Erstaunlich, wie groß der Name, wie mächtig die Aura von John Travolta noch ist. Während das Publikum noch in den Saal strömt, wo gleich „Propeller One-Way Night Coach“ Premiere feiern soll, Travoltas Regiedebüt, laufen die Songs, die man sofort mit ihm verbindet: die großen Disco- und Musical-Hits aus „Grease“ und „Saturday Night Fever“, der Surfrock aus „Pulp Fiction“. Mit anderen Worten: Der Abend geht los mit einer akustischen Zeitreise durch die amerikanische Popgeschichte. Die Leute summen mit und begrüßen jedes Lied frenetisch.
Es folgt eine filmische Hommage an Travoltas Karriere: Szenen aus den obigen Filmen, aber auch anderen auf der Reiseflughöhe der Filmkunst: De Palmas „Blow Out“, Malicks „Thin Red Line“, Woos „Face/Off“. Für ein paar Minuten erinnert die Montage daran, wie komplett diese Karriere ist. Travolta war nie nur Topmodell, Discofigur und Musicalstar. Er hat seinen unverkennbaren Stempel sehr verschiedenen Genres aufgedrückt, mit dieser eigentümlichen Energie, die sich aus seinem Lächeln und den strahlend blauen Augen speist.
Festivaldirektor Thierry Frémaux springt auf die Bühne und bekommt beinahe selbst Standing Ovations, bis der Saal begriffen hat, wer da vor ihnen steht. „Ich bin nicht John Travolta“, sagt Frémaux trocken. Um den Mann dann endlich hoch zu bitten. Tausend Smartphones glühen auf, als Travolta lässig die Stufen erklimmt, im schwarzen Anzug, dazu ein weißes Barett, was ihn halb nach amerikanischem Militär aussehen lässt, halb wie einen Porträtmaler auf Montmartre.
Es gibt ja allerlei Arten von Applaus, die sich nur durch ein My unterscheiden. Hier vernimmt man – ehrliche Begeisterung. Travolta zeigt sich radikal gerührt. Vielleicht, weil unverhofft jemand auftaucht, den man schon halbwegs an die Erinnerung relegiert hat. Nach dem Tod seiner Frau Kelly Preston lebt Travolta weitgehend zurückgezogen. Hier steht er nun wie ein Geist, den das Kino an seinem magischsten Ort noch einmal beschworen hat.
Ein kleines Kompliment an Berlin
Frémaux erzählt, „Propeller One-Way Night Coach“ sei der allererste Film gewesen, den Cannes für dieses Festival akzeptiert habe — schon im vergangenen Herbst. Man habe auf keinen Fall riskieren wollen, dass Berlin ihnen die Preziose wegschnappe, sagt er halb im Scherz. Dennoch ein kleines Kompliment an die Spree.
Es handelt sich tatsächlich ganz und gar um Travoltas Projekt, um einen waschechten Autorenfilm. Er hat ihn geschrieben, produziert, inszeniert und später an Apple verkauft, auf dessen Streamingdienst er schon in den kommenden Tagen zu sehen sein wird. Man spürt in jeder Sekunde, dass das hier keine kalkulierte Prestigeproduktion ist, sondern die Verwirklichung einer radikal persönlichen Obsession.
Im Mittelpunkt steht die längst verschwundene Fluggesellschaft TWA, Trans World Airlines. Im Film erscheint sie weniger als Unternehmen denn als amerikanische Verheißung. Am Anfang sehen wir das berühmte TWA Flight Center am damaligen Idlewild Airport, der erst später JFK heißen wird: die gewaltigen geschwungenen Linien des finnisch-amerikanischen Architekten Eero Saarinen, irgendwo zwischen futuristischem Terminal und tropischem Fantasiepalast. Alles wirkt weich und aerodynamisch – Ausdruck einer Zeit, als man sich die Zukunft noch nicht in Form eines omnipräsenten Sechs-Zoll-Bildschirms vorstellte, sondern als stromlinienförmige Kurve.
Aus New York beginnt die Reise quer durchs Land. Zugleich ist es eine Art mobile Liebeserklärung an die eigene Mutter. Der Vater hat die Familie früh verlassen, übrig geblieben sind der Junge und diese Frau von 49 Jahren, die immer noch davon träumt, in Hollywood entdeckt zu werden. Bisher war sie Statistin, hat kleinere Theaterrollen gespielt, jetzt lockt angeblich ein befreundeter Produzent in Los Angeles. Also steigen die beiden in diese Propellermaschine Richtung Westen.
„Traurig, reich und ohne Akzent“
Dabei scheinen Mutter und Sohn in zwei verschiedenen Filmen unterwegs zu sein. Die Mutter erlebt eine romantische Komödie. Sie bestellt Manhattans von den glamourösen Stewardessen, hält Ausschau nach Männern, flirtet sofort los. Ein potenzieller Kandidat wird beschrieben als „traurig, reich und ohne Akzent“ — ganz nach ihrem Geschmack, wie uns Travolta im unaufhörlichen Voice-Over versichert, das alle Szenen erklärend doppelt.
Der Sohn, Travoltas junges Alter Ego, ist hingegen erfüllt vom Luftfahrtfieber. Maschinen, Routen, Flugzeiten – er kennt sie alle auswendig. Für ihn ist diese Reise kein Mittel zum Zweck, sondern das eigentliche Ziel seines Lebens – wohl bis heute. Travolta wird später von den beiden großen Künsten sprechen, die sein Leben bestimmen: die Kunst des Films und die des Himmels.
Die Maschine landet ständig zwischen: Pittsburgh, Denver, et cetera. Es wird enteist, Gepäck verladen, übernachtet. Während die Mutter mit ihrem Flirt – natürlich verheiratet – an der Hotelbar verschwindet, ist es dem Jungen überlassen, darauf zu achten, dass sie rechtzeitig zurück am Gate sind. Er organisiert im Grunde die ganze Reise.
Unterwegs trifft er Skipper, den ebenfalls höchstens sechsjährigen Sohn eines reichen Anwalts. Er wird sofort der neue beste Freund, weil er hinter seiner dicken Brille einen professionellen Flugalmanach studiert. Und natürlich die Stewardessen, die hier als reine Engel erscheinen – wunderschön, zugewandt, Geschöpfe des Himmels. Besonders die zweite, Doris, verdreht dem vorpubertären Jungen den Kopf. Wie viele Personen des Casts entstammt sie Travoltas Familie. Sogar seine Mutter spielt mit. Die Piloten erscheinen als sexbesessene Pfundskerle, die notfalls schon mal das unterwegs gekaufte und gleich auf dem Boden zerschellte Spielzeugflugzeug reparieren.
Die Bilder sehen aus wie Wes Anderson light: pastellfarbene Uniformen, sorgsam komponierte Tableaus, eine überbordende Feier des zeitgenössischen Designs, der Flugzeugkabinen, Leuchtschriften, Cockpits. Anders als bei Anderson fehlt hier allerdings die Ironie komplett. Travolta meint das alles vollkommen ernst, mit dem reinen Herzen eines nur an Jahren gealterten Kindes. Der Ton ist bitterzart, Sarkasmus oder Zynismus haben nicht den geringsten Platz.
„Welcome to the Jet Age“
Genau darum ging es ihm offenbar auch. Nach der Vorführung spricht Travolta ausführlich über jene Welt, die ihn geprägt habe: das Amerika der Fünfziger-, Sechziger-, frühen Siebzigerjahre, den ungebrochenen Aufbruchsglauben. „Welcome to the Jet Age“, heißt es einmal im Film. Auf der Bühne erzählt Travolta, wie sich damals Hoffnung selbst im Design ausgedrückt habe — in Flughäfen, Uniformen, Autos, Musik, Architektur. Die Zukunft war keine Bedrohung, wie heute, sondern ein Versprechen.
Man tut „Propeller One-Way Night Coach“ kein Unrecht, wenn man ihn als üppigst produzierten Dia-Vortrag eines Stars im Spätherbst seiner Karriere betrachtet, auf den nostalgischen Fersen der eigenen Kindheit. Darin liegt aber auch ein Reiz: dass hier jemand ohne jede Absicherung gegen Sentimentalität noch einmal versucht festzuhalten, wie sich der uramerikansiche Optimismus, der ein ganzes Jahrhundert geprägt hat, einmal angefühlt hat.
Zum Dank gibt es schließlich noch eine überraschende Ehrenpalme. „Das ist größer als die Oscars“, sagt Travolta, sicher Tränen in den Augen. Vom Balkon kann man das nicht so gut sehen. Eines der unzähligen mitfilmenden Handys hat es wahrscheinlich besser im Bild. Nachzuschauen in der vergleichsweise unspektakulären Utopie unserer Gegenwart, den sozialen Medien.
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