Nein, hier handelt es sich nicht um einen Freudschen Verschreiber. Der Film, der gerade vollkommen verdient den Golden Globe gewonnen hat und als ein Favorit für die Verleihung der Oscars gilt, heißt „Hamnet“, nicht „Hamlet“. Hamnet hat es, im Gegensatz zu Hamlet, wirklich gegeben.

Wir wissen nicht viel über das Leben von Hamnet Shakespeare, dem einzigen Sohn des Dichters und seiner Frau Anne Hathaway. Wir wissen aus Kirchenregistern, dass er am 2. Februar 1585 getauft und am 11. August 1596 begraben wurde. Wir wissen, dass er eine kränkliche Zwillingsschwester namens Judith hatte, die ihn um 66 Jahre überlebte. Und wir wissen, dass er nach einem Nachbarn, dem Bäcker Hamnet Sadler, benannt wurde. Mehr wissen wir nicht.

Man darf sich die Shakespeare-Forschung als eine Disziplin vorstellen, in der Hunderte von gelehrten Scholaren Tausende von alten Papieren nach dem allergeringsten Hinweis auf den Barden durchkämmen – aber seit Jahrzehnten nichts Wichtiges mehr gefunden haben. Je weniger wir über des Dichters Leben wissen, desto mehr wird darüber spekuliert, vor allem über die „verlorenen Jahre“ von 1586 bis 1592, aus denen praktisch keine Dokumente über ihn existieren. Das hat eine gewisse Logik. Wo keine lästigen Fakten stören, lässt sich umso ungestörter fabulieren.

Je nachdem, welcher Fabel man Glauben schenkt, war William Shakespeare ein Dorfschulmeister, das Mitglied einer wandernden Schauspieltruppe oder ein Wilderer, der vor den Sanktionen des lokalen Grundbesitzers von Stratford-upon-Avon nach London flüchtete. Nichts Genaues weiß man, also wird in seinem Werk nach versteckten autobiografischen Hinweisen gesucht.

Und tatsächlich, in dem Stück „König Johann“ findet sich ein Hinweis auf eine Kindertragödie. Eine Mutter namens Constanze führt darin Klage über den Tod ihres Sohnes: „Gram füllt die Stelle des entfernten Kindes, / Legt in sein Bett sich, geht mit mir umher, / Nimmt seine allerliebsten Blicke an, / Spricht seine Worte nach, erinnert mich/ An alle seine holden Gaben, / füllt die leeren Kleider aus mit seiner Bildung; / Drum hab’ ich Ursach’, meinen Gram zu lieben.“

Der tote Sohn in „König Johann“ heißt Arthur, der in Chloé Zhaos neuem Film heißt Hamnet. Eine Schrifttafel klärt uns zu Beginn auf, dass sowohl „Hamnet“ als auch „Hamlet“ im elisabethanischen England gebräuchliche, austauschbare Vornamen waren. Und damit beginnt ein neues Kapitel in dem blühenden Fantasieren der Nach-Nach-Nachwelt über das Leben ihrer liebsten Poeten-Ikone, eine Art naturmystischer Kontrapunkt zu dem romantisch-komödiantischen „Shakespeare in Love“.

Hat Shakespeare, ein paar Monate nach dem Tod seines geliebten Sohnes, „Hamlet“ in einer Art Trauerbewältigung geschrieben? Zhaos Film löst das Rätsel, aber eigentlich, indem er ihm ausweicht und eine andere Frage erörtert: Wie kann aus einer Tragödie Kunst werden?

Dabei spielt „Hamnet“ gar nicht vordergründig die Shakespeare-Karte aus. Wer unbeleckt von Vorwissen in diesen Film geht (was natürlich kaum möglich ist), sieht zunächst eine Wirbelwindromanze im ländlich-mittelalterlichen England: Ein junger Lateinlehrer verliebt sich auf den ersten Blick in eine junge Kräuterfrau; sie heißt Agnes (nicht Anne) und er heißt Will, der Nachname Shakespeare fällt erst nach anderthalb Stunden. Die beiden heiraten, bekommen zunächst eine Tochter – die im Wald geboren wird – und dann Zwillinge. Und ja, der Vater kritzelt zwischendurch Verse auf ein Stück Papier; die Kinder spielen einmal etwas, das wie die Balkonszene aus „Romeo und Julia“ aussieht – aber darum geht es kaum.

Der chinesischstämmigen Amerikanerin Chloé Zhao, die mit „Nomadland“ einen Oscar gewann, geht es stattdessen darum, das Nicht-in-Worte-zu-Fassende in Bilder zu fassen. Ihr Film beginnt mit einem Kamerablick von unten nach oben, die Stämme von Bäumen hoch bis in die Wipfel, und über denen kreist ein Falke. Dann blickt die Kamera zurück von oben nach unten, und in einer Kuhle zwischen Baumwurzeln liegt eine Frau in einem roten Kleid, eingerollt wie ein Embryo. Der Falke gehört zu ihr.

Filmfrauen mit Greifvögeln auf dem Handschuharm sind stets stolz und selbstständig (das war schon die deutsche „Geierwally“), da sind Menschen im Einklang mit der Natur, ohne dass dies groß erklärt werden müsste. Fast glaubt man sich in einem Terrence-Malick-Film, wo immer die Schönheit der Natur mit den Schrecken menschlicher Tragödien koexistiert und tiefere Bedeutung suggeriert.

Es geht in „Hamnet“ viel um solche Bande tief im Unerklärten, nicht nur die von Agnes und dem Wald, auch um die zwischen Eltern und ihren Kindern und die zwischen den beiden Zwillingen. Zhaos polnischer Kameramann Łukasz Żal („The Zone of Interest“) findet dafür intensive Bilder und ihr deutsch-britischer Komponist Max Richter atmosphärische Töne (obwohl Richters „On the Nature of Daylight“ in Filmen allmählich überstrapaziert wird, der Titel ist fast so allgegenwärtig wie früher Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“).

„Hamnet“ mit seiner Ästhetik der Mystik im Alltäglichen ist ein Post-Zeitgeist-Film. Ein Zeitgeistfilm wäre er, würde er nur den Spruch „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“ illustrieren, aber darum geht es Zhao nur marginal. Gewiss, irgendwann schickt Agnes ihren Mann, dessen Unruhe sie spürt, nach London, um sich dort als Autor zu probieren. Als ihr Sohn dann an der Pest stirbt, ist sie mit ihrem bodenlosen Schmerz allein, denn Will muss erst die 150 Kilometer zurücklegen, die zwischen beiden liegen.

Chloé Zhao zeigt vor allem ihre Verzweiflung, und Jessie Buckley – auch sie gewann einen Golden Globe – spielt sie erdverbunden und leidenschaftlich. Sie bettelt Gott an und verflucht ihn, sie ist erschöpft und bricht doch nicht, und irgendwann geht ihr Zorn in eine graue Leere des Trauerns über. Will, als er schließlich eintrifft, ist überwältigt von dem Leid und findet keine Worte des Trostes; auch Paul Mescal – aus Irland, wie Buckley – ist brillant, nicht als Genius, sondern als Mann, der seine Liebsten nicht zu retten vermag. Hamnets Tod treibt einen Keil zwischen das Paar. Will verlässt Stratford wieder, um in London in seiner Kunst Trost zu finden, und Agnes zieht sich in ihren Gram zurück.

Man müsste lange nach einem Film suchen, der die Trauer um den Verlust eines Menschen derart spürbar macht. Hamnets Tod ist keiner der üblichen Wendepunkte, die Filmfiguren zustoßen und von denen sie gestärkt weiterziehen. Es ist eher ein Zustand, der eintritt, eine Lähmung, die sich verbreitet. Unsere Seherfahrung dabei ist etwas nahezu Körperliches, grenzt ans Voyeuristische.

Filme sind kein Luxus

Die Pest rafft Hamnet dahin, aber anders als in Maggie O’Farrells zugrundeliegendem Roman („Judith und Hamnet“) spielt die Plage keine dominierende Rolle. Es ist bereits Hamnets zweiter Filmtod, ein anderer jedoch als vor acht Jahren in Kenneth Branaghs „All Is True“. Damals ertränkte Hamnet sich in einem Weiher, weil seine Schwester Judith drohte, dem Vater zu erzählen, dass gar nicht der Sohn die Gedichte geschrieben hatte, die der Vater so mochte, sondern sie.

Das war eine super-zeitgeistige Lösung, die Chloé Zhao überhaupt nicht nötig hat; es geht ihr nicht um die feministische Dekonstruktion eines männlichen Mythos. Ihr Film macht mehrere Metamorphosen durch, von einer berauschenden Liebesgeschichte über ein fröhliches Familienidyll bis zum bedrückenden Schicksalsschlag. Dann, in der letzten halben Stunde, häutet er sich ein weiteres Mal.

Wie gern würde man von diesem kleinen Wunder schwärmen. Beschreiben, wie Zhao es arrangiert, inszeniert, steigert. Aber das wäre Verrat, das muss man sehen, nicht lesen. Die Schlusssequenz im Globe Theatre ist die schönste Begründung für die Unentbehrlichkeit von Kunst und ihre kollektive Wirksamkeit, die sich vorstellen lässt. Es ist eine Szene, die all jene Sparkommissare verpflichtend ansehen müssten, die unweigerlich als Erstes das Kulturbudget zusammenstreichen. Bücher, Theater, Musik und Filme sind kein Luxus. Sie sind unabdingbar wie die Luft, die wir atmen.

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