Nostalgie ist nicht wirklich sexy, immer denkt man dabei an das Gestern. Nostalgie läuft auch Gefahr, zu verklären. Aber was, wenn sie ausnahmsweise mal berechtigt ist? Und vor zehn Jahren wirklich noch alles gut war, zumindest fast? Für die Millennials (Jahrgänge 1981-1995) stimmt das wohl. Sie verdienten sich zu dieser Zeit ihre ersten Sporen im Job, hatten zehn Kilo weniger auf dem Rippen und fieberten auf die Hochzeit mit ihrem Partner hin. An die Scheidung dachten sie nicht. 2016 ist das letzte Jahr, das Millennials noch als belebend und authentisch wahrnehmen. Danach übernahmen undurchsichtige Algorithmen die sozialen Medien, Trump die USA, Kriege Europa. Hier einige Höhepunkte aus dem Jahr 2016, die auch im Nachhinein noch glücklich machen:
Auf Jagd mit Pokémon Go
Das „Stadtbild“ war schon 2016 interessant. Junge und alte Männer, junge und alte Frauen standen auf der Straße, am Wegesrand oder in Waldstücken im Pulk zusammen und beugten den Kopf nach unten. Man wollte unbedingt wissen, was sie da tun. Einen Mord aufklären? Sie fingen Pokémon. Auf dem Handy. Fassungsloses Kopfschütteln bei den Menschen, die an ihnen vorbeigingen. Sie fürchteten die Infantilisierung der Gesellschaft. Dabei war das Digitale und das Analoge nie mehr so gut verzahnt wie bei Pokémon Go.
Wie bei einer Schnitzeljagd suchten in diesem Jahr alle manisch in ihrer App nach Bisasam und Glumanda – sie konnten schon hinter der nächsten Kreuzung plötzlich auftauchen. Auf zehntausend Schritte am Tag kam man so in jedem Fall. Auf Twitter schrieben Nutzer, dass ihnen die Füße vom vielen Herumlaufen wehtun. Achja, Twitter, jetzt X, war 2016 auch noch gut übrigens. Aber zurück zu Pokémon Go. Das mit dem Mordverdacht war dann doch gar nicht so falsch. Bei der Suche nach einem seltenen Pokémon im Fluss fand die damals 19-jährige Shayla Wiggins im US-Bundesstaat Wyoming eine Leiche.
Männliche Liebe für Justin Bieber
Endlich durfte man auch als junger Mann Justin Bieber toll finden. Die Verehrung für ihn war vorher ausschließlich den Freundinnen in der Clique vorbehalten. Und gerade deshalb hasste man Justin Bieber. Er sah zu gut aus, war zu cool, zu erfolgreich sowieso. Ja, viel elaborierter war die Begründung für den Hass auch nicht. Aber Biebers 2016 veröffentlicher Song „Love Yourself“ durchstieß jedes verkrustete Männerherz – und war gleichzeitig eine Einladung, sich im Liebeskummer mit ihm zu vereinigen. Die Zeilen, die Bieber wohl an seine Ex-Geliebte Jayde Pierce geschrieben hat, waren endlich mal eine Schablone für männlichen Liebeskummer. Eine, die so im Pop selten ist. Denn die Abrechnung mit der Ex war schmerzerfüllt, aufrichtig und bissig zugleich. Alles, was man braucht, um abzuschließen. „My Mama don’t like you and she likes everyone“ ist das Fazit von Bieber – der beste Satz im ganzen Song. Die Mutter wird als Qualitätssicherung herangezogen, um eine potenzielle Freundin zu prüfen.
Als die Musik, wie wir sie kannten, starb
Es ging schon in den letzten Nächten von 2015 los. Mit Lemmy Kilmister von Motörhead verlor der Rock’n’Roll, wie man laute Gitarrenmusik damals nannte, seinen guten Geist. Im Januar starb David Bowie, der Altmeister der fluiden, offenen Identitäten. Im April starb Prince, für den es keine schwarze und weiße Musik gab, weder Rock noch Pop. Leonard Cohen, der größte aller Songdichter, starb im November und George Michael, der einfach nur schwul war, ohne ein Konzept daraus zu machen, im Dezember. Als hätte unter den Musikern der alten Schule eine Pandemie gewütet, klang 2016 aus.
Spotify gab es bereits, aber noch kein Premium-Abo für Familien und Freunde. Das wurde 2017 eingeführt. Alle Musik verschwand wieder im Äther und in Datenwolken und verströmt sich seither in profanen Playlisten für schlechtes Wetter oder bessere Laune.
Der Anfangszauber von Instagram
Alles war noch so unschuldig, ganz beholfen. Wie kleine Rehkitze wagten sich Menschen auf die neue Spielwiese „Instagram“. Sie posteten Fotos von sich beim Feiern, beim Essen, beim Urlauben. Es gab keinen doppelten Boden, keine Meta-Message, die es in verschachtelten Codes zu transportieren gab. Einfach dem kindlichen Bedürfnis nachgehen, von Freunden von Familie gesehen zu werden. Algorithmen mussten noch nicht mitgedacht werden, weil es sie noch nicht wirklich gab. Harmlos und süß war es 2016. Man nahm an der „Water bottle challenge“ teil, bei der man eine Wasserflasche in die Luft warf und sie wieder aufrecht auf dem Boden landen muss. Selbst Hundefilter mit ausgestreckter Zunge waren nicht zu peinlich. Danach ging es den Bach herunter. Influencer übernahmen Instagram, machten die Plattform zu einer Kooperation zwischen Mensch und Unternehmen, in der der Mensch eigentlich gar nicht mehr vorkam.
Die Pre-Ye-Ära
Man konnte ihnen nicht entkommen, ob im Fernsehen, auf roten Teppichen oder im Feed: Kardashians so weit das Auge reicht! Vielleicht war 2016 rückblickend sogar der Höhepunkt ihres popkulturellen Einflusses. Während wir über die vermeintliche Oberflächlichkeit der Kardashian-Familie noch die Augen verdrehten, unterlagen wir längst ihrem Sog. An den Füßen trugen wir Yeezy-Sneaker des eingeheirateten Kanye West, im Alltag tauchten wir plötzlich überall in Yogahosen und Sporttop auf, als wären wir dauerhaft auf dem Weg ins Fitnessstudio, um eine Sanduhr-Figur wie Kim Kardashian zu bekommen.
Die Beschreibung für den Kardashian-Look „Athleisure“ landete 2016 sogar im Wörterbuch. Drogerien erweiterten ihr Sortiment um Contouring-Sets und YouTuber erklärten, wie wir den wangenknochenbetonenden Look von Kylie Jenner nachmalen können. In der Machtzentrale des Kardashian-Imperiums saß das Ehepaar Kim Kardashian und Kanye West (der noch nicht Ye hieß). Sie feilten an der popkulturellen Weltherrschaft, an einer gemeinsamen Familie auch. Kanye sah glücklich aus – noch fehlte ihm die Zeit für politische Entgleisungen. 2025 besang Ye diese Zeit in seinem Album „Donda 2“ voller Sehnsucht und Reue. Und kam damit unserer aktuellen Verklärung für das Jahr 2016 zuvor.
Samtene Choker
Das It-Piece des Jahres kostete nur wenige Euro und war zudem perfekt geeignet für die Inszenierung in den sozialen Netzwerken. Abgeschaut bei Winona Ryder, die den schwarzen Samtchoker Ende der Neunziger locker um den Hals gelegt hatte und oft mit kleinem Anhänger trug, machten Frauen aus dem Grunge-Halsband das erste und ideale Selfie-Accessoire: kontrastreich und nah am Gesicht.
Ein lustiger Zufall: Nicht nur Choker, sondern auch Winona Ryder selbst feierte 2016 durch ihre Rolle in „Stranger Things“ ein großes Comeback. Der schmale, schwarze Streifen am Hals war Ausdruck eines neuen Lebensgefühls zwischen Nostalgie, ästhetischer Melancholie und selbstbestimmter Sinnlichkeit. Letzteres ist sicher auch „Fifty Shades of Grey“ zu verdanken. Choker stammen ursprünglich aus der BDSM-Szene, die der Film nur kurz zuvor aus der Schmuddelecke geholt hatte. Die samtene Variante 2016 war jedoch höchstens noch als Koketterie zu verstehen. Spätestens, seit sie in pastellfarben und mit Strass besetzt in den Geschäften hing, waren Grunge und Kink vergessen und durch ein neues Lebensgefühl ersetzt: das der „Baddie“.
Der Fußball war noch ganz und gar der Alte
Erst acht Minuten sind am 10. Juli im Finale der Europameisterschaft 2016 in Paris gespielt, als Cristiano Ronaldo sich verletzt. Mit 31 will der Portugiese seinen ersten Titel mit der Nationalmannschaft. Es könnte auch sein letzter sein. Er möchte sich würdevoll vom Weltfußball verabschieden. Noch eine Viertelstunde hinkt der Star mit seinem bandagierten Knie über den Rasen. Dann wird er vom Platz getragen, unter Tränen. Portugal gewinnt ohne ihn durch ein Tor in der 109. Minute, doch der Held ist er.
Der Fußball ist 2016 noch ein anderer als 2026. Cristiano Ronaldo spielt heute mit 41 Jahren beim al-Nassr FC in Saudi-Arabien. Spiele werden durch den VAR entscheiden, durch den Videobeweis. 2016 war das letzte Jahr ohne entmündigte Schiedsrichter, kalibrierte Linien für Schnürsenkel im Abseits und minutenlange Unterbrechungen, um Tore an- oder abzuerkennen. Es war noch ein Jahr der ganz großen Gefühle in den Stadien.
Mode wird zu einem Unisex-Hobby
Ganz große Gefühle kamen 2016 auch bei jungen Männern auf, wenn sie die Worte Supreme, Balenciaga oder Off-White hörten. Streetwear-Marken weckten höchste Begehrlichkeiten und wurden ähnlich wie Pokémon aus dem Spiel zu Sammelobjekten. Stapelweise Sneakerkartons waren im Hintergrund der Videos von jungen Streamern zu sehen, die über den neusten Release von Supreme oder die Sohle von Balenciaga-Turnschuhen fachsimpelten. Am verwirrendsten an dieser neuen Jugendkultur war, dass die meisten Kleidungsstücke ungetragen in ihren Verpackungen blieben.
Viele junge Männer schienen plötzlich wie besessen zu sein von dem Wort „originalverpackt“ – auch weil online ein großer Zweitmarkt entstand, auf dem Produkte schon mal für das Doppelte oder Dreifache vom Verkaufspreis gehandelt wurden. Im Alltag erkannte man die sogenannten „Hypebeasts“ daran, dass sie in langen Schlangen und übergroßen T-Shirts in Innenstädten vor Foot Locker auf neue Sneakerkollektionen warteten. Einige übernachteten sogar in Zelten vor den Geschäften, um als Erste an die limitierte Stücke zu gelangen. Mit ihrer Hyperfixierung auf Mode als Statussymbol verprassten sie nicht nur eine Menge Geld, sie machten Mode auch zu einem Unisex-Hobby.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.