Eine Fahrt durchs zerstörte Frankfurt, aufgenommen aus einer Art göttlichen Perspektive, erst schwebend über einem Motorrad, dann ohne Schnitt ein Rückzug in den vermeintlichen Schutzraum eines gravitätischen Buick. Auf den Rücksitzen: Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller). Die kaputten Straßenzüge erzählen stumm die Geschichte des Krieges. Die Häuser liegen in Trümmern – eine der ersten Szenen von „Fatherland“.
Davor gab es nur ein Telefonat zwischen Erika und ihrem Bruder Klaus (August Diehl), der ausgemergelt und sichtbar lebensmüde im französischen Exil – ausgerechnet in Cannes, wo der Film als früher Favorit im Wettbewerb um die Goldene Palme läuft – nackt neben dem Bett sitzt. Darin: der Rücken eines anonymen Liebhabers, der gleich grußlos das Zimmer verlässt. Schon hier beginnen die Bilder zu sagen, was die Figuren verschweigen. Sie tragen die Trauer eines kontrastreichen Schwarz-Weiß.
Am Abend im Hotel erhält Erika die Nachricht vom Selbstmord des Bruders. Unten auf der Straße ziehen Besoffene vorbei, Nazilieder grölend. Erika reißt das Fenster auf: „Ihr Faschistenpack!“, brüllt sie, tränenüberströmt. Türen und Fenster mögen offenstehen, doch sie ist eine Gefangene ihres Schicksals, der Zeiten und ihrer Familie. Diese erscheint nach außen überlebensgroß und ist doch im Inneren ganz klein. Die Mutter – eine ferne, kühle Stimme am Telefon, das bald vielsagend versagt.
Auch das neue Deutschland, von den Siegermächten notdürftig geschminkt, ist nichts für Sensibelchen wie Erika und Klaus, der an der Katastrophe von Holocaust und Exil zugrunde gegangen ist. Oder an der Leere, als vom publizistischen Kampf gegen das Dritte Reich nichts mehr blieb? Oder am Vater, der ihn zeitlebens großzügig alimentierte, mit Geld und mit Verachtung?
Thomas ist ein anderes Kaliber als sein offen schwul lebender Sohn – zugeknöpft, sexuell und politisch verbarrikadiert hinter einer Fassade aus wohlanständiger Bürgerlichkeit. Er hat kein Problem damit, erst in Frankfurt die Goethe-Medaille entgegenzunehmen, zu Ehren des 200. Geburtstags des deutschen Über-Dichters, und nachher in dessen wichtigster Wirkungsstätte Weimar den nächsten Preis des nächsten Staates, der Deutschen Demokratischen Republik, die die Lüge frech schon im Namen trägt. Wo in Frankfurt Charleston getanzt wurde, marschieren im Osten Kinder- und Soldatenchöre auf, die die Mütter verehren, die ihre Söhne dem Krieg geschenkt haben, und die Soldaten, die praktischerweise gleich auf Russisch singen, damit jeder weiß, wer hier jetzt das Sagen hat.
Zwischendrin: Johannes R. Becher (Devid Striesow), der mit milde mephistophelisch gehobenen Augenbrauen Goethes Nachfolger als Doyen der deutschen Literatur dazu bewegen versucht, das Amt des Vorsitzenden der Ost-Berliner Akademie der Künste zu übernehmen. Vergeblich. Thomas Mann mag gemein sein – indem er sich etwa müht, den Tod seines Sohns als terminlich unpassend von sich wegzuschieben und einfach weiterzumachen im genialischen Text –, aber gemein machen lässt er sich deshalb noch lange nicht.
Ein Zeus im beigen Leinenanzug
Oder tut er es doch, bloß mit einer anderen Sache? „Du hast dir eine Festung aus Worten gebaut!“, schreit ihn Erika ein einziges Mal an, und selbst da klingt sie noch so sanft und rücksichtsvoll, wie es die Situation überhaupt erlaubt. Klaus ist tot, und Thomas feilt an einer Rede. Darin möchte er die verbindende Humanität beschwören, die angeblich jeden Abgrund des Menschen zu überbrücken vermag, das Überpolitische der Bildung und der Literatur. Der Mann hat sich mitsamt seinem fein von der Tochter gestutzten Schnauzbart auf einen imaginären Olymp zurückgezogen, egal, ob er im kalifornischen Pacific Palisades weilt, am Main oder an der Ilm. Ein Zeus im beigen Leinenanzug. Zugleich ein Kronos, der seine Kinder frisst. Ein Patriarch, der keine Familie kennt, nur eilfertige Dienstboten. Er verkörpert die dritte Ideologie eines Schriftstellers, der meint, die Politik überwinden zu können, über ihr zu schweben und per Beschwörung seine Leser und Zuhörer gleichsam zu retten, wie Gott das Gretchen. Der Film entlarvt das Trugbild meisterhaft.
Eben war von Mephisto die Rede. Da ist Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff) nicht weit, der schauspielende Opportunist, der, an der Frankfurter Bar in die Enge getrieben, seiner Ex-Frau Erika entgegenschleudert, ihre ganze Sippschaft sei eine Bande von Feiglingen, weil sie ihrer Heimat in deren schwärzester Stunde den Rücken gekehrt hätte. Dabei unterschlägt er, dass er selbst fleißig an der Verdunkelung mitgewirkt hat. Er kassiert die gepfefferte Ohrfeige, die er verdient.
Die Reise nimmt ihren Lauf. Nach Standing Ovations in der Paulskirche geht es über die Zonengrenze. Der Yankee Doodle Dandy kratzt ab, Rote-Armee-Gesänge übernehmen die Lufthoheit über das Radio. Paweł Pawlikowski inszeniert das alles grandios, klar und konzise (der Film dauert keine 90 Minuten), und zugleich ungeheuer eindrucksvoll. Man kann sicher sein: Wenn einmal Arnstadt erwähnt wird, in deren Neuer Kirche Johann Sebastian Bach seine erste Anstellung als Organist hatte, wird der Film dorthin zurückkehren, für eine kathartische Zusammenkunft von Vater und Tochter, die sich endlich, vermittels der Musik, sagen können, was sie nicht über die Lippen bringen.
Kraftzentrum Sandra Hüller
Der Name Pawlikowski mag nicht jedem direkt etwas sagen. Der Pole jüdischer Herkunft wurde 1957 in Warschau geboren, kam über Deutschland nach England, wo er Literatur und Philosophie studierte. Für die BBC drehte er erste Dokus, darunter „Die Reise nach Petuschki“ nach Viktor Jerofejew über die russischen Trinksitten. Es dauerte, bis er sich als Regisseur von Spielfilmen einen Namen machte. 2013 gewann er mit „Ida“, in der eine polnische Nonne zwischen Sozialismus, Antisemitismus und Katholizismus navigiert, den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Es folgte 2018 „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“, der auch schon in Cannes lief und für drei Oscars nominiert war. Er erzählt anhand der Liebe zwischen einem Pianisten und einer Sängerin die polnische Nachkriegsgeschichte.
„Fatherland“ markiert Pawlikowskis späte Rückkehr in seine einstige kurzzeitige Heimat Deutschland. Durch den fortgesetzten Fokus auf dem Zwist der Systeme bleibt der Regisseur ganz bei sich. Das Buch orientiert sich lose an Colm Tóibíns Romanbiografie „Der Zauberer“. Der Clou: Wo der Roman das ganze Leben ausbreitet, beschränkt sich Pawlikowski auf wenige Tage. Die aber haben es in sich. Sie stellen Thomas Mann auf die Probe, verdichten Zeit und Charakter wie das Benzin-Luft-Gemisch in einem der Zylinder des mächtigen Wagens, mit dem der Poet durch Deutschland pflügt.
Selten hat man deutsche Schauspieler so fantastisch gesehen. Das gilt zumal für Sandra Hüller, die nach „Project Hail Mary“ und „Rose“ ohnehin einen Lauf hat. Hier spielt sie sich vollkommen frei – ironischerweise mit einer Rolle, die eiserne Disziplin verlangt. Sie ist das Kraftzentrum des Films. Thomas Mann, den Zischler tadellos beherrscht, wird so fast zum Komparsen. Aber Pawlikowski führt nicht nur die Figuren famos. Atemberaubend, wie er Szenen baut, die stolze Architektur und den faulen Geist darin einfängt. Es ist allein schon ein Wunder, wie ein Film in Schwarz-Weiß den Zuschauer so bannt, dass er das Gefühl hat, neben Thomas im Schlafanzug am Bett zu stehen, neben ihm in der Kirche zu weinen. Das Szenenbild besorgten Katarzyna Sobańska und Marcel Sławiński, hinter der Kamera stand Łukasz Żal, alles langjährige Vertraute des Regisseurs.
Bei aller Eindrücklichkeit lassen die Bilder Raum zum Denken. Pawlikowski hält Gefühl und Analyse in eleganter Balance. Weil das Drehbuch nur andeutet, wo andere auserzählen, ist es möglich, dass drei Zuschauer den Film jeweils ganz anders sehen. Ist Thomas Mann ein Schuft, ein Genie oder beides? Die Antwort liegt in der Perspektive. Die Kinoleinwand, heißt es, soll flach sein. So dreidimensional wie „Fatherland“ wirkt, ist das kaum zu glauben.
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