Nach dem Treffen der Elite ist vor dem Treffen der Entscheider. Kaum sind die Erkenntnisse des historischen Weltwirtschaftsforums in Davos verdaut, bilden sie bereits das Fundament für den nächsten Gipfel der Superlative, den WELT-Wirtschaftsgipfel. Davos hat gezeigt, dass sich Europa wehren kann, wenn es zusammenhält und seine Stärken ausspielt.

Auf dem heutigen WELT-Wirtschaftsgipfel muss es darum gehen, dass Europa nicht nur defensiv agieren kann, sondern auch wieder in die Offensive kommt. Und da muss vor allem Deutschland, die größte und wichtigste Volkswirtschaft des Kontinents, wieder auf die Beine kommen – um Europa wieder als „starker Mann“ anführen zu können.

Es geht um nichts weniger als um ein neues wirtschaftliches Betriebssystem für Deutschland. Die Wirtschaft stagniert, die Wirtschaftsleistung liegt noch immer auf dem Vor-Corona-Niveau von Anfang 2020. Im selben Zeitraum haben die USA ihren Wohlstand um rund 15 Prozent gesteigert, Spanien um zehn Prozent, Italien und Frankreich um acht beziehungsweise sieben Prozent.

Ein zentraler Treiber der deutschen Malaise ist der globale Handel. Der lange wichtigste Handelspartner, die USA, hat sich unter der neuen Administration zunehmend abgeschottet. Der deutsche Handelsüberschuss mit den Vereinigten Staaten ist auf Zwölfmonatssicht von über 70 Milliarden Euro auf zuletzt 54 Milliarden Euro geschrumpft. Gleichzeitig flutet der aktuell wichtigste Handelspartner China den europäischen Markt mit Billigwaren. Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China erreichte zuletzt mit 88 Milliarden Euro einen neuen Rekord – eine Entwicklung, die inzwischen auch in den Vorstandsetagen der Dax-Konzern die Alarmglocken schrillen lässt.

Doch nicht alle Probleme kommen von außen. Auch hausgemachte Faktoren bremsen die Wirtschaft. Die Bürokratie bleibt – trotz gegenteiliger Bekenntnisse – ein massiver Hemmschuh für Investitionen und Wachstum. Die direkten Bürokratiekosten sind zwar leicht gefallen, mit 62 Milliarden Euro pro Jahr aber weiter sehr hoch. Die Kosten durch entgangene Wirtschaftsleistung dürften sogar noch viel höher anzusetzen sein.

Hinzu kommen die hohen Energiekosten. Ein harter Winter hat die Preise zuletzt weiter nach oben getrieben und legt schonungslos offen, wie wenig wettbewerbsfähig der Standort Deutschland geworden ist. Die Großhandelspreise für Strom liegen mittlerweile rund ein Drittel über dem französischen Niveau. Teure Energie benachteiligt Deutschland im Rennen um die Künstliche Intelligenz. Denn KI benötigt günstige Energiepreise. Im neuen Zeitalter ist Energie in einer Volkswirtschaft daher praktisch gleichgesetzt mit Intelligenz.

Europa im Epochenbruch

Für diese Gemengelage müssen Politik und Wirtschaft gemeinsam Antworten finden. Europa ist dabei zunehmend auf sich allein gestellt – das transatlantische Bündnis ist derzeit nicht mehr so zuverlässig wie in den vergangenen Jahrzehnten.

Die hochkarätige Teilnehmer- und Rednerliste des WELT-Wirtschaftsgipfels (WWG) im Axel-Springer-Haus macht Hoffnung, dass sich zumindest die Konturen eines neuen Entwurfs abzeichnen. Unter dem Motto „Europa im Epochenbruch – Macht und Märkte in einer zerrissenen Welt“ versammelt sich das Who’s who der deutschen Wirtschaft in Berlin. Es ist der 17. Gipfel dieser Art – doch selten war die Dringlichkeit so greifbar: Stagnierendes Wachstum, explodierende Handelsdefizite mit Fernost und ein Investitionsstau, der zunehmend an der Substanz der Industrienation zehrt.

Kanzler-Premiere und das Kabinett der Antworten

Alle Augen richten sich auf Friedrich Merz. Für den Bundeskanzler und CDU-Chef ist es der erste WELT Wirtschaftsgipfel in neuer Funktion. Er wird von einem Kabinett flankiert, das den Ernst der Lage spiegelt: Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und die neue Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche (CDU), stellen sich den Fragen der Konzernlenker.

Besonders aufmerksam wird verfolgt, wie sich das neu geschaffene Ressort für Digitalisierung und Staatsmodernisierung positioniert. Mit Karsten Wildberger (CDU), einem erfahrenen Top-Manager, ist klar: Das „Betriebssystem“ des Staates soll nicht nur reformiert, sondern grundlegend aktualisiert und digitalisiert werden.

Davos als Lehrstück europäischer Macht

Sie alle werden sich an Davos erinnern, wo ein eindrucksvolles Lehrstück aufgeführt wurde, welches den Europäern Mut machen dürfte. Denn Donald Trump stimmte dem Grönland-Deal nicht aus Einsicht zu, sondern aus Kalkül. Ausschlaggebend war die glaubhafte Drohung Europas mit Gegenzöllen und die Erkenntnis, wie sehr die USA auf Kapital aus Europa angewiesen sind.

Mehr Zölle kann sich Trump im Jahr der Zwischenwahlen gleich doppelt nicht leisten. Eine Studie des IfW Kiel zeigt: Den Großteil der Zölle zahlen die Amerikaner selbst. Gegenzölle Europas hätten die gut laufende US-Konjunktur zusätzlich belastet. Den Finanzmärkten war Grönland dabei weitgehend egal – bei einer US-Wirtschaftsleistung von rund 30 Billionen Dollar gegenüber drei Milliarden in Grönland ist das ökonomisch ein Rundungsfehler. Doch Trumps Zollrhetorik hatte Folgen. Die Märkte reagierten mit dem klassischen „Sell America Trade“: Aktien, US-Anleihen und der Dollar gerieten unter Druck.

Europa ist inzwischen ein massiver Kapitalexporteur in die USA. Jährlich fließen rund 300 Milliarden Euro europäischer Ersparnisse über den Atlantik. Dieses Kapital finanziert amerikanische Fabriken, treibt die Bewertungen der „Magnificent Seven“ und hilft, das US-Haushaltsdefizit zu decken. So können die USA mehr konsumieren, als sie produzieren – und gleichzeitig ihre Finanzierungskosten niedrig halten. Das ist das berühmte „exorbitante Privileg“.

Wie verwundbar dieses Modell ist, zeigte sich in Davos deutlich. US-Finanzminister Scott Bessent war sichtlich bemüht, den Trump-Schaden zu begrenzen. Auf die Frage, ob Europa sich wehren könne, antwortete er zwar knapp mit „nein“ – Dänemark sei irrelevant. Doch: Dänemark mag politisch klein sein, Europas Kapital ist es nicht.

Eine viel zitierte Studie der Deutschen Bank brachte es auf den Punkt. Devisenstratege George Saravelos schrieb: „Die USA haben eine entscheidende Schwäche: Wegen ihrer hohen Außenhandelsdefizite sind sie darauf angewiesen, dass andere ihre Rechnungen bezahlen. Europa ist Amerikas größter Kreditgeber. Europäische Länder halten US-Anleihen und -Aktien im Wert von acht Billionen Dollar – fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen. Es ist unklar, warum Europa bereit sein sollte, diese Rolle dauerhaft zu übernehmen.“

Die Wirtschaft fordert Taten

Entsprechend geschlossen wird die Wirtschaftselite nach Berlin kommen – um diesen Aufbruch einzufordern und zu flankieren. Von Christian Sewing (Deutsche Bank) über Oliver Bäte (Allianz) und Ola Källenius (Mercedes-Benz) bis Tobias Meyer (DHL Group) oder Armin Papperger (Rheinmetall): Mehr als die Hälfte aller 40 Dax-CEOs wird beim Gipfel vertreten sein.

Gleich im ersten Panel dürfte Klartext gesprochen werden. Unter dem Titel „Stagnation statt Wirtschaftswende: Welches neue Betriebssystem braucht Deutschland?“ diskutieren Roland Busch (Siemens), Marcel de Groot (Vodafone), Bettina Orlopp (Commerzbank) und Gerd Chrzanowski (Schwarz-Gruppe). Die Botschaft ist eindeutig: Köpfe und Kapital sind vorhanden – doch die Rahmenbedingungen passen nicht mehr zur geopolitischen Realität.

Dass Wirtschaft ohne Sicherheit nicht mehr zu haben ist, zeigt der Blick auf die internationalen Gäste. Nach dem Showdown um Grönland werden der grönländische Premier Jens-Frederik Nielsen und Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erwartet. Die Teilnahme des israelischen Wirtschaftsministers Nir Barkat und des amerikanischen Sondergesandten Steve Witkoff unterstreicht: Es geht um die neuen globalen Konfliktlinien – und ihre ökonomischen Folgen.

Tech-Visionäre als Taktgeber

Doch der Gipfel blickt nicht nur auf Krisen, sondern auf Lösungen. Mit Alex Karp (Palantir) und Satya Nadella (Microsoft) stehen zwei der zentralen Vordenker der KI-Revolution auf dem Programm. Sie liefern die Blaupause für das, was Deutschland bislang fehlt: Mut zur radikalen Innovation und Geschwindigkeit bei der Umsetzung.

Wenn dieser 17. WELT-Wirtschaftsgipfel eines leisten kann, dann den Schulterschluss zwischen einer neu formierten Bundesregierung und einer ungeduldigen Wirtschaft. Es geht nicht länger darum, den Niedergang zu verwalten. Es geht um ein neues Bewusstsein – und um die Erkenntnis, dass Deutschlands neues Betriebssystem jetzt installiert werden muss, damit Europa einen echten Neustart hinlegen kann. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Holger Zschäpitz ist leitender Finanzredakteur in Berlin. Er ist leidenschaftlicher Marktbeobachter und berichtet über Kurse und Finanzmärkte, Geldanlage, Aktien, Fonds und ETFs, Gold, Bitcoin und Kryptowährungen sowie das diffizile Zusammenspiel von Politik und Märkten. Er ist Co-Host der WELT-Podcasts „Deffner & Zschäpitz“ und „Alles auf Aktien“.

Nando Sommerfeldt ist Mitglied der Chefredaktion bei Business Insider Deutschland und des Kompetenzzentrums Wirtschaft bei WELT. Er schreibt viel über die Aktienmärkte, Geldanlage und testet regelmäßig Elektroautos. Er ist außerdem Co-Host des WELT-Podcasts „Alles auf Aktien“.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.