Wie viele Königreiche es in den „Seven Kingdoms“ auf dem „Game of Thrones“-Kontinent Westeros eigentlich gibt, ist eine der Fragen, die in der neuen Serie „A Knight of the Seven Kingdoms“ diskutiert werden. Die Antwort scheint so auf der Hand zu liegen wie bei dem bekannten Quatschrätsel: Was macht Ticktack, und wenn sie runterfällt, ist die Uhr kaputt? Aber weit gefehlt: Es sind nicht sieben, sondern neun. Das behauptet Egg, der glatzköpfige Kinderknappe von Ser Duncan dem Großen (toll tumb gespielt vom Ex-Rugbyspieler Peter Claffey), und untermauert die These sogleich, bevor er zur Strafe für den vermeintlichen Unsinn eine Kopfnuss riskiert.

Ähnlich unübersichtlich wie der Fantasy-Föderalismus ist inzwischen der deutsche Markt der Streamingdienste. Sky, Wow (mehr oder weniger dasselbe), natürlich der Platzhirsch Netflix, Paramount+, der Telekom-Dienst Magenta, Disney+, Amazons Prime Video, Apple+, RTL+, Joyn, MUBI (für die Arthouse-Fans), DAZN, Filmfriend (kostenlos mit Bibliotheksmitgliedschaft), und so geht es noch eine Weile weiter. Jetzt kommt ein neuer hinzu, wie der nächste Anwärter aufs Ritterturnier, den bislang niemand auf dem Zettel hatte: HBO Max.

Das ist die neue Ausspielstätte des amerikanischen Bezahlsenders HBO, der sich auf die Fahnen schreiben darf, die moderne Revolution des seriellen Fernsehens Ende der 1990er-Jahre überhaupt losgetreten zu haben – mit legendären Formaten wie „Sopranos“, „Six Feet Under“ oder „The Wire“. Nachdem das hochkarätige Lehen hierzulande jahrelang von Sky verwaltet wurde, emanzipiert sich der Sender mit sofortiger Wirkung und bestellt seine Felder selbst – für Abogebühren zwischen 5,99 und 16,99 Euro.

Komplettistische Couchpotatoes, die nichts verpassen wollen, müssen allmählich tief in die Tasche greifen. So viel sei schon mal verraten: Das Prequel zu „Game of Thrones“ lohnt die Investition auf jeden Fall. Übrigens erfolgt der Senderstart zu pikanter Zeit: HBO gehört zum Medienkonglomerat Warner Bros. Discovery, um das sich Netflix und Paramount gerade eine Bieterschlacht liefern, mit Beträgen, so astronomisch, dass die Maesters von Westeros hinter ihren Fernrohren mit den Ohren schlackern dürften.

„M*A*S*H“ auf dem Mittelaltermarkt

Volatile Loyalitäten und Ränkespiele der mächtigen Häuser passen jedenfalls zu George R. R. Martins Mittelalter-Fiktion wie Ser Duncans Faust auf das Auge von Aerion Targaryen, dem Zweiten oder Dritten in der Eisernen Thronfolge. So genau blickt man nicht durch, zu viele Drachenlords (wie die Targaryens nach ihren bevorzugten, wenngleich vorerst noch ausgestorbenen Haustieren heißen) laufen hier durchs Bild.

Die Handlung von „A Knight of the Seven Kingdoms“, basierend auf einer Reihe von novellistischen Nebenwerken Martins, spielt ein Jahrhundert vor „Game of Thrones“. Ganz offenkundig wollen die Serienmacher einen Kontrapunkt setzen zu der ausufernden Pathos-Klitsche des Vorbilds. Statt Weltpolitik gibt es ein einziges kleines Ritterturnier im unbedeutenden Nest Ashford („Lord Ashford vögelt seine Schafe“, brüllt ein vorfreudiger Zuschauer zum Startschuss). Statt ikonischem Vorspann mit aus einer Weltkarte per Zahnrad aufsteigenden Bauwerken geht jede der sechs Episoden ohne Umschweife los. Mit jeweils 30 Minuten sind sie nur halb so lang wie die der großen Geschwisterserie.

„If they go high, we go low“, mögen sich die Macher gedacht haben. Schelmisch spielen sie in der Auftaktszene das berühmte musikalische Motiv – Da-Da-Dadada-Da, Dadada-Da – kurz an, nur um es in einer Diarrhö-Kanonade ausklingen zu lassen: eine Masterclass im souveränen Unterlaufen von Erwartungen.

Ob die Welt wirklich eine parodistische Ritterserie gebraucht hat, mag man sich fragen, eine Art „M*A*S*H“ auf dem Mittelaltermarkt, macht- und gewaltkritisch, mit feministischen Tendenzen („Sir, lassen Sie das mit dem Vergewaltigen!“). Zuletzt ging ein ähnlicher Versuch, Ridley Scotts „The Last Duel“, total in die Plattenpanzerhose. Aber Obacht! Das kleine „Game of Plumpsklos“ umschifft woke Klischees stilsicher, steckt voller irrer Unikate und hinreißender Plottwists, die man zwar mitunter 30 Metern gegen den Wind riecht, aber auch das passt: Ser Duncan bekommt in gefühlt jeder zweiten Szene reingedrückt, wie sehr er stinkt.

Der Mann ist ein Heckenritter, also einer von der besonders traurigen Gestalt, wie ihm selbst abgehalfterte Huren mitleidig versichern – ohne Herren, ohne Haus. Ehrlich gesagt, gibt es sogar Zweifel an seiner Ritterlichkeit, also der offiziellen. Eine reine Seele ist er hingegen unbedingt, dumm wie Stroh dazu, aber das ist dafür ja förderlich.

Nach traumatischer Kindheit – die uns eine späte Rückblende nahebringt – verdingte er sich jahrelang als Knappe eines versoffenen Heckenritters, der das Herz allerdings am richtigen Fleck hatte – in Westeros bekanntlich eine biologische Rarität. Nun will er es zum Ritter bringen. Die Serie folgt seiner Aventüre, kurzweilig, witzig und – der ununterbrochen behaupteten Underdoghaftigkeit zum Trotz – letztlich historisch ungeheuer bedeutsam für alles, was in „Game of Thrones“ noch kommt.

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