Ihre „Handels-Bazooka“ mussten die Europäer im Streit mit US-Präsident Donald Trump gar nicht auspacken. So bezeichnet die EU das sogenannte Anti-Coercion-Instrument (ACI) zur Abwehr wirtschaftlicher Zwangsmaßnahmen. Am Mittwochabend ließ Trump die Zolldrohungen gegen Deutschland und andere EU-Länder fallen und sagte seinen Plan ab, Grönland einnehmen zu wollen. TACO nennen das seine Gegner – „Trump always chickens out“ („Trump kneift immer“).

Trotzdem überwog am Ende der Woche die Sorge, dass der US-Präsident die Europäer jederzeit wieder bedrohen könnte wie in der Grönland-Krise. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte beim EU-Gipfel in der Nacht zum Freitag, man müsse trotz der „akzeptableren“ Situation „wachsam“ bleiben. Die oberste Diplomatin der EU, Kaja Kallas, sprach von der Notwendigkeit, auch nach Trumps Einlenken „verschiedene Szenarien“ zu besprechen.

Europa beabsichtigt, sich für den nächsten amerikanischen Angriff zu wappnen – und ist sich bewusst, dass es die Waffen dazu hat. Die EU erscheint zwar auf den ersten Blick abhängig von den USA, aber diese Abhängigkeit besteht in beide Richtungen. Die Vereinigten Staaten mögen militärisch und digital überlegen sein. Doch sie haben in einem wirtschaftlichen Konflikt mit der Europäischen Union sehr viel zu verlieren – falls die Europäer auf Erpressungen mit Gegendruck antworten. Denn Europa und die USA sind wirtschaftlich eng verflochten – weshalb die EU selbst massive Druckmittel in der Hand hält. 

Handel und Zölle

Dass Zölle wirken, sieht man seit dem Amtsantritt Trumps: Deutschlands Exporte in die USA sind gesunken, vor allem bei Autos und Maschinen ist ein deutlicher Rückgang zu sehen. Ähnlich würden Gegenzölle der EU gegenüber den USA wirken, etwa – wie vergangenes Jahr angedroht – auf Produkte wie Jeans und Whiskey. Allerdings würde das auch die europäischen Verbraucher treffen: Trumps Zölle zahlen zu 96 Prozent die Kunden in den USA, zeigt eine Datenanalyse des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman – ein leidenschaftlicher Trump-Gegner – schrieb Anfang der Woche, es werde nicht funktionieren, Europa durch Zölle zu etwas zu zwingen. „Nur in Trumps Fantasien verfügt Amerika über einen enormen wirtschaftlichen Einfluss auf Europa. Insofern wir überhaupt Einfluss auf sie haben, wird dieser durch den Einfluss, den sie auf uns haben, ausgeglichen.“

Die EU versucht zudem, den Einfluss der USA durch das Zugehen auf andere Handelspartner zu verringern. „Die EU hat zuletzt wichtige Freihandelsabkommen abgeschlossen oder vorangebracht, etwa mit Kanada, Japan, Südkorea, Chile, Neuseeland oder den Mercosur-Staaten, wodurch Handel und Lieferketten breiter aufgestellt werden“, sagt Monika Schnitzer, die Vorsitzende der „Wirtschaftsweisen“.

Technologie ist keine Einbahnstraße

Dass IT-Produkte aus den USA den Markt in der EU dominieren, ist offensichtlich. Umgekehrt bestehen enorme Abhängigkeiten von spezialisierten Lieferanten aus Europa. „Es wäre falsch zu glauben, dass die Welt nicht von uns abhängig ist“, sagt der Chef des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), Peter Leibinger. Sein Unternehmen, Trumpf, baut hoch spezialisierte Laser, ohne die moderne Chips nicht hergestellt werden können.

Es gebe Tausende Beispiele „wo wir Kernkompetenzen, Systeme oder Subsysteme anderen zuliefern, die sie nur bei uns, bei einzelnen Firmen oder aus den europäischen oder deutschen Innovationsökosystemen bekommen“. Dieser Stärke solle sich die Politik bewusst werden und strategischer damit umgehen.

„Die USA sind besonders im Pharma- und Gesundheitsbereich auf Importe aus der EU angewiesen, etwa bei Medikamenten, Wirkstoffen und Medizintechnik. Auch im Maschinen- und Anlagenbau spielen europäische Hersteller eine wichtige Rolle“, sagt die Wirtschaftsweise Schnitzer. Ähnliche Verflechtungen gebe es in der Chemie-, der Auto- und Luftfahrtindustrie. „Insgesamt beruhen diese Abhängigkeiten auf tief integrierten Wertschöpfungsketten und weniger auf einzelnen kritischen Engpässen.“ Käme etwa das Anti-Coercion-Instrument – also die „Bazooka“ – zum Einsatz, könnte die EU diese Ketten empfindlich stören.

Amazon, Google und Meta brauchen Europa

Der Ruf nach digitaler Souveränität in Europa wird immer lauter. Allerdings gibt es bisher zu Cloud-Diensten von Amazon, sozialen Medien wie Instagram (Meta) oder den Office-Paketen von Microsoft kaum europäische Alternativen. Aber für die Tech-Riesen aus den USA ist Europa der wichtigste Markt im Ausland. Nach China, das eine „digitale Mauer“ um sich gebaut hat, können sie nichts verkaufen.

Allein die Werbeumsätze von Amazon, Google und Meta in Europa übersteigen den Wert der EU-Auto- und Stahlexporte in die USA um das Doppelte, hat „Agora Digitalwende“ ausgerechnet. Europa hat eine gewaltige Nachfragemacht gegenüber den Tech-Riesen, die Gewinne von hier sind in den Aktienkursen eingepreist. Auch deshalb wettern Vertreter der Trump-Regierung gegen europäische Regulierungen wie den Digital Markets Act oder den AI Act, die die Macht der Plattformen einschränken sollen.

Eine Digitalsteuer würde die US-Unternehmen zudem direkt treffen. In einem neuen Konflikt wären Schnitzer zufolge Maßnahmen besonders wirksam, die US-Firmen den Zugang zum EU-Markt für öffentliche Aufträge erschweren. Auch gezielte Schritte im Dienstleistungsbereich, etwa bei digitalen Angeboten, würden die USA spürbar treffen, sagt sie. „Solche gezielten Eingriffe wären wirkungsvoller als pauschale Zölle, da sie Druck aufbauen, ohne den Handel insgesamt unnötig zu beschädigen.“

Kapitalmärkte für das Anleihen-Risiko

Ein besonders mächtiges Druckmittel gegenüber Trump ist der Markt für Staatsanleihen: Wenn die Anleger das Vertrauen in die US-Wirtschaft verlieren, führt das zu steigenden Zinsen für den hoch verschuldeten amerikanischen Staat und schränkt die Handlungsfähigkeit der Politik massiv ein.

Die europäischen Staaten sind zusammengerechnet die größten Kreditgeber der USA. Und weltweit reagieren Investoren nervös, wenn es zu wirtschaftlichen Konflikten kommt. So auch in dieser Woche: Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen stieg zeitweise auf 4,3 Prozent, den höchsten Wert seit Ende August 2025. 

Energie-Abhängigkeit bleibt überschaubar

Im Markt für verflüssigtes Erdgas (LNG) baut die EU gerade eine neue Abhängigkeit von den USA auf. Zuletzt kauften die Länder 60 Prozent dieses Energieträgers in Amerika ein. Das ist politisch so gewollt, EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hatte Trump im Zolldeal im vergangenen Jahr die Zusage gemacht, dass die EU massiv Gas aus den USA kaufen werde.

Allerdings sind die Beziehungen mit den neuen Gaslieferanten nicht vergleichbar mit der früheren Verbindung zu Russland. Für LNG gibt es einen Weltmarkt und die Schiffe, die das Gas liefern, können kurzfristig auch auf andere Routen umschwenken.

Am Ende werden in einem Handelskrieg alle verlieren. Dafür gibt es historische Vorbilder. Der Ökonom Stefan Kooths warnt vor einer Vergeltungsspirale: „Im vergangenen Jahr hat man den Zollkonflikt einigermaßen eingedämmt, weil es kaum Erwiderungen gab. Die USA haben erst einmal kräftig vorgelegt, dann aber wieder zurückgeschraubt“, sagte er Anfang der Woche.

Eine solche Zollspirale habe nach Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 desaströs gewirkt für alle Beteiligten. Die USA hatten 1930 die Zölle auf über 20.000 Produkte angehoben, andere Länder reagierten mit Vergeltungszöllen. In der Folge brach der Welthandel um zwei Drittel ein. Das kann niemand wollen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.

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