Dieser Mann war ein treuer und eher unterwürfiger Sohn, auch ein zugeneigter Bruder. Politik interessierte ihn nicht besonders, aber die Jagd. Und das gute Essen. Seine Umgebung nahm ihn als gutmütig und hilfsbereit wahr, er war zu jedem charmant und wurde geschätzt. Er war wohl, um mit Stefan Zweig zu sprechen, „ein mittlerer Charakter“. Von dem heute niemand mehr sprechen würde, er wäre im Dämmer der Geschichte verschwunden, zumal er im Alter von nicht einmal 40 Jahren an den Pocken starb – ohne je seiner Bestimmung Folge leisten zu können.
Denn dieser Louis de Bourbon war seit seiner Geburt am 1. November 1661 auf Schloss Fontainebleau als einzig legitim geborenes, das Erwachsenalter erreichende Kind von König Ludwig XIV. und dessen Gemahlin Maria Teresa von Spanien Europas bedeutendster Thronfolger. Als Sohn des selbst ernannten, damals 23 Jahre alten Sonnenkönigs, der gerade begann, den Glanz wie die Gewalt des Absolutismus über sich strahlen zu lassen, stand er selbst vom ersten Lebenstag an im hellsten Licht der Öffentlichkeit.
Das in verschwenderischer Größe neu erbaute Schloss von Versailles sollte erst 1682 bezogen werden. Erstens sollte von hier aus Frankreich regiert werden. Zweitens galt es den bisweilen aufständischen Adel fern der Hauptstadt Paris zu kontrollieren wie zu domestizieren. Drittens wurde es aber auch zum goldenen Käfig der royalen Familie, als erste Darsteller des täglich opulent inszenierten rituellen Protokolls: Der kleine Louis hatte vom ersten, vor dem versammelten Hofstaat im Gebärzimmer getanen Schrei an zu funktionieren. War er doch jetzt das zweitbedeutendste Rädchen eines gnadenlosen Systems, das niemanden entkommen ließ. Ein System, in dem die beiden späteren, in Versailles residierenden Könige schnell die Flucht in ihre neuen Petits Appartements wie fernen Landschlösser antraten.
Louis aber, Monsieur oder Le Grand Dauphin genannt, spielte wohlgefällig das groß aufgeplusterte Königsein mit. Bis zu seiner Sterbestunde. So zeichnet das gerade in 14 Sälen des Kapellen- wie Opernflügels des Schlosses seines Vaters eine klug kuratierte, aufschlussreiche Zeugnisse wie großartige Kunstwerke auffahrende und genussvoll ausbreitende Ausstellung über diesen „Sohn des Königs, Vater des Königs und niemals König“ nach.
Muss man wirklich eine Schau über einen so unbedeutenden Menschen sehen? Ja! Weil in Versailles immer mit größtmöglicher Sorgfalt und angemessener Opulenz die Geschichte des Hauses wie seiner Bewohner für die dafür nicht extra zahlenden Besucher in regelmäßigen Ausstellungen erforscht und dargestellt wird. Und weil im Schloss sehr viel über diese faszinierende Zeit und ihre komplexen Umstände erzählt und erklärt werden kann, um sie so den Nachgeborenen ein wenig näherzubringen.
Etwa die Tatsache, wie prekär selbst am ersten Hof Europas die nie gegen die hohe Kindersterblichkeit gefeite Nachfolge gewesen ist. Trotz Samt und Seide und Dutzender, schnell zur Ader lassender Ärzte, war das an der Spitze des Staatsaufbaus nicht anders als bei Bauern und Handwerkern des dritten Standes.
Prachtentfaltung als Propaganda
Der Sonnenkönig, obwohl mit Ehefrau, Mätressen und unehelichen Kindern ausgestattet, hatte nur diesen einen legitimen Sohn. Als der vier Jahre vor seinem Vater 1711 starb, hatte er selbst drei Söhne. Der zweite wurde als Philipp V. der erste spanische Bourbonenkönig. Der dritte Sohn Charles starb 1714, ein Jahr vor dem Großvater, infolge eines Jagdunfalls; dessen beiden Kinder (darunter ein Sohn) waren da ebenfalls schon tot. Und der erste Sohn, ebenfalls ein Louis, auf den man große Hoffnungen setzte, da er intelligent, ein blendender Feldherr und an Politik sehr interessiert war, blieb nur ein Jahr lang Dauphin. Schon 1712 fiel er mit Frau und zweitem Sohn den Masern zum Opfer.
So musste der alte Ludwig XIV., der seit Jahrzehnten an Mundfäule litt, seit ihm beim Zahnziehen ein Stück des Gaumens herausgerissen worden war, und schließlich elend an Wundbrand starb, miterleben, dass sein Nachfolger aus der Urenkel-Generation rekrutiert werden musste. Und selbst der war nur dritte Wahl, weil auch der ältere Sohn des Enkels schon als Kind gestorben waren.
Deshalb war dessen dritte Stammhalter, der spätere Ludwig XV., erst fünf Jahre alt, als er 1715 König wurde; für ihn regierte bis 1723 sein Uronkel Philippe II. von Orléans. Kein Wunder, dass so viel Tod, Leid und Unsicherheit mit der Propaganda dienenden Prachtentfaltung überdeckt und gekontert wurde. Deren übergebliebene Artefakte erzählen vom bis heute resilient über Revolutionen, Plünderung, Weltkriege und diverse Regimewechsel hinweg triumphierend stolz glänzenden Versailles eine erstaunlich spannende Geschichte: über einen unspannenden Menschen, dessen einzig erfolgreiche Lebensaufgabe es letztlich war, die Dynastie der Bourbonen fortzuführen.
Schicksal wurde in der Zeit des Absolutismus mit Gold und Juwelen, Bildnissen und Statuen, Denkschriften und Festivitäten überhöht. All die herrlich in ihren geschnitzten Rahmen strahlenden Gemälde und Marmor- oder Bronzebüsten der diversen, virtuos verherrlichenden Hofkünstler können dies nicht vergessen machen.
Aber: Wenn für den Grand Dauphin als gefeiertes „Kind des Friedens“ niemand Geringerer als Roms Architektur- und Bildhauergenie Gian Lorenzo Bernini (dessen Büste Ludwig des XIV. im nahen Diana-Salon platziert ist) auf der Piazza Navona anlässlich seiner Geburt einen ephemeren Feuerbrunnen entwarf, so hat sich doch die großformatig raffinierte Entwurfsskizze in den Archiven aufbewahrt. Sie lässt auf den Widmungsträger abstrahlen, wie auch die Kostümzeichnungen für dessen, 1681 eigens von Lully komponiertes Hochzeitballett „Le Triomphe de l’Amour“. Darin mussten – gemäß dem Vater-Vorbild – der Dauphin und seine Braut, eine hässliche, aber liebenswerte bayerische Prinzessin, selbst mittanzen.
Während der sorgfältigen Erziehung des Dauphins schrieb Ludwig XIV. eigens seine Memoiren für ihn zum Vorbild, seine persönlichen Gegenstände waren immer besonders teuer. Louis de Bourbon wurde gehalten, Bilder, Möbel, Statuen, Porzellan und Juwelen zu sammeln, die er im teilweise von ihm entworfenen Schloss Meudon ausstellte. Doch selbst das wurde 1795 in der Revolution demoliert, so wie seine Räume in Versailles längst umgebaut worden sind. Trotzdem erzählen diese vielfältigen wie preziösen Memorabilien viel von einem von der Historie Vergessenen. In der Kunstgeschichte hat er immerhin seine sehenswerten Spuren hinterlassen.
„Le Grand Dauphin“, bis 15. Februar, Schloss Versailles; Katalog 54 Euro
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