Zwei berühmte Schriftsteller im Schnee. Das Foto in St. Moritz wurde 1931 oder 1932 geschossen. Der eine, Thomas Mann, hat die Literaturnobelpreiswürde schon seit 1929. Der andere, Hermann Hesse, sollte sie 1946 erhalten. Anfang der 1930er-Jahre urlauben beide Autoren regelmäßig im Engadin, dem nobelsten Hochtal der Alpen. Thomas Manns Lieblingstochter – die später durch Heirat Elisabeth Mann Borgese heißt – erinnert sich an den Winter 1931 wie folgt: „Ich war zwölf Jahre alt, als ich Hermann Hesse zum ersten Mal begegnete. Er kam, um meine Eltern im damals wunderschönen Hotel Chantarella oberhalb von St. Moritz im Schweizer Engadin zu besuchen. Natürlich hatte ich noch nichts von ihm gelesen, aber meine Mutter erklärte mir, er sei ein sehr großer Schriftsteller.“

Davon lässt sich Manns zweitjüngste Tochter nicht weiter beeindrucken, solche Labels ist sie aus der eigenen Familie gewohnt. Bezeichnend vielmehr, welche Schlüsse sie als Zwölfjährige daraus zieht: „Wenn er ein guter Schriftsteller ist, kann er nicht gut Ski fahren, dachte ich mir.“ Elisabeth Mann argumentiert aus Erfahrung: „Denn mein Vater, von dem ich wusste, dass er ein großer Schriftsteller war, konnte es absolut nicht. Um uns Kindern einen Gefallen zu tun, hatte er es einmal während eines Winteraufenthaltes in Kloster Ettal versucht, es muss so um 1925 gewesen sein – war aber nach den ersten zehn Schritten, noch ehe wir den Babyhügel erreicht hatten, sehr verärgert wieder umgekehrt. Das war nun gar nichts für ihn.“

Entsprechend skeptisch war Elisabeth gestimmt, als ihr Hermann Hesse einen Skitag auf der Corviglia vorschlug, dem Hausberg von St. Moritz. Doch wenn sie dachte, er sei auf Skiern ähnlich unbegabt und unsportlich wie Thomas Mann, so hatte sie sich gründlich getäuscht. Hesse entpuppte sich als Naturtalent: „Ich sehe ihn noch vor mir, seine magere Figur in seinem dunkelblauen Skianzug mit den norwegischen Wickelgamaschen auf seinen sehr langen Skiern, wie er in eleganten Telemark-Serpentinen durch den frischen Tiefschnee die steilen Hänge hinunterglitt“, erinnert sich Elisabeth.

„Seine Gattin, Frau Ninon, war weniger zum Skifahren begabt. Ihm zuliebe versuchte sie es, und wir trafen uns öfters mit meiner Mutter, die auch etwas fuhr, auf dem Babyhügel. Frau Hesse hatte solch panische Angst vor dem Abfahren, dass sie verzweifelt höher und höher stieg, nur um die Abfahrt hinauszuschieben, was dann die Situation nur noch verschlimmerte. Zu Telemark-Serpentinen hat sie es nie gebracht.“

Auf Skiern erreicht Thomas Mann also kein „Zauberberg“-Niveau, ja, noch nicht einmal den Babyhügel. Nachlesen kann man die Anekdote in dem Büchlein „Engadiner Erlebnisse“ (2020, herausgegeben von Volker Michels, einem Insel-Taschenbuch mit Texten von und über Hermann Hesse im Schnee). Oder alternativ in der Anthologie „Bauch, Beine, Poesie“, einer in diesen Tagen erscheinenden Textsammlung mit Sportgeschichten von Schriftstellern (Kanon-Verlag).

Die Manns im Engadin, das ist nicht nur eine Wintersportgeschichte, sondern auch eine Hotel-Odyssee, die sich in Thomas Manns Tagebuchnotizen manchmal so liest, als sei der Nobelpreisträger wie ein notorisch nörgelnder Kunde auf Holidaycheck oder booking.com unterwegs gewesen. Kein Engadiner Grandhotel war vor den Manns sicher. Und meistens gab es etwas zu beanstanden: „Mit Unterkunft nicht sonderlich zufrieden“, notierte Thomas Mann über das Hotel Margna in Sils-Baselgia, wo immerhin schon Rilke abgestiegen war. Mann fand die Zimmer zu „eng“ und das Diner nur „mäßig“.

„Tiefes erotisches Interesse“

Ein anderes Mal, wir schreiben den Sommer 1950, mieten sich Katia und Thomas Mann im Suvretta House in St. Moritz ein, nachdem sie das Waldhaus Sils als „mangelhaft“ bewertet hatten, weil ihr dortiges Zimmer „sonnenlos“ war. Nun also ins hochpreisige Suvretta House, das immerhin durch Geräumigkeit und Luxus besticht, sowie einen grandiosen Ausblick. Von seinem Zimmerschreibtisch aus schaut Thomas Mann nicht nur auf die majestätische Engadiner Berglandschaft, sondern auch auf den hoteleigenen Tennisplatz.

Dort erspäht er eines Vormittags ein Trainingsmatch, das ihn sichtlich erregt: „junger Argentinier, schon ausgezeichneter Spieler, mit dem Trainer sich vervollkomnend. Dunkles Haar, Gesicht ungenau kenntlich, schlanker, bewundernswerter Wuchs, Hermesbeine. (...) Weißes Spielerkostüm, kurze Hose, nach der Übung Sweater über den Schultern. Tiefes erotisches Interesse. Aufstehen von der Arbeit, um zu schauen. Schmerz, Lust, Kummer, zielloses Verlangen.“

Die Episode, nachzulesen im Tagebuch des Jahres 1950, fällt in Thomas Manns späte Jahre, in denen er sich auch in den Kellner vom Zürcher Grandhotel Dolder verguckt. Fast wundert man sich, dass die Suvretta-House-Szene nicht in Tilmann Lahmes Thomas-Mann-Biografie auftaucht, in der doch sonst jede einschlägige Stelle dokumentiert ist.

Wenn Mann den Bergen, und namentlich den winterlichen Bergen, eines abgewinnen konnte, dann das Spaziergehen. Das „Schnee“-Kapitel im „Zauberberg“ spricht Bände und ist nicht zufällig eines der wichtigsten des ganzen Romans. Darin ist Hans Castorp der Promenaden „übersatt“. Heimlich kauft er eine Skiausrüstung und bringt sich autodidaktisch das Skilaufen bei. Er lebt den Traum und Mut auf Brettern, den Thomas Mann sich verwehrte.

Doch Castorp verirrt sich auf seiner Skitour im Gelände, erleidet einen Schwächeanfall und driftet in einen kurzen, lebensgefährlichen Schlaf. Im Schnee-Delirium hört er Antworten auf die großen Menschheitsfragen. Unter anderem die, die seither viel zitiert wird: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Die Pointe setzt Thomas Mann ironisch: Am Ende seiner Mutprobe in der hochalpinen Wildnis kehrt Castorp unversehrt und vor allem hungrig ins Tal zurück: „Beim Diner griff er gewaltig zu. Was er geträumt, war im Verbleichen begriffen. Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend nicht mehr so recht.“

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