Es sind gespenstische Szenen, die Stadt liegt unter einem dunklen, gelblichen Schleier. Eine Frau mit einer Gasmaske spricht in die Kamera. „Dieses Video hat keinen Filter“, sagt sie. So sehe es hier tatsächlich aus. „Nirgendwo kann man sich verstecken, nirgendwohin kann man fliehen.“
Das Video stammt von der indonesischen Aktivistin Emmanuela Shinta. Sie nahm es vor einigen Tagen in der Stadt Palangkaraya auf der Insel Borneo auf. Die Aufnahmen zeigen die Folgen der schweren Waldbrandsaison.
Shinta berichtet von giftigem Rauch und einer hohen Feinstaubbelastung. „Wir versuchen hier, am Leben zu bleiben“, sagt sie. Gemeinsam mit Helfern bemühe sie sich, weitere Schutzräume für die Bevölkerung einzurichten. Es seien zu wenige, um allen Menschen in der Region Kalimantan auf Borneo zu helfen. „Aber zumindest können wir Leben retten.“
Auch auf anderen Inseln Indonesiens wüten Feuer. Der Rauch belastet auch die Nachbarländer. In Malaysia mussten Hunderte Schulen schließen.
Zahl möglicher Brandherde mehr als verdoppelt
Indonesien erlebt in diesem Jahr eine besonders schwere Brandsaison. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur AP könnte das Klimaphänomen El Niño in mehreren Regionen zu einer verlängerten Trockenzeit beigetragen haben. Hinzu kommen Brandrodungen auf Sumatra und Borneo. Teilweise erschwert Wasserknappheit die Löscharbeiten.
Das Forstministerium registrierte bis Donnerstagabend anhand von Satellitendaten landesweit 799 mögliche Brandherde. Am Vortag waren es noch 372 gewesen. Mehr als drei Viertel entfielen auf sechs besonders gefährdete Provinzen auf Sumatra und Borneo.
Nach Angaben des Ministeriums verbrannten von Januar bis Juli mehr als 2020 Quadratkilometer Land. Das unabhängige Projekt Nusantara Atlas bezifferte die bis Ende August verbrannte Fläche auf knapp 8960 Quadratkilometer.
Dicker Rauch über Palangkaraya an diesem DonnerstagDas Ausmaß der Gesundheitskrise wird inzwischen immer deutlicher: Nach Angaben des indonesischen Gesundheitsministeriums wurden seit dem 18. August allein in sieben Provinzen mehr als 280.000 mit den Bränden in Verbindung gebrachte Fälle von Atemwegserkrankungen registriert, wie der australische Sender ABC berichtet. Besonders gefährdet durch die Feinstaubbelastung sind Kinder, ältere Menschen und Personen mit bestehenden Atemwegserkrankungen.
Rauch belastet auch Nachbarländer
Die Rauchschwaden reichen weit über Indonesien hinaus und erreichten teilweise sogar die Philippinen. Malaysia ordnete am Freitag wegen der schlechten Luftqualität die Schließung Hunderter Schulen in mehreren Bundesstaaten an.
Der malaysische Außenminister Mohamad Hasan wies Forderungen nach Schadenersatz von Indonesien zurück. Die Krise müsse diplomatisch und mithilfe des südostasiatischen Staatenbundes Asean bewältigt werden. Malaysia koordiniere Hilfsmaßnahmen und wolle die regionale Zusammenarbeit gegen die grenzüberschreitende Rauchbelastung verstärken.
In Kuala Lumpur sind die Gebäude in den durch Brände in Indonesien verursachten Dunst gehülltAuch Singapur fordert ein gemeinsames Vorgehen. Ministerpräsident Lawrence Wong erklärte, die Behörden ermittelten gegen Unternehmen, die möglicherweise mit Wald- und Torfbränden in Indonesien in Verbindung stehen und zur Rauchbelastung beigetragen haben.
Organisationen verklagen die Regierung von Indonesien
Unterdessen wächst die Kritik am Krisenmanagement der indonesischen Regierung. In Westkalimantan auf Borneo haben zivilgesellschaftliche Organisationen eine Sammelklage gegen die Regierung eingereicht. Die Kläger werfen den Verantwortlichen Untätigkeit und Fahrlässigkeit vor: Die fast jährlich wiederkehrenden Torfbrände und die Folgen von El Niño seien vorhersehbar gewesen. „Dennoch scheint es, als seien wir auf diese anhaltende Dürre nicht vorbereitet gewesen“, sagte Glorio Sanen, juristischer Koordinator der Gruppe Nafas Kalbar, dem Sender ABC.
Ein Rettungshelfer und ein Tierarzt tragen einen Orang-Utan, den sie aus einer von Waldbränden betroffenen Palmölplantage im indonesischen Westkalimantan gerettet habenDie Kläger verlangen unter anderem die Ausrufung eines nationalen Notstands, stärkere Brandschutzmaßnahmen, kostenlose Gesundheitsversorgung für gefährdete Gruppen und die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen.
Die Regierung erklärte, sie respektiere das Recht auf eine gerichtliche Überprüfung und werde sich im Verfahren zu den Vorwürfen äußern. Der Schutz der Bevölkerung und die Eindämmung der Brände hätten weiterhin Vorrang. Nach ihren Angaben unterstützen mehr als 69.000 Angehörige von Militär, Polizei und Katastrophenschutz sowie Freiwillige und Unternehmen die gemeinsamen Einsätze. Gegen 26 Unternehmen seien Verwaltungssanktionen verhängt worden, darunter der Entzug oder die Aussetzung von Genehmigungen.
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