Seit dem Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar nach einem Übergriff in einem Regionalzug fühlen sich viele DB-Mitarbeiter bei ihrer Arbeit unsicher. Jeder Zweite habe mittlerweile einen körperlichen Angriff erleben müssen, wie die jüngste Sicherheitsumfrage der EVG ergibt. Die Bahn hat ein Gewaltproblem. Um die Sicherheit der Fahrgäste und Mitarbeiter zu gewährleisten, hat Bahnchefin Palla zusammen mit Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) im Februar zum Sicherheitsgipfel gerufen und erste Maßnahmen beschlossen: Bodycams, neue Sicherheitskräfte und der Verzicht auf die Ausweiskontrolle. DB-Regio-Chef Harmen van Zijderveld nimmt den Ball auf und plant, die Maßnahmen in seinem Bereich umzusetzen.
Eine davon: Allen Mitarbeitern im Service soll eine Bodycam zur Verfügung gestellt werden, wenn sie dies wünschen. Zum Ende des Jahres seien 25 Prozent der Angestellten bei DB Regio mit einer Bodycam unterwegs gewesen. Van Zijderveld setzt sich zum Ziel, den Anteil zur Jahresmitte auf 50 Prozent zu erhöhen. „Nach dem tödlichen Vorfall hat sich die Lage geändert. Die Nachfrage nach Bodycams ist gestiegen“, so der Regio-Vorstand am Mittwoch in Berlin.
Zugleich gebe es weiterhin Kritiker der Überwachungsmethode. Er selbst halte jedoch „sehr viel“ von den Bodycams, da sie deeskalierend wirken würden. Die Kameras dürfen jedoch nicht die gesamte Zeit aufnehmen. Der DB-Mitarbeiter muss vor dem Anschalten den Fahrgast darüber informieren – und auf den Datenschutz hinweisen. Tonaufnahmen dürfen dagegen bisher nicht von der Bahn ausgewertet werden. Auch hier wollen Palla und Verkehrsminister Schnieder eine Änderung prüfen.
Polizeiansagen im Zug
Mitarbeitern im Servicebereich wird ein bereits heute eingesetzter Notfallknopf zur Verfügung gestellt. Der Notfallknopf soll dem DB-Regio-Chef zufolge bei Betätigung in Zukunft automatisch auch die Bodycam aktivieren. Die Aufnahmen sollen zudem noch in diesem Jahr auf einer neuen Videocloudplattform gespielt werden, auf die dann auch die Bundespolizei live Zugriff haben soll. Perspektivisch könnten sich die Polizisten dann direkt einschalten und auch Ansagen über den Zug oder die Bodycam tätigen. Je nach Strecke kann es nämlich van Zijderveld zufolge bis zu einer Stunde dauern, bis ein Polizist den Zug erreicht.
Auch hier könnte der strikte Datenschutz die Ausgestaltung jedoch erschweren. Van Zijderveld mahnt, dass man nicht über die Stränge schlagen sollte. Nicht die Täter, sondern die Opfer sollen geschützt werden, so seine Kernbotschaft.
Harmen van Zijderveld, Vorstand DB Regio, will seine Mitarbeiter besser schützenUm die Kontrolleure zu entlasten, wurde zudem die verpflichtende Ausweiskontrolle seit März bei DB Regio abgeschafft. Somit sollen präventiv Konflikte vermieden werden. Auch beim Deutschlandticket soll die Pflicht entfallen. Kontrolleure können also selbst entscheiden, ob sie nach einem Personalausweis fragen. Van Zijderveld verteidigt den Schritt und betont, dass dies nicht bedeute, dass keine Ausweise und Tickets mehr in den Bahnen kontrolliert werden. Ziel sei es in Zukunft, dass die Ausweiskontrolle komplett entfalle. Erste technische Lösungen gibt es hierzu bereits, allerdings sind sie bisher nicht flächendeckend im Einsatz.
Und noch ein weiteres Thema beschäftigt den DB-Regio-Vorstand: die Doppelbesetzung in Zügen. Bisher sind die Zugbegleiter im Nahverkehr meist allein unterwegs, um Fahrkarten zu kontrollieren. Bei Notfällen kann das zum Problem werden. Im Fernverkehr besteht ein Zug dagegen immer aus einem Duo aus Zugchef und Zugbegleiter.
Der flächendeckende Einsatz einer Doppelbesetzung im Regionalverkehr sei nicht möglich – und auch nicht notwendig, so van Zijderveld. Stattdessen wolle man sich auf die Hotspots konzentrieren und flexibler werden. Ein Modell, das der Regio-Chef hier bevorzugt: ein Tandem aus Kontrolleur und Sicherheitskraft. Aktuell teste man die Besetzung und wolle sie in bestimmten Regionen und zu bestimmten Zeiten einsetzen. Allerdings seien hiervon nur eine „geringe Prozentquote“ der Züge betroffen. Dass in Zukunft jeder Kontrolleur von einer Sicherheitsperson begleitet wird, ist nicht der Fall.
Ein Drittel überlegt, den Beruf zu wechseln
Zusätzlich sollen in diesem Jahr 200 neue DB-Sicherheitskräfte eingestellt werden. Die DB Sicherheit GmbH – ein Tochterunternehmen des Konzerns – verfügt über das Hausrecht in Zügen und Anlagen. Nach Angaben der Bahn arbeiten etwa 4000 Sicherheitskräfte bundesweit in sechs Regionalbereichen. Konkret geht es also um eine Aufstockung von etwa fünf Prozent.
Im vergangenen Jahr gab es nämlich 3262 körperliche Übergriffe auf DB-Mitarbeiter – im Schnitt rund acht Fälle pro Tag. Im Vergleich zum Vorjahr zwar ein leichter Rückgang, dennoch auf weiterhin hohem Niveau. Tatsächlich sind laut van Zijderveld die Übergriffe im Regionalverkehr 2025 im Vergleich zum Vorjahr sogar um sieben Prozent gesunken. Der Tod von Serkan Çalar Anfang des Jahres stellt jedoch den Höhepunkt der Gewaltspirale dar. Auch der DB-Regio-Chef erkennt an, dass seit der Corona-Pandemie ein höheres Aggressionsniveau vorherrsche.
Und das besorgt die Mitarbeiter. Knapp ein Drittel der Beschäftigten spielt mittlerweile mit dem Gedanken, den Beruf zu wechseln, laut der EVG-Umfrage unter 4000 Mitgliedern. Ob der Regio-Vorstand den Unmut in Form von Kündigungen spürt? Es gibt Fälle, in denen Mitarbeiter den Bereich wechseln, oder die Bahn verlassen, gibt er zu. Ein Personalmangel herrsche jedoch nicht vor. Was sich seit dem Todesvorfall jedoch gezeigt habe: Unter Bahnfahrern herrsche eine größere Sensibilisierung. Van Zijderveld beobachtet eine positive Entwicklung bei der Zivilcourage.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.
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