Ein Eigenheim gilt für viele als Lebensziel – doch macht der Traum vom eigenen Haus tatsächlich glücklicher? Darüber hat der Basler Wirtschaftswissenschaftler Reto Odermatt geforscht.

Frage: Herr Odermatt, Sie erforschen das Glück von Eigenheimbesitzern. Haben Sie selbst ein Haus?

Reto Odermatt: Nein, ich lebe zur Miete mit meiner Familie im Neubauquartier Lysbüchel-Süd in Basel. Im Moment träume ich nicht vom Eigenheim. Was ich gern hätte, wäre mehr Grünfläche und den Wald näher zum Joggen.

Frage: Sie gehören zu einer Minderheit. Fast drei Viertel der Schweizer Mieterinnen und Mieter hegen den Eigenheim-Traum. Weshalb?

Odermatt: Vielleicht erhoffen sie sich mehr Glück. Ein Haus bringt mehr Sicherheit und Planbarkeit ins Leben, und die Wohnzufriedenheit ist im Durchschnitt tatsächlich höher. Zudem zeigen Studien, dass der soziale Zusammenhalt in Quartieren mit vielen Eigenheimen oft stärker ist, wahrscheinlich, weil es weniger Fluktuation gibt.

Frage: Das klingt nach einem Plädoyer für ein Eigenheim. Sie haben in einer Studie die Langzeitdaten von über 30.000 Menschen aus Deutschland ausgewertet. Macht ein eigenes Haus tatsächlich glücklicher?

Odermatt: Wir haben die Erwartung der Menschen vor dem Kauf mit ihrer tatsächlichen, späteren Zufriedenheit nach dem Kauf verglichen. Beim Einzug ins neue Heim waren sie wirklich glücklicher. Aber innerhalb von fünf Jahren verschwindet rund zwei Drittel dieses Glückszuwachses. Nur ein Drittel bleibt bestehen. Die Bilanz ist also positiv, aber deutlich kleiner als vor dem Kauf erwartet.

Frage: Warum?

Odermatt: Der Haupttreiber ist die unterschätzte Gewöhnung. Wir gewöhnen uns extrem stark an neue Lebensumstände – beispielsweise an einen eigenen Garten oder mehr Wohnfläche.

Frage: Spielt bei dieser Fehleinschätzung eine Rolle, aus welchen Motiven man ein Haus kauft?

Odermatt: Ja, die Kaufmotivation spielt eine riesige Rolle. Die Fehleinschätzung des Glücks finden wir fast ausschließlich bei statusorientierten Käufern. Wer materielle Ziele stark gewichtet, überschätzt den langfristigen Glückseffekt massiv. Bei Menschen, die mehr Wert auf Familie, Freunde und Gemeinschaft legen als auf Materielles, passt die Erwartung eher zur Realität.

Frage: Weshalb ist das so?

Odermatt: Wenn wir ein materielles Ziel erreichen, steigt auch unser Anspruch. Wenn Sie in ein Quartier ziehen, in dem jeder ein großes Eigenheim hat, wird das schnell zur Normalität. Eine Studie zeigt beispielsweise: Baut in einem Quartier plötzlich jemand eine größere, protzigere Villa, sinkt die Zufriedenheit der Quartierbewohner mit ihrem eigenen Haus. Und das, obwohl sich an ihrem eigenen Haus rein gar nichts verändert hat. Interessanterweise nimmt in der Folge auch die Wahrscheinlichkeit zu, dass die Nachbarn Kredite aufnehmen, um ihr eigenes Haus zu vergrößern.

Frage: Gilt der Gewöhnungseffekt für alle materiellen Dinge?

Odermatt: Nicht ganz. Die Forschung zeigt, dass die Gewöhnung bei materiellem Konsum zwar deutlich stärker ist als bei Erlebniskonsum oder guten sozialen Beziehungen. Doch materielle Güter machen dann am glücklichsten, wenn sie Erlebnisse ermöglichen – wie ein Camperbus oder eine Gitarre. Ein Eigenheim macht uns also langfristig am glücklichsten, wenn es schöne gemeinsame Erlebnisse ermöglicht.

Frage: Hat Sie Ihre eigene Studie über das Wohneigentum davon abgehalten, ein Haus zu kaufen?

Odermatt: Ich habe mich noch nicht gegen ein Eigenheim entschieden. Die Studie hat mir aber bewusst gemacht, dass es auch ganz viele versteckte Kostenfaktoren gibt, die das Glück bei einem Eigenheim beeinflussen, die ich vorher nicht so bedacht habe.

Frage: Welche versteckten Kosten?

Odermatt: Um sich den Traum vom Haus leisten zu können, ziehen zum Beispiel viele weiter weg vom Arbeitsplatz. Pendeln ist eines jener Dinge, die am stärksten mit Unzufriedenheit verbunden sind. Das Tückische daran ist: An die negativen Stresseffekte des täglichen Pendelns gewöhnen wir uns leider nicht. Zudem ist es ein Verlust an Flexibilität. Wenn man eine Hypothek hat, muss man sein hohes Einkommen dauerhaft halten und kann nicht spontan das Arbeitspensum reduzieren, wenn beispielsweise Familienplanung zum Thema wird.

Und ein Haus macht immobil. Man kann es nicht so schnell verkaufen wie eine Aktie, was uns im Leben und bei Jobwechseln träge macht. Das führt paradoxerweise dazu, dass nach einem Hauskauf im Durchschnitt die Jobzufriedenheit sinkt. Wer ein Eigenheim besitzt, nimmt eher schlechtere Arbeitsbedingungen in Kauf, statt wie Mietende einem besseren Job hinterherzuziehen.

Frage: Welche Fragen soll man sich stellen, um am Schluss nicht enttäuscht zu sein?

Odermatt: Grundsätzlich spricht nichts gegen den Kauf eines Eigenheims. Doch es ist für die meisten die größte Investition ihres Lebens. Ich rate dazu, eine echte Vollkostenrechnung zu machen. Nicht nur: Kann ich mir das Haus leisten? Sondern: Was gebe ich auf? Kurze Pendelzeit, Flexibilität, die tolle Nachbarschaft. Mein Tipp: Stellen Sie sich einen typischen Tag im neuen Haus vor – vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen. Was bedeutet der neue Arbeitsweg am Dienstagmorgen? Das schützt vor der sogenannten Fokussierungsillusion. Denn der Alltag holt uns mit seinen normalen Problemen schnell wieder ein, und das schöne neue Haus rückt oft in den Hintergrund. Die Wohnsituation ist für unser Glück enorm wichtig. Doch, ob man zur Miete wohnt oder besitzt, spielt dabei eine geringere Rolle, als die meisten meinen.

Frage: Welchen Rat würden Sie den Lesern als Glücksforscher geben?

Odermatt: Wenn Gutes passiert und Sie glücklich sind, genießen Sie es – denn es währt meist nicht ewig. Glück hat ein Ablaufdatum, und das ist kürzer als wir denken. Wir Menschen neigen dazu, uns extrem stark an neue Lebensumstände anzupassen. Das sehen wir auch bei vielen einschneidenden Lebensereignissen, wie bei der Geburt von Kindern. Das gilt auch für negative Ereignisse. Auch beim Tod eines Partners finden die Menschen langfristig wieder zu ihrem Basisniveau an Zufriedenheit zurück. Auch das Unglück währt glücklicherweise nicht ewig.

Dieses Interview erschien zuerst im Schweizer „Tagesanzeiger“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance LENA.

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