Eines Morgens war er da. Die Menschen kamen, um den Öltank zu bestaunen. Gott hatte sich ihnen offenbart: „Und bist du nicht gemacht aus Elfenbein / Und Ebenholz, sondern aus / Eisen. / Herrlich, Herrlich, Herrlich!“ Bertolt Brecht schrieb seine Hymne auf das Erdöl in den späten Zwanzigern des 20. Jahrhunderts. Für sein Werk war die Weltwirtschaftskrise ein Geschenk. Seine „Dreigroschenoper“ mit Kurt Weill feierte in Berlin ihre Premiere. Brecht lernte Hanns Eisler kennen und wurde zum Songschreiber des Proletariats. Seine Gedichte erschienen als „Lesebuch für Städtebewohner“.
„Du bist kein Unsichtbarer, / Nicht unendlich bis du! / Sondern sieben Meter hoch. / In dir ist kein Geheimnis / Sondern Öl.“ In seinem Gedicht „700 Intellektuelle beten ein Öltank an“ spielt Brecht bereits mit religiösen, biblischen Motiven wie später in seiner „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ und seinem „Lenin (Requiem)“. Im ersten Petrusbrief heißt es, Menschen seien wie Gras. Im Ölgebet des Dichters heißt es: „Was ist für dich Gras? / Du sitzest darauf. / Wo ehedem Gras war, / Da sitzest jetzt du, Öltank.“ Brecht wäre nicht Brecht ohne die Ironie der Dialektik. Als Marxist und Materialist spricht er den Treibstoff der Moderne heilig. Aber er weiß, wer dafür bezahlt: der Arbeiter. Niemand der 700, die er Intellektuelle nennt.
Die weitsichtige Brechtsche Dialektik sorgt auch dafür, dass sein „Öltank“ sich nach hundert Jahren noch so aktuell liest wie zwischen den Weltkriegen. Bei Donald Trump erschöpft die Petropoesie sich in Worten wie „Bohren, Baby, bohren!“, „Wir wollen es haben!“, und „Ich bin der Präsident von Venezuela!“ Darin aber drückt sich ein schon tot gesagter, allerdings nie tot geglaubter Zeitgeist aus. Erdöl ist, Energiewende hin, Klimawandel her, als Brennstoff nicht nur immer noch die Kraftquelle der Zivilisation. Was in Fässern in Venezuela und der Arktis lagert, wird auch wieder zur Metapher. Mächtige Männer beten Öltanks an.
Brecht wusste, dass auch die Moderne ihre Götzen braucht. Gott ist nicht tot, er zeigt sich nur in anderer Gestalt. Statt um ein Goldenes Kalb tanzen die Menschen um das Schwarze Gold in einem eisernen Gefäß. Zumal sich auch im Öl, in den fossilen Zeugnissen im Erdboden, die Schöpfung zeigt. Im Brecht’schen „Öltank“, der entstand, als sich die Menschheit selbst ins Himmelreich erhob, durch raffinierte Kohlenwasserstoffe, vermischen sich Utopien und Dystopien. Kein Heilsversprechen ohne Unheilswarnung. „Gestern warst du noch nicht da, / Aber heute bist nur du mehr.“
Wer sich noch nach Transzendenz sehnt, soll sie in Technologien suchen und den dafür nötigen Treibmitteln. „Darum erhöre uns / Und erlöse uns vom Übel des Geistes / Im Namen der Elektrifizierung / Der Ratio und der Statistik!“ Eigentlich sah Bertolt Brecht im Menschen ein verständiges, vernünftiges Wesen.
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