Britische Nachrichtendienste untersuchen, ob geheime Informationen oder eigene Agenten im größten Spionageskandal der jüngeren deutschen Geschichte kompromittiert worden sein könnten.

August Hanning, der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), und sein früherer Büroleiter Manfred D. waren am Dienstag wegen des Verdachts auf Spionage und Landesverrat festgenommen geworden. Manfred D. arbeitete bis März dieses Jahres beim BND.

Manfred D., ehemaliger Büroleiter des ehemaligen BND-Präsidenten Hanning, wird nach seiner Festnahme zum BGH in Karlsruhe gebracht

Hanning wird vorgeworfen, sich über einen Zeitraum von Jahren mithilfe von Manfred D. illegal Tausende geheime Dokumente beschafft und einen Teil der darin enthaltenen Informationen an eine ausländische Macht verkauft zu haben.

Aus deutschen Sicherheitskreisen hieß es, einige der hochrangigen Informationen, mit denen die beiden Männer Umgang hatten, stammten von ausländischen Partnerdiensten. Damit besteht die Möglichkeit, dass auch britische und amerikanische Geheimdienstinformationen kompromittiert wurden.

Zudem wächst die Sorge, dass sich anhand der weitergegebenen Informationen amerikanische oder britische Quellen identifizieren lassen könnten – also Agenten oder Informanten, die vor Ort für die Dienste tätig sind.

Briten wollen systematische Überprüfung

Die Nachricht hat in der westlichen Geheimdienstgemeinschaft für erhebliche Unruhe gesorgt. Quellen sprechen von einem möglichen großen Erfolg für einen ausländischen Nachrichtendienst und von einem Vorgang, der die westliche Zusammenarbeit beim Austausch von Geheimdienstinformationen erheblich beschädigen könnte.

MI6 und der britische Abhördienst GCHQ sowie mehrere US-Dienste wollen nach Informationen des „Telegraph“, der wie WELT/ BILD zum Axel Springer Global Reporters Network gehört, systematisch eine interne Überprüfung aller sensiblen Informationen durchführen, die im betreffenden Zeitraum mit europäischen Verbündeten geteilt wurden.

Im Mittelpunkt steht dabei der Schutz von Quellen, die durch das mutmaßliche Leck gefährdet worden sein könnten. Ähnliche Überprüfungen dürften nun auch bei anderen Geheimdienstpartnern und Verbündeten Deutschlands stattfinden.

Matthew Dunn, ein früherer MI6-Offizier, sagte, die britischen Nachrichtendienste würden nun sämtliche Informationen überprüfen, die mit dem BND geteilt wurden, und die möglichen Risiken bewerten.

„Es wird zweifellos gerade eine umfassende interne Sicherheitsüberprüfung beim MI6 stattfinden“, sagte Dunn. Dabei werde gezielt untersucht, welche Informationen mit einem bislang als sehr vertrauenswürdig geltenden Partnerdienst geteilt worden seien und ob diese möglicherweise Aktivitäten oder Personen mit Verbindung zum MI6 kompromittierten.

Dunn sagte allerdings, er wäre „sehr überrascht“, wenn der Fall die Beziehungen zwischen MI6 und BND beeinträchtigen würde. Er gehe vielmehr davon aus, dass beide Dienste bei der Aufarbeitung der Affäre zusammenarbeiten würden.

Wann deutsche Behörden ihre Partner über die Sicherheitslücke informierten, ist unklar. Es soll allerdings noch vor den Festnahmen am Dienstag geschehen sein.

Hanning, einst angesehener Präsident des Bundesnachrichtendienstes, des deutschen Pendants zum britischen MI6, schied im November 2005 nach sechs Jahren an der Spitze des Dienstes aus. Später geriet er Berichten zufolge in finanzielle Schwierigkeiten und stand vor der Insolvenz.

Manfred D. war Hannings Büroleiter beim BND und wechselte später gemeinsam mit ihm ins Bundesinnenministerium. Von März 2012 bis März 2026 war Manfred D. anschließend Büroleiter mehrerer BND-Präsidenten. In dieser Position spielte er eine zentrale Rolle bei der Steuerung des Informationsflusses in das Büro des jeweiligen Präsidenten. Als hochrangiger Mitarbeiter hatte Manfred D. Zugriff auf zahlreiche geheimhaltungsbedürftige Informationen.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft soll er Hanning bis Juni 2022 annähernd 2000 Dokumente zur Verfügung gestellt haben, darunter vielfach als Verschlusssache eingestufte Informationen. Das Material sei ausschließlich für interne Zwecke des Bundesnachrichtendienstes bestimmt gewesen und habe unter anderem der Vorbereitung der sogenannten nachrichtendienstlichen Lagebesprechung gedient.

Im Frühjahr 2010 sollen die beiden vereinbart haben, dass Manfred D. seinem früheren Chef gegen Bezahlung fortlaufend wertvolle Erkenntnisse des BND beschaffen sollte. Hanning sollte die Informationen im Rahmen seiner privaten Beratertätigkeit gewinnbringend verwerten können.

Der „Spiegel“ berichtete am Dienstagabend, die Analyse sei für den aserbaidschanischen Geheimdienst erstellt worden.

Hanning warnte vor Russland

Hanning trat in der deutschen sicherheitspolitischen Debatte in den vergangenen Jahren als scharfer Kritiker Moskaus auf. In einem Interview mit dem „Telegraph“ im Jahr 2024 warnte er, Deutschland sei „naiv“ und müsse angesichts eines möglichen Krieges „aufwachen“. „Viele haben noch nicht erkannt, dass wir uns in einem Konflikt mit Russland befinden – das wurde unterschätzt“, sagte Hanning damals. „Die Menschen scheuen vor der Wahrheit zurück. Russland befindet sich in einem Konflikt mit der Nato, und Deutschland ist natürlich Teil dieses Konflikts.“

Die Menschen hätten „noch nicht erkannt, dass eine ernsthafte Gefahr besteht. Zugleich gibt es Sympathien für Russland, insbesondere in Ostdeutschland sowie in Teilen der extremen Linken und der AfD, deren Strömungen ein Ende der Sanktionen gegen Russland fordern“.

BND-Präsident Martin Jäger erklärte zu der Festnahme von Hanning: „Für den BND und mich gibt es bei der internen Sicherheit keine Kompromisse. Keines meiner Ziele, keine meiner Prioritäten werden durch diesen Vorgang infrage gestellt.“

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