Grüne Hölle hat das hier mal einer genannt. Der Zug fährt durch Pferdeland, Niemandsland im deutschen Norden. Kordofan-Giraffe und Harpyie könnten sich später am Tag gute Nacht sagen – der Serengeti-Park von Hodenhagen und der Vogelpark von Walsrode liegen um die Ecke.
Visselhövede, zehntausend Seelen, Landkreis Rotenburg/Wümme. Bremen ist nicht weit, Hamburg nicht und auch nicht Hannover. Man kommt bloß schwer hin und schwer wieder weg. Ein Smalltown Boy wartet auf uns. So nennt sich Christopher von Deylen. Ein Weltstar aus der Provinz.
Deutschlands erfolgreichster Elektronikmusiker. Ambient, Pop, Dance, Trance macht er. Melancholisch, pathetisch, bunt. Er füllt Stadien mit Totalklanglichtkonzerten, sammelt Platin-Scheiben seit fast dreißig Jahren. Schiller heißt er auf den Plakaten und den Covern. 14 Alben hat er veröffentlicht. Alle ganz oder ziemlich ganz oben in den Listen. „Euphoria“ ist gerade erschienen. Gelb und rot. Eine Ode an die Freiheit.
Ein Wasserschloss haben wir uns vorgestellt für das Studio, den Proberaum, in den wir eingeladen sind. Und dann stehen wir mit dem großen Mann mit dem kahlen Kopf und der schwarzen Brille vor einem Flachbau mit Schornstein in einer deutschen Dutzendstraße. Alte Industriekultur, eine Zündholzfabrik.
Die hat von Deylens Urahn hier Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet. Sie hielt gut hundert Jahre. Dann war der letzte Krieg in Deutschland beendet und das Zündholzmonopol vorbei. Man meint, noch irgendwelche Bänder rattern zu hören. Es riecht angenehm nach Maschinenöl. Ein Fahrrad lehnt an der Wand. Das braucht man auch. Die Gänge sind lang und leer.
Nach Jahren selbst gewählter Heimatlosigkeit und Jahren in Berlin ist der heutige Mittfünfziger, der ein Weltensammler und Weltreisender ist, wieder in seiner Heimatstadt gelandet. Zu Pandemiezeiten war das. Berlin ist ihm zum Schluss nur noch auf die Nerven gegangen. Dann war das mit den Auftritten erst einmal vorbei, und er brauchte einen Platz, wo er – er wollte ein Klavieralbum aufnehmen – einen Flügel hinstellen konnte. Und da kam ihm die Fabrik seines Urgroßvaters gerade recht.
Morgens um sechs steht er hier; er ist ein Morgenmensch. Wenn er auf Tournee geht, sagt er, muss er seinen Biorhythmus umtrainieren. Jugendclubs sahen früher so aus. Dunkel, Teppiche, Boxen. Keyboards, die sich schichten, Kabelsalat, ein Schrank mit Datenträgern. Ein Tisch mit Bildbänden – Brutalismus, persische Kunstgeschichte. Ukrainische Pralinen.
Schiller kocht Kaffee. Spielt was. Ein Rhythmus dreht Loops. Es beginnt, sagt er, immer mit einem Rhythmus. Er legt etwas anderes darüber. So etwas wie ein Fluss entsteht, eine Geschichte. Von Deylen erzählt von der Schwierigkeit, anzufangen. Von der Schwierigkeit, aufzuhören, weil ja im Moment danach vielleicht was passieren könnte.
Davon, eine Idee kaputt zu reparieren. Von der Angst, etwas daraus zu machen, eine Geschichte. Von atmosphärischen Vignetten, in die er sich hineinträumt und zu denen er dann einen virtuellen Soundtrack macht. Die Geschichten speichert er dann irgendwo. Eher nachlässig benannt. Sehr diszipliniert im Sortieren, sagt er, ist er nicht.
Mit Tangerine Dream ging alles los
Bürgerlich könnte man die Familie nennen, aus der er kommt. Sehr behütet wuchs er auf. Ein Klavier hat er von seinem Opa bekommen, da war Christopher sechs. Die Klavierlehrerin hat er mit seiner Weigerung, nach Noten zu spielen, so lange zur Verzweiflung gebracht, bis sie aufgab.
Dann kam einer, der hatte einen Yamaha-Synthesizer, auf dem durfte er herumprobieren. Dann kam Tangerine Dream. Zwölf war er da. So etwas wollte er auch. Vielleicht nicht unbedingt machen – Künstler sein, sagt er, der nicht singen kann und nicht singen will, wollte er nie. Künstlerattitüden kann er nicht leiden.
Aber produzieren wollte er gern. Produzenten sind, was es eigentlich nicht gibt im wirklichen Leben, Autoren und Lektoren gleichzeitig, Erzeuger, Geburtshelfer und Erzieher von Musik. Toningenieur wollte er deswegen als Vorstufe studieren, nach der Zeit als Funktechniker bei der Bundeswehr in Buxtehude. In Detmold konnte man das. Musste aber Musiktheorie beherrschen und Klavier.
So sieht es dann auch auf der Bühne aus: Schiller an KeyboardsNicht den verschnörkelten Czerny, das letzte, an das er sich vom Klavierunterricht erinnert, hat er dann zur Aufnahmeprüfung gespielt. Etwas Jazziges. Wahrscheinlich, weil er genau wusste, dass er damit durchfällt. Fiel er auch. Ein wenig BWL in Lüneburg kam dann, etwas mehr angewandte Kulturwissenschaft. Und jobben als Kaffeekochkabelholer in einem Tonstudio in Hamburg, das man sich wiederum so vorstellen muss wie den Visselhöveder Proberaum.
Da wurde Musik gemacht, da hörte er den Humpe-Schwestern zu und den Bands, die sich in die Haare kriegten. Eine Band wollte er anschließend nie wieder haben. Aber das machen, was er nachts tun durfte: den schieren, schönen Klang suchen, ausprobieren, was passiert, wenn man das eine mit dem anderen verstöpselt. Rhythmen schichten, die Vignetten, die er im Kopf hat, die Farben, die Szenen Musik werden lassen, das machen wollte er schon.
Sein Studium hätte er abschließen können. Dann kamen die ersten Aufnahmen. Erste Konzerte. Erste Erfolge. Sein Vater, ausgerechnet, hat ihm zugeredet, seinem Traum zu folgen. Das mit der Kulturwissenschaft sein zu lassen. Dann kam „Das Glockenspiel“. Gut drei Minuten Ambienttrance. Zusammengeschraubt mit einem Kumpel unterm Dach in Barmbek-Süd.
Das – würde man heute sagen – ging viral. Einen Namen hatte das Projekt nicht. Musste kein langlebiger sein. Das waren die in den Neunzigern nie. Man macht was, das floppte, aber den Namen verbrannte. Machte was Neues, taufte es anders. Gern Englisch. Weil die Briten, die konnten das halt. Da gab es, erzählt von Deylen, Menschen, die schickten ihr Material von London aus los an die Plattenfirmen. Für den Poststempel. Um den Schein zu wahren. Ihm fiel dann – Gymnasiasten-Kausalkette: Glockenspiel, Glocke, Schiller – Schiller ein. Als Antitrend. Der Name blieb. Der Rest ist Geschichte.
Erst waren da 150 Leute beim Konzert. Jetzt sind es 15.000. Neil Tennant von den Pet Shop Boys, selbst ein großer Pathetiker, hat, was Schiller ist, mal „beautiful“ genannt. Als von Deylen ihm ein paar Sachen von ihm schickte mit der Frage, ob Tennant nicht wie Lang Lang, Mike Oldfield und Edgar Froese von Tangerine Dream mal mit ihm etwas machen wolle. „Beautiful“ und „German Kitsch“. Deylen hat es als Kompliment genommen.
Die lebensbejahende Melancholie, die tanzbare welthaltige Weltfluchtmusik hat Schiller überall hin in die Welt gebracht, ihn Menschen anders kennenlernen lassen. Im Iran war er der erste westliche Musiker, der nach 1979 auftreten durfte. Alle saßen, keiner durfte sich regen. Ordner mit Laserpointern riefen Wippende zur Ordnung.
Von dem Alltagstrotz, von der inneren Freiheit der Iraner schwärmt er immer noch. Seit zwanzig Jahren tritt er regelmäßig in der Ukraine auf. Er macht Musik mit ukrainischen Künstlern, hat Hilfslieferungen organisiert und beobachtet, wie aus vom Sozialismus zur Unselbstständigkeit Geknechteten allmählich Menschen mit einer unbändigen Kraft wurden, die ihre gewonnene Identität und Freiheit verteidigen.
In der Ukraine im Krieg, sagt er, fühlt er sich freier als anderswo. Freier auch als daheim. Unter den Deutschen, denen Freiheit so selbstverständlich geworden ist, dass sie gar nicht merken, wie sie ihnen gerade abhandenkommt: durch freiwillige Selbstzensur, durch Denkverbote von allen Seiten.
Gegengeschichte zur deutschen Kleingeisterei
„Euphoria“ ist eine Gegenwelt dazu geworden. Schiller, sonst ein Virtuose im Konstruieren von musikalischen Zeitgeistgehegen, erzählt die Gegengeschichte zur deutschen Kleingeisterei. Eine anderthalbstündige Erinnerung an die Gelöstheit der Neunziger und eine Hymne auf die Freiheit, sagt er, ein Aufruf, sie zu nutzen, anzutanzen gegen alle Feinde von Individualismus und Gefühl und Träumen.
Christopher von Deylen hat eine Haltung. Hat eine Meinung. Und würde wissen, worüber er redet, wenn er in Talkshows von den Ukrainern redet und den Iranern, deren Wirklichkeit und Leben anders ist als das, was wir sehen, wenn wir fernsehen. Durch die Talkshows zu tingeln hat er allerdings noch weniger Lust, als zu singen. Von Deylen macht Musik.
Was er denkt, sagt er abseits von der Bühne, schreibt er auf. Von Konzerten hält er das fern. Da gilt es etwas anderem. Der Freiheit im Hirn des Klangs. Der Schaffung eines utopischen Moments. Kulturschaffende kann er nicht leiden. Die offene Briefe schreiben.
Bono zum Beispiel, den mag er eigentlich ein bisschen, möchte ihm aber ständig zurufen, er solle doch Songs schreiben und singen und ansonsten die Klappe halten. Es nutzt, sagt Christopher von Deylen, ja nichts, wenn man den musikalischen Raum der Freiheit aufmacht und ihn dann mit Ideologie vollstellt.
Wir müssen los. Durch den Flur, durch die schmierfettvolle Luft. Zum kleinen Bahnhof von Walsrode. Dann an Bartgeier und Tüpfelhyäne vorbei in die Hauptstadt. Hoffentlich fährt der Zug. Von Deylen nimmt uns mit. Und bekommt einen Anruf aus dem Iran. Dass es ihm gut geht, sagt der Freund, dass es dieses Jahr vielleicht nichts wird mit dem Konzert im Iran, das geplant war. Aber vielleicht bald. Tanzen, frei sein in Teheran. Die Schwerkraft der Gegenwart für und mit ein paar Tracks aufhalten. Kitsch. Vielleicht. Aber schön als Utopie. Euphorie für alle.
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