Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könnte Fehlzeiten von Arbeitnehmern verlängern, statt sie zu verringern. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen YouGov-Umfrage des Sozialverbands VdK, die dem „Tagesspiegel“ vorliegt.

Darin gaben 21 Prozent der Befragten an, dass sie sich im Falle einer solchen Neuregelung vorsorglich für einen längeren Zeitraum krankschreiben lassen würden als notwendig, um wegen einer neuerlichen Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit nicht erneut zum Arzt zu müssen.

Weitere 14 Prozent der Beschäftigten würden bei einer Attestpflicht ab dem ersten Tag nach eigenen Angaben „eher krank zur Arbeit gehen“, um sich den Arztbesuch zu sparen, was ein höheres Ansteckungsrisiko für Kollegen bedeuten würde. Drei Prozent nähmen „eher Urlaubstage“, wenn sie sich krank fühlten. 60 Prozent der Beschäftigten würden ihr Verhalten laut Umfrage durch die geplante Neuregelung überhaupt nicht ändern.

Gegenteil der gewünschten Wirkung möglich

„Wer Beschäftigte zwingt, schon am ersten Tag zum Arzt zu gehen, riskiert, dass sich Menschen krank zur Arbeit schleppen oder sich vorsorglich länger krankschreiben lassen“, fasste VdK-Präsidentin Verena Bentele die Ergebnisse zusammen. „Das wäre das genaue Gegenteil dessen, was die Reform angeblich erreichen soll“, warnte sie. Und: „Es schadet am Ende allen: den Beschäftigten, den Betrieben und den ohnehin überlasteten Arztpraxen“.

Zudem widerlege die Umfrage „die Unterstellung, Beschäftigte würden sich vielfach krankmelden, obwohl sie gesund sind“, teilte der VdK mit. 73 Prozent der Befragten versicherten darin, sich bislang nur krankgemeldet zu haben, wenn sie „eindeutig krank und komplett unfähig zum Arbeiten“ gewesen seien.

21 Prozent gestanden ein, dies auch schon bei etwas leichteren Erkrankungen getan zu haben. Drei Prozent gaben an, sich bereits krankgemeldet zu haben, obwohl sie völlig gesund gewesen seien.

Union und SPD hatten sich im Koalitionsausschuss Anfang Juli darauf verständigt, Beschäftigte grundsätzlich bereits ab dem ersten Krankheitstag zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verpflichten. Gleichzeitig soll die telefonische Krankschreibung wieder abgeschafft werden. Beide Vorhaben sollen im Gesetzgebungsverfahren noch konkret ausgestaltet werden.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte die Verschärfung damit begründet, die Zahl der Krankentage in Deutschland sei zu hoch. Man könne sich mit „exorbitanten“ Krankenständen nicht abfinden.

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