Nach den weltpolitisch turbulenten ersten Wochen des Jahres 2026 ist die Ungeduld der deutschen Bundesregierung mit der starren Europäischen Union und ihrer Institutionen groß. „Europa muss eine politische Gestaltungsmacht auf der Welt werden, wirtschaftlich und militärisch“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim WELT-Wirtschaftsgipfel im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin. Damit in der neuen „Weltunordnung“, wie er sagte, solche Vorstellungen nicht nur angekündigt, sondern auch durchgesetzt würden, bedürfe es vertiefter Formen der Zusammenarbeit. „Es gibt keinen geopolitischen Einfluss Europas ohne wirtschaftliche Dynamik.“

Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) machte deutlich, dass er die Zeit für ein Europa der zwei Geschwindigkeiten gekommen sieht. „Jetzt gilt es, auf eigene Stärke zu setzen. Deutschland wird gemeinsam mit Frankreich und anderen Partnern deshalb vorangehen, um Europa stärker und unabhängiger zu machen“, sagte Klingbeil. Er könne sich an keine Situation erinnern, in der er die internationale Lage so dramatisch empfunden habe wie heute. „Aber wir müssen die Zuversicht behalten, dass wir die Probleme lösen und uns in dieser Welt behaupten können“, sagte er. Und die habe er.

Klingbeil kündigte an, zur Vorbereitung des EU-Sondergipfels am 12. Februar bereits am Mittwoch in einer Videokonferenz mit seinen Amtskollegen aus Frankreich, Italien, Spanien, Polen und den Niederlanden über die Stärkung der Wettbewerbs- und Verteidigungsfähigkeit zu beraten. „Als sechs große Volkswirtschaften in Europa können wir jetzt die Antreiber sein“, sagte Klingbeil. Er habe der „Gruppe der E6“ einen Vier-Punkte-Plan vorgeschlagen, wie die Kapitalmarktunion vorangetrieben, der Euro gestärkt, Investitionen in Verteidigung besser abgestimmt und Rohstoffe gesichert werden könnten.

Auf dem EU-Sondergipfel in zwei Wochen wollen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union besprechen, wie Europa wirtschaftlich gestärkt werden kann. Neben der deutschen Regierungsspitze war unter anderem auch Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und Grönlands Premierminister Jens-Frederik Nielsen in Berlin zu Gast beim Gipfel.

Ungeduldig zeigten sich auch die versammelten Top-Manager, darunter zahlreiche Vorstandschefs von Dax-Unternehmen. „Was muss die Politik tun? Europa deregulieren. Wir müssen Infrastruktur aufbauen, Kapital bereitstellen und Talente ins Land bringen“, sagte Siemens-Vorstandschef Roland Busch. Es könne beispielsweise nicht sein, dass es sechs bis neun Monate dauere, bis ein ausländischer Mitarbeiter ein Visum bekomme. „Die Politik muss entbürokratisieren, digitalisieren und Steine aus dem Weg räumen. Den Rest erledigt die Industrie dann schon“, sagte Busch.

Europa müsse mit mehr Tempo seinen Heimatmarkt harmonisieren, forderte Deutsche-Bank-Vorstandschef Christian Sewing. „Wir haben 450 Millionen Konsumenten. Wir haben eigentlich den stärksten Wirtschaftsmarkt der Welt hier in Europa“, sagte er am Rande des Gipfels. Wenn die vorhandenen Handelsbarrieren zwischen den Mitgliedsländern abgebaut würden, sei das „eine echte Kraft“. Doch dies müsse nun endlich geschehen.

„In Amerika machen sie zuerst und regulieren später. In Europa regulieren wir zuerst und vergessen darüber manchmal das Machen“, sagte Marcel de Groot, Deutschland-Chef des Telekommunikationsanbieters Vodafone. Europa müsse mehr Mut und weniger Bürokratie wagen. „So können wir unseren Wohlstand auch technologisch neu erarbeiten. Am Ende macht uns nicht Perfektion wettbewerbsfähig, sondern Fortschritt“, sagte er.

Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner verknüpfte die jüngsten geopolitischen Verwerfungen rund um Trumps Grönland-Drohungen mit einer Hoffnung. „Meine Hoffnung ist, dass sich diese Situation, die für viele dystopisch und gefährlich wirken mag, am Ende als große Chance erweist – weil sie ein Weckruf ist. Ein Weckruf für Europa, aber vielleicht auch für die offene Gesellschaft und die Demokratie insgesamt“, sagte er.

Europa dürfe allerdings nicht glauben, die Probleme allein lösen zu können – genauso wenig, wie Amerika das langfristig glauben sollte. „Wir müssen auf beiden Seiten des Atlantiks erkennen, dass in schwierigen Zeiten genau dieses Bündnis und die gemeinsamen Interessen erfolgsentscheidend sind“, sagte Döpfner. Diese Strategie sei wesentlich wichtiger als Geschmacksnoten darüber, wie man die eine oder andere Regierung gerade finde.

Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) betonte in seiner Rede den Wert der Verlässlichkeit und Fairness als Stärke Europas im globalen Wettbewerb. Das spüre er bei Besuchen im Ausland. „Auf meinen Reisen, in Gesprächen mit Partnern jenseits der USA und Chinas, in Indien, Indonesien, Japan, Bolivien – und zuletzt auch in Äthiopien und Kenia – höre ich immer wieder dasselbe: Verlässlichkeit schlägt Willkür!“, sagte Wadephul. Diese Länder, so fügte er hinzu, stünden für einen großen und wachsenden Anteil der globalen Wirtschaftsleistung.

Die Einigung auf ein Freihandelsabkommen der EU mit Indien sei „ein absoluter Gamechanger“, sagte Wadephul. Dadurch entstehe ein gemeinsamer Markt mit knapp zwei Milliarden Menschen. Darum biete das Abkommen enormes geostrategisches Potenzial. Um stärker zu werden, müssten die EU-Mitgliedsstaaten noch geeinter handeln. Auch Bürokratieabbau und die europäische Integration hätten weiteres Potenzial.

Lob für die Einigung auf ein Handelsabkommen der EU mit Indien kam auch aus der Wirtschaft. „Das ist eine sehr gute Nachricht, sowohl für die EU, für Deutschland, aber auch für Indien. Wenn wir die Handelsbeziehungen mit dieser sehr stark wachsenden Wirtschaft stärken können, dann stützt das auch die deutsche Exportindustrie“, sagte Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group.

Volkswagen-Chef Oliver Blume bewertete das Abkommen ebenfalls sehr positiv. „Wir unterstützen jede Initiative zu Handelsabkommen in den Regionen der Welt“, sagte er. Er erwarte, dass dieses Abkommen zügig in Kraft trete. In der Vorwoche hatte die Mehrheit des Europa-Parlaments das Handelsabkommen mit den Ländern Südamerikas zur Prüfung an den Europäischen Gerichtshof verwiesen. Das hatte für viel Kritik auch aus der Wirtschaft gesorgt.

 Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.

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