Ein Muezzin im Museum? Noch bevor man die obere Ausstellungshalle im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) betritt, kann man von fern schon die islamischen Gebetsrufe hören. Sie kommen aus der weißen Bretterkapelle, die direkt im Eingangsbereich der Ausstellung steht: Es handelt sich um Christoph Schlingensiefs berühmte „Church of Fear“, die der Skandalkünstler 2003 auf der Biennale in Venedig präsentierte und die später unter anderem auf dem Dach des Kölner Museums Ludwig stand.

Nur zwei Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und mit Beginn des Irakkriegs war die „Kirche der Angst“ eine provokative Parodie der damals virulenten Paranoia. Mit seinem „offenen Angstbündnis“ wollte der 2010 verstorbene Schlingensief Politik, Medien und Kirchen das „Angstmonopol“ entreißen. „Es ist eure Angst, die gehört euch und niemand anderem. Lasst sie euch nicht wegnehmen!“, sagte Schlingensief damals. „Fürchtet euch!“

Fürchten muss man sich in Wien nicht. Mit der Multi-Media-Schau „Es ist nicht mehr mein Problem“ taucht man auch in den Geräuschkosmos von Schlingensiefs Kunst ein, die immer auch vom Lärm der Empörung beim Publikum und in den Medien begleitet war. Zu den Muezzinrufen mischt sich das Rattern eines 16-Millimeter-Films, der Szenen von Proben zu einer Wagner-Oper im Amazonas zeigt. Aus dem hinteren Teil der Halle sind die Neonazi-Aussteiger aus Schlingensiefs legendärer Zürcher „Hamlet“-Inszenierung zu hören.

In Österreich gab es, anders als in Deutschland mit der großen KW-Ausstellung 2013, bisher keine Einzelausstellung des 1960 in Oberhausen geborenen Künstlers. Eine Retrospektive sei es jedoch nicht geworden, betonen Kurator Raphael Gygax und Nachlassverwalterin Aino Laberenz, sondern eher eine Präsentation zentraler Werkkomplexe. Die Ausstellung ist gemeinsam mit den von Milo Rau geleiteten Wiener Festwochen entstanden, die dieses Wochenende parallel zum Eurovision Song Contest ihre Eröffnung feiern. In Wien ist sie bis Mitte September zu sehen, danach kommt sie nach Berlin in den Martin-Gropius-Bau.

Christoph Schlingensiefs afrikanisches Abenteuer: Szene aus „The African TwinTowers“ von 2005

Was natürlich nicht fehlen darf, ist jene Aktion, die Schlingensief in Wien bis heute zum Stadtgespräch gemacht hat: „Bitte liebt Österreich! – Erste österreichische Koalitionswoche“ bei den Wiener Festwochen im Jahr 2000, besser bekannt als „Container-Aktion“. Schlingensief verknüpfte FPÖ-Rhetorik mit Big-Brother-Methoden, der Aufschrei war riesig. „Treffpunkt Kulturkampf“ war damals über die „Container-Aktion“ in der Presse zu lesen.

Die Container, die jetzt in der Ausstellung stehen, sind nicht die Originale, die Schlingensief damals vor der Wiener Oper mit dem Banner „Ausländer raus!“ aufstellte, erzählen die Kuratoren. Einen lebendigen Eindruck der damaligen Stimmung vermitteln jedoch die auf Bildschirmen laufenden Videos, die am Bauzaun um die Container hängen, neben Schwarz-Weiß-Porträts mit dem knallroten Banner „Abgeschoben“. Man sieht, wie linke Gegendemonstranten die Container zu stürmen versuchen, während sich Schlingensief im Fernsehen hitzige Wortduelle mit FPÖ-Politikern liefert, deren Empörung er als bigott und verlogen bezeichnete.

„Hamlet missbraucht!“

Wie virtuos Schlingensief mit den Medien zu spielen wusste, zeigt eine Litfaßsäule, die über und über mit Presseartikeln zu seinem „Hamlet“ beklebt ist (laut den Kuratoren hätte es sogar noch deutlich mehr gegeben). „Provokateure am Werk“ und „Hamlet missbraucht!“ liest man da ebenso wie „Stinkefinger für Skandal-Regisseur“ und „Subventionen für die Dummheit“. Für seine Shakespeare-Inszenierung hatte Schlingensief Neonazi-Aussteiger rekrutiert und unter dem Titel „Nazi Line“ selbst ein Aussteigerprogramm gegründet, dessen tiefrote Fahnen in der Ausstellung neben der Videoaufnahme von „Hamlet“ zu sehen sind.

Dass Schlingensief den Geist des toten Dänenkönigs als Adolf Hitler inszenierte und somit ein schonungsloses Stück über Deutschland nach 1945 gemacht hatte, entging vielen Beobachtern. Kein Wunder, bei all den Debatten drumherum. So forderte Schlingensief zum Beispiel öffentlich ein Verbot der SVP, bekannte zugleich aber: „Natürlich habe ich 50 Prozent SVP in mir, aber ich versuche, wenigstens mich transparent zu machen.“ Ein gewagtes Eingeständnis. Ob sich heute, 25 Jahre später, ein Theatermacher zu 50 Prozent AfD bekennen und den Versuch wagen würde, das auf der Bühne transparent zu machen? Schwer vorstellbar.

Ist Schlingensief heute so aktuell wie nie zuvor oder völlig aus der Zeit gefallen? Schwer zu sagen. Mit politisch korrekten Sensibilitätsstandards braucht man bei Schlingensief gar nicht erst anfangen. Der anarchische Witz, wie man ihn auch in „Freakstars 3000“ mit der bitterbösen Talkshow-Persiflage „Sabine Dreitausend“ oder bei dem antipolitischen Parteienprojekt „Chance 2000“ mit Slogans wie „Wähle dich selbst“ oder „Ich bin 1 Volk“ sieht, ist jedenfalls selten geworden. „Ich will kein Publikum beruhigen, ich will es überfordern“, gab Schlingensief einmal zu Protokoll – und auch das ist heute eher selten geworden.

Dabei war Schlingensief kein Provokateur um der Provokation willen – das fand er dumm –, sondern zog eine gesellschaftstheoretische Analyse heran. Man könne sehen, wie sich die Gesellschaft inzwischen offen eingesteht, dass sie nur noch eine Inszenierung ist, so Schlingensief. Die Empörung über seine Inszenierungen war für ihn der Hebel, der Gesellschaft ihren eigenen Inszenierungscharakter wie im Spiegel vorzuhalten.

Die Ausstellung zeigt auch den Schlingensief der leiseren Töne, vor allem in den Jahren nach „Kirche der Angst“. Das sind zum Beispiel die Videoarbeiten eines verwesenden Hasen, die er in seinem Bayreuther „Parsifal“ – auch als „Hasifal“ verspottet – verwendete. Hier erlebt man einen Künstler, der sich schonungslos mit der Endlichkeit und dem Tod auseinandersetzt, wie es Schlingensief später auch bei seiner eigenen Krebserkrankung mit „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ machte (was leider nicht Teil der Ausstellung ist).

Die Regie über die Angst behalten

Was sich durch alle Werke von Schlingensief bis ins Heute mitteilt, ist eine Angstlosigkeit, die nicht mit blinder Naivität zu verwechseln ist. Er beharrte darauf, die Regie über die eigene Angst zu behalten und die eigenen Abgründe nicht fremdverwalten zu lassen. Man könnte es auch Mut nennen. Und zwar in dem Sinne von Walter Benjamin, dass Mut nicht heißt, Gefahren zu ignorieren, sondern im Gegenteil in der Hingabe an die Gefahr liegt, welche die Welt bedroht.

Vielleicht kann man heute noch diesen Mut von Schlingensief lernen. Was der wohl dazu gesagt hätte? Vermutlich nur das, was er auf ein Flipchart kritzelte, als er die Diagnose Lungenkrebs bekam: „Das ist nicht mehr mein Problem“. Der darauffolgende Satz wurde für den Ausstellungstitel allerdings weggelassen: „Macht eure Scheiße alleine.“ Na also!

Die Ausstellung „Christoph Schlingensief – Das ist nicht mehr mein Problem!“ läuft bis zum 13. September im Museum für angewandte Kunst Wien.

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