Auf der Plattform TikTok tanzen und singen Jugendliche nicht nur wild durcheinander. Längst hat sich das soziale Netzwerk auch zu einem digitalen Tummelplatz der Halbwelt entwickelt. Dort werben Kriminelle offen für illegale Dienstleistungen. Gefälschte Sprachzertifikate für Migranten etwa werden offenbar wie gewöhnliche Ware angeboten, für 900 bis 4000 Euro pro Urkunde. Das zeigen Prozesse gegen Fälschergruppen. In Einbürgerungsverfahren können Bewerber damit Deutschkenntnisse sowie Kenntnisse der Rechts- und Gesellschaftsordnung vortäuschen.

Noch lukrativer ist das Geschäft mit der Einwanderung nach Deutschland. Auf TikTok zirkulieren kurze Videos, in denen vermeintlich erfolgreich Geschleuste den Organisatoren danken und deren Dienste empfehlen. Die Kontaktdaten gibt es gleich dazu. Es ist modernes Marketing für ein kriminelles Geschäft, das in den Herkunftsländern offenbar immer wieder Kunden findet.

Wie ein solches Geschäft funktioniert, verhandelt seit diesem Donnerstag das Hamburger Landgericht. Auf der Anklagebank sitzt ein 27-Jähriger aus einer türkischen Kleinstadt, neben ihm zwei Anwälte und ein Dolmetscher. Im lukrativen internationalen Schleusungsgeschäft dürfte er eher zu den kleineren Akteuren zählen. Weil das Verfahren noch läuft und die Unschuldsvermutung gilt, soll er hier Ekrem B. heißen.

Gemeinsam mit Komplizen soll B. mehr als 200 Menschen über die Balkanroute nach Deutschland geschleust und dafür bis zu 5000 Euro pro Person kassiert haben. Doch auch die Sicherheitsbehörden verfolgen die neuen digitalen Methoden der Schleuser. Seit Mai sitzt Ekrem B. in Hamburg in Untersuchungshaft. Sein Fall zeigt, wie arbeitsteilig und professionell Netzwerke die irreguläre Migration nach Deutschland organisieren.

B. und rund ein Dutzend mutmaßliche Mitstreiter bedienten eine wachsende Nachfrage: Immer mehr Menschen aus der Türkei wollen nach Deutschland. Viele treibt die wirtschaftliche Krise aus ihrer Heimat, vor allem die hohe Inflation. Angehörige von Minderheiten wie Kurden und Aleviten berichten zudem von politischer Verfolgung durch die autoritär und religiös geprägte Regierung.

Im ersten Halbjahr 2026 stellten türkische Staatsangehörige in Deutschland 3454 Asylerstanträge. Damit lag die Türkei in der Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf Platz drei der zugangsstärksten Staatsangehörigkeiten, hinter Afghanistan mit 10.458 und Syrien mit 4997 Anträgen. Die Aussichten türkischer Asylbewerber auf Anerkennung sind allerdings gering. Von Januar bis September 2026 lag die bereinigte Schutzquote türkischer Antragsteller bei 14,9 Prozent. Rund 85 Prozent der inhaltlich geprüften Anträge lehnte das BAMF demnach ab.

Ekrem B. soll interessierten Landsleuten unter dem Decknamen „Zaza“ ein Komplettpaket angeboten haben, für 3500 bis 5000 Euro pro Person. Laut Anklage funktionierte das Modell so: Gemeinsam mit einem Partner organisierte B. Flüge aus der Türkei nach Serbien. Türkische Staatsangehörige dürfen dort für 90 Tage ohne Visum einreisen. Diesen legalen ersten Schritt nutzten die Schleuser, um unauffällig den illegalen Weitertransport vorzubereiten.

Angeklagter Ekrem B. neben Anwälten und Dolmetscher

Von Serbien aus führten Helfer die Migranten zu Fuß bis an die ungarische Grenze. Dort übernahmen Fahrer. In Kleintransportern und privaten Pkw brachten sie die Menschen schließlich bis nach Deutschland.

Vor Gericht zeichnet die Staatsanwältin dieses System anhand von 38 angeklagten Fällen nach. Fall für Fall rekonstruiert sie Fahrten, Übergaben und Routen. Der Angeklagte gibt einen Großteil der Vorwürfe zu, wohl auch, weil die Ermittler sein Smartphone ausgelesen und die Kommunikation gesichert haben. Zu den Erkenntnissen der Ermittler liefert B. nun seine eigene Version.

Kontaktleute sitzen demnach in Belgrad und an der Grenze zu Ungarn. Einige beschafften die Fahrzeuge, andere kannten die Wege und Verstecke in den Waldgebieten. Die Fahrer tauschten sich laufend aus, warnten einander vor Polizeikontrollen und empfahlen sichere Routen. Jeder erfüllte seine Aufgabe, damit die Schleusungskette nicht abriss.

Die alltäglichen Probleme eines Schleusers

Die Nachrichten auf B.s Telefon dokumentieren aber auch die alltäglichen Probleme des kriminellen Geschäfts. Während des Fastenmonats Ramadan beschwerte sich demnach einer der Geschleusten bei ihm über das Frühstück: Wer den ganzen Tag laufen müsse und erst am späten Abend wieder essen dürfe, brauche morgens eine größere Mahlzeit.

Auch auf geopolitische Veränderungen stellte sich die Gruppe offenbar ein. In mehreren Fällen nutzte sie laut Staatsanwältin „Kleintransporter mit ukrainischen Kennzeichen“. Die Fahrzeuge sollten mutmaßlich weniger Verdacht erregen.

Für die Geschleusten bedeutete die Reise dagegen oft extreme Gefahr. Nach Überzeugung der Ermittler transportierte das Netzwerk Migranten teilweise unter lebensgefährlichen und menschenunwürdigen Bedingungen. In einem Fall sollen 22 Menschen ungesichert auf der Ladefläche eines Transporters zusammengepfercht worden sein. Die Tür konnte nur der Fahrer von außen öffnen. Andere mussten bei klirrender Kälte in Waldgebieten an der serbisch-ungarischen Grenze ausharren.

Ekrem B. versucht unterdessen, seine eigene Rolle kleinzureden. Er sei im Sommer 2020 selbst mit gefälschten Papieren über den Flughafen Düsseldorf nach Deutschland eingereist und habe sich hier durchgeschlagen. Zwei Jahre später habe er im WhatsApp-Status eines Freundes gesehen, dass dieser sich in Serbien aufhielt.

„Ich fragte ihn: Was treibst du dort?“, berichtet B. vor Gericht über seinen Einstieg in das Schleusergeschäft. Der Freund habe ihm erzählt, dass er türkische Staatsbürger nach Serbien bringe und von dort nach Deutschland weiterschicke. So, sagt Ekrem B., habe alles angefangen.

Der Prozess vor dem Hamburger Landgericht wird fortgesetzt.

Korrespondent Philipp Woldin kümmert sich bei WELT vor allem um Themen der inneren Sicherheit sowie Migration und berichtet über das Bundesinnenministerium.

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