Am Dienstag haben sich hunderttausende Menschen an den seit Wochen andauernden Schülerprotesten beteiligt. Zu den Aktionen hatten erstmals mehrere Gewerkschaften und Oppositionsparteien aufgerufen. Nach Angaben der Gewerkschaften demonstrierten landesweit 450.000 Menschen, davon 100.000 in Paris. Das Innenministerium nannte am Nachmittag deutlich niedrigere Zahlen: 256.000 Teilnehmer landesweit und 56.000 in der Hauptstadt.
An zahlreichen Gymnasien und Hochschulen kam es zu Blockaden. Nach Angaben der Gymnasialgewerkschaft USL waren am Mittag 1800 Gymnasien blockiert oder vorsorglich geschlossen; 90 Prozent der Hochschulen seien blockiert gewesen. Das Bildungsministerium teilte mit, der Unterricht sei an 891 Gymnasien ganz oder teilweise ausgefallen.
In Paris und weiteren Großstädten formierten sich Protestzüge. In Lyon lieferten sich junge Demonstranten und Sicherheitskräfte gewaltsame Auseinandersetzungen; es wurden Böller geworfen und Barrikaden angezündet. In Rennes setzte die Polizei Wasserwerfer ein. Die Pariser Polizei sprach von etwa 300 „feindlich gesinnten Personen“, die versucht hätten, Sicherheitskräfte anzugreifen.
Seit Beginn der Proteste wurden mehr als tausend Menschen verletzt und rund 6000 festgenommenDie Polizei mobilisierte ein Großaufgebot. In mehreren Städten setzte sie Tränengas und Wasserwerfer ein. Innenminister Laurent Nuñez verteidigte im Interview mit France Inter den Einsatz von Granaten und Gummigeschossen bei Ausschreitungen als „verhältnismäßig“. Von polizeilicher Repression könne keine Rede sein, sagte er.
Bislang ermittelt die Polizeiaufsicht bereits zu zehn Vorfällen, bei denen Jugendliche teils schwer verletzt wurden. Die Polizeiaufsicht ermittelt nach Angaben der Behörden bereits zu zehn Vorfällen, bei denen Jugendliche teils schwer verletzt wurden. Am Montag riss einem 15-Jährigen bei der Explosion einer Polizeigranate eine Hand ab. Zuvor verlor ein anderer Jugendlicher vermutlich durch ein Gummigeschoss ein Auge; einem weiteren wurden beim Abschuss einer Tränengasgranate Zähne beschädigt oder ausgeschlagen.
In Metz wurde ein Polizist wegen mutmaßlicher sexueller Belästigung einer 14-Jährigen bei deren Festnahme festgenommen. Ein Video zeigte den Mann, wie er ein junges Mädchen am Boden festhält und ihr dabei an die Brust greift. Die Polizei leitete eine weitere interne Ermittlung ein.
An mehreren Orten unterstützten Eltern die Jugendlichen. Sie bildeten Menschenketten oder setzten sich wie in Rennes zwischen Sicherheitskräfte und Demonstrierende auf den Boden.
Seit Beginn der teils von gravierender Gewalt geprägten Proteste Mitte September wurden nach Angaben der Behörden bereits mehr als tausend Menschen verletzt, unter ihnen 215 Schülerinnen und Schüler, 700 Sicherheitskräfte und rund hundert Schulbeschäftigte. Zudem gab es rund 6000 Festnahmen, in erster Linie Minderjährige.
Schüler fordern kleinere Klassen und mehr Lehrer
Die Schülerinnen und Schüler demonstrieren für bessere Lernbedingungen und mehr Chancengleichheit. Sie verlangen mehr Lehrer, kleinere Klassen, kürzere Schultage und eine bessere Ausstattung der Schulen. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte an, in den kommenden Tagen solle an allen Oberstufen Zeit für Diskussionsrunden über diese Forderungen eingeräumt werden.
Die Gewerkschaften sagen, 450.000 gingen auf die Straße. Laut Innenministerium waren es 256.000„Ein Lehrer – 35 Schüler. Ein Schüler – 5 Polizisten“, war auf einem der Plakate zu lesen, „Wer schützt uns vor der Polizei?“ auf einem anderen. Aber auch andere Sorgen ließen sich aus den Transparenten herauslesen: „Das Klima ändert sich – warum nicht Ihr?“ oder „Wir sind die Zukunft – Also hört uns zu“.
Eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage ergab, dass 78 Prozent der 18- bis 28-Jährigen überzeugt sind, die Regierung bereite die Zukunft ihrer Generation schlecht vor. Nur etwa ein Viertel zeigte sich mit Blick auf die Zukunft des Landes zuversichtlich. 84 Prozent gehen demnach davon aus, später schwerer als frühere Generationen eine sichere Arbeitsstelle zu finden.
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