seien pro-israelischer geworden. Der Anteil derjenigen, die angeben, heute pro-israelischer zu denken, ist zwar in allen Ländern nur um jeweils ein Prozent zurückgegangen. Aber da sich die Größe dieser Gruppe ohnehin nur im Bereich von vier bis zehn Prozent bewegt, ist auch diese auf den ersten Blick kleine Verschiebung nicht unbedeutend.
Noch klarer wird das Bild bei denjenigen, die angeben, durch den Konflikt pro-palästinensischer geworden zu sein. In Deutschland wuchs dieser Anteil im Vergleich zu 2024 von 14 auf 19 Prozent. Am stärksten ist die Verschiebung in Polen. Gaben dort noch vor zwei Jahren nur 14 Prozent an, sie seien pro-palästinensischer geworden, sind es heute 30 Prozent. Eine relative Mehrheit der Befragten in allen Ländern gab an, der Krieg habe ihre Meinung nicht verändert (Deutschland: 46 Prozent).
Mit dem Konflikt könnte möglicherweise auch die Veränderung der Deutschen zur Frage der Sicherheit Israels als deutsche Staatsräson zusammenhängen. Vor zwei Jahren bejahte noch eine relative Mehrheit von 45 Prozent der deutschen Befragten dieses Prinzip deutscher Außenpolitik. In der diesjährigen Untersuchung waren es nur noch 37 Prozent. Aber nach wie vor lehnt nur eine sehr klare Minderheit von 22 Prozent die sogenannte Staatsräson explizit ab. Leicht gewachsen ist neben diesem Lager auch die große Gruppe der Unentschiedenen in dieser Frage, die jetzt mit 42 Prozent die relative Mehrheit bildet.
Dennoch sehen die befragten Israelis Deutschland mit deutlichem Abstand als wichtigsten Freund Israels in Europa (43 Prozent), Ungarn und Polen folgen mit einigem Abstand dahinter (37 und 21 Prozent). Auch bei jenen Befragten in Israel, die ans Auswandern denken, ist Deutschland das favorisierte Ziel. Mit 1,3 Prozent aller Befragten wurde die Bundesrepublik mehr als doppelt so häufig als mögliches Ziel genannt wie die darauffolgenden Länder (Großbritannien, Spanien, Italien mit jeweils 0,5 Prozent).
Dieser Überhang geht hauptsächlich auf die befragten arabischstämmigen Israelis zurück. Bei ihnen sind es sogar zwei Prozent, die über eine mögliche Auswanderung in die Bundesrepublik nachdenken. Unter Befragten aus der jüdischen Bevölkerung liegt der Anteil mit 0,4 Prozent auf einem mit den anderen europäischen Staaten vergleichbaren Niveau.
Bemerkenswert ist auch die Summe der Befunde. Demnach denken insgesamt neun Prozent der Teilnehmer an der Umfrage an eine Auswanderung. Hier liegen Juden und Araber mit neun und elf Prozent nicht weit auseinander.
Graduelle, aber aufschlussreiche Unterschiede gab es auch in der Einordnung antisemitischer Tendenzen in Europa. In fast allen untersuchten Ländern fand eine klare Mehrheit der Befragten, dass der Antisemitismus in ihrem Land ein Problem sei (Deutschland: 56 Prozent; Großbritannien: 55 Prozent; Frankreich: 63 Prozent). Lediglich in Polen widersprachen etwas mehr Menschen dieser Aussage, als ihr zustimmten (31 Prozent zu 29 Prozent).
Noch deutlichere Unterschiede gab es bei der Interpretation der Ursachen für Antisemitismus. In Deutschland und Polen werden vor allem die politische Rechte und die muslimische Bevölkerung in nahezu gleichem Maße als Hauptquelle des Antisemitismus im Land gesehen. In Großbritannien und Frankreich sieht man hingegen vor allem Muslime und die Bevölkerung im Allgemeinen als Quelle. Bemerkenswert ist dabei, dass die Franzosen Antisemitismus deutlich stärker auf die politische Linke zurückführen als auf die Rechten (24 Prozent zu 12 Prozent).
Bei den Israelis ist eine gewisse Verschiebung in der Bewertung der AfD zu erkennen. Meinte vor zwei Jahren noch eine absolute Mehrheit von 55 Prozent der in Israel Befragten, dass die wachsende Rolle der Partei gefährlich sei, sah dies 2026 nur noch eine relative Mehrheit von 47 Prozent so. Der Anteil der Israelis in der Umfrage, die in der AfD keine Gefahr sehen, wuchs von sieben auf 15 Prozent. Allerdings ist aus dieser Entwicklung in keiner Weise eindeutig darauf zu schließen, dass die von der AfD wiederholt selbsterklärte Solidarität mit den Juden bei den Israelis jetzt ernster genommen wird.
Denn der Anteil derjenigen, die in der AfD keine Gefahr sehen, stieg vor allem unter den arabischstämmigen Israelis. Fanden vor zwei Jahren noch 16 Prozent der israelischen Araber die AfD ungefährlich, waren es dieses Mal 28 Prozent. Da arabischstämmige Bürger etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, könnte dieser Teil maßgeblich für die abnehmende Sorge vor der AfD verantwortlich sein.
Daniel-Dylan Böhmer, Senior Editor im Ressort Außenpolitik, bereist die Länder des Nahen Ostens seit Jahrzehnten. Er befasst sich vor allem mit regionalen und globalen Sicherheitsthemen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.