„Wer einen Streit anfängt, verliert wegen seiner Dummheit“, sagt Gleb (Dmitriy Mazurov), ein erfolgreicher Geschäftsführer auf dem russischen Land außerhalb Moskaus, zu seinem Sohn. Doch bei diesem vernünftigen Rat bleibt es nicht. Wenn ihn sein Mitschüler weiter mobbe, solle er ihn fest an den Handgelenken packen und ihm eindringlich ins Gesicht sagen, was passiere, wenn er ihn noch einmal anfasse.

„Minotaur“ ist der erste Film des russischen Regisseurs Andreï Zviaguintsev nach zehn Jahren Pause, vor denen er bereits mit verstörenden Dramen wie „Loveless“ und „Leviathan“ verdiente Preise in Cannes gewann. Zviaguintsev lebt im Exil und äußerte sich von Anfang an kritisch gegenüber dem russischen Regime und dem Krieg gegen die Ukraine. Als er an Corona erkrankte, lag er elf Monate lang im Krankenhaus. Wie haben die Pandemie und der Krieg seinen Blick verändert?

Zviaguintsev sitzt mit einer Übersetzerin, die seine russischen Antworten ins Englische übersetzt, auf der Terrasse des Festival-Palais unter Palmen. Schon 2018 wollte er ein Remake von Claude Chabrols französischem Erotikthriller „Die untreue Frau“ von 1969 drehen, erzählt er, aber die Rechte habe er erst vier Jahre später erhalten. „Zwei Wochen nach dem Handschlag begann, was sie eine russische Teilmobilmachung nannten. Aber in Wahrheit war es eine Katastrophe für so viele Leben.“ Er nennt es „Schicksal“, dass sich der Krieg somit in die Liebesgeschichte seines Films einschreiben sollte.

Doch so kritisch wie der Regisseur auf sein eigenes Land blickt, sieht er auch die anderswo waltende „Cancel Culture“, die sogar Tschaikowsky cancele und die gesamte russische Sprache. Er selbst habe es seinen Produzenten und seinem schon bekannten Namen zu verdanken, dass sein Film gedreht wurde, aber russische Nachwuchsfilmemacher hätten es derzeit schwer.

Dass der in Lettland gedrehte Noir-Thriller „Minotaur“, eine französisch-lettisch-deutsche Koproduktion, im Wettbewerb von Cannes gezeigt wird, ist in der Tat ein großes Glück. Denn der Film hebt sich von den meisten anderen Preisanwärtern durch seine unheimliche Dringlichkeit ab.

Wie im Original verdächtigt der Antiheld Gleb seine Frau Galina (Iris Lebedeva), fremdzugehen, und setzt daher einen Detektiv auf sie an. Schließlich klingelt Gleb, ohne Plan und eher einem Instinkt folgend, bei Galinas Liebhaber, einem Fotografen. Dieser bittet ihn herein, bietet ihm freundlich Kaffee und Alkohol an. Erst als Gleb Nacktfotos seiner Frau findet und einen Blick auf das ungemachte Bett erhascht, greift er in einer Kurzschlussreaktion zu der auf dem Tisch liegenden Kamera und erschlägt den Fotografen von hinten.

Mord, Lügen, Korruption

Das gemeinsam mit Simon Lyashenko verfasste Drehbuch braucht vielleicht etwas zu lang, um zu diesem Wendepunkt zu gelangen, aber von da an ist jede Minute, in der Gleb beim detaillierten Spurenbeseitigen gezeigt wird, Gold wert. Zviaguintsevs minutiöses Gespür für Details sorgt trotz der beklemmenden Grundstimmung vor dem Hintergrund eines Krieges, der Gleb dazu zwingt, 14 seiner verzichtbarsten Mitarbeiter auf die Liste eingezogener Männer zu setzen, immer wieder für große Heiterkeit. Selten ist die Verknüpfung von intimer amour fou und politischer Weltlage so gut aufgegangen wie hier.

So wie Russland sein Land, versucht Gleb seine Ehe zu retten. Aber sind im Krieg und in der Liebe, wie man so sagt, alle Mittel erlaubt? Was passiert, wenn man Störenfriede einfach so beseitigt?

Szene aus „Minotaur“

Bei einem Abendessen erzählt eine neu in den Bekanntenkreis integrierte Freundin einen Witz: Ein Mann mit einem 6-cm-Penis kommt zu einem Porno-Dreh. Auf die Frage, ob er an der falschen Adresse sei, antwortet er: Nein, denn jeder Film brauche Antihelden. Wer der Antiheld in „Minotaur“ ist, ob der Ehemann, der Liebhaber oder die Ehefrau, und ob aus Schwäche oder eigenem Willen, treibt einen noch lange nach dem Abspann um.

Als Happy End wolle er sein vom Original abweichendes Ende nicht verstanden wissen, eher als offenes Ende, betont Zviaguintsev vehement. „In Russland ist alles möglich“, seufzt er dann. „Man kann für ein Verbrechen angeklagt und dann in den Krieg eingezogen werden und die Anklage wird fallen gelassen. Korruption ist ein großes Thema. Ein großartiger russischer Autor hat einmal gesagt: ‚Wenn ich hundert Jahre schlafe und dann aufwache und man mich fragt, was in Russland passiert, werde ich antworten: Sie trinken und sie stehlen.‘“

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