Es ist warm da, wo Lars Becker gerade ist. Mit der Familie ist er in Italien. Warm und hell ist es da. Und ganz anders als in der Welt, in der man sich mit ihm sonst so herumtreibt. Lars Becker, 1954 in Hannover geboren, in Wilhelmshaven aufgewachsen, mit Grimme-Preisen geradezu überhäufter Drehbuchschreiber und Regisseur, ist der dunkle Lord des Noir im deutschen Film. Wo er dreht, ist Nacht. Wo seine Geschichten spielen, herrscht zumindest das Zwielicht.

Dass er irgendwann einen Roman schreiben würde, einen, der nicht – wie seine beiden Kriminalromane vorher – auf einem Drehbuch beruht, war angesichts der literarischen Qualität und Verfasstheit der Scripts, auf denen seine Filme von „Kalte Sonne“ bis „Nachtschicht“, der neben dem „Tatort“ langlebigsten deutschen Fernsehreihe, beruhen, fast absehbar.

Dass dieser Roman dann finster werden und sich einen Dreck um Genregrenzen kümmern würde, hätte man ahnen können. Und dass so etwas wie „Es wird Steine regnen“ dabei herauskommt, vielleicht dann doch nicht. Ein Buch, wie es noch keins gab in Deutschland. Ein Buch, das ein Genre erfindet, dessen Titel auf kein Cover passt. „Es wird Steine regnen“ ist ein Science-Fiction-Fantasy-Noir-Thriller.

Becker, vom inzwischen durch KI verschärften Effizienzdruck in der Film- und Fernsehproduktion befreit, dachte los. Schrieb los – einen Roman, der strotzt von Geschichten, Hintergründen, Abschweifungen, Wahnsinnigkeiten, wie man sie in einer öffentlich-rechtlichen Redaktion nicht nur aus Kostengründen als Drehbuch niemals untergekriegt hätte.

Tief religiös, sagt er, ist er nicht. Ist aber (auch als Halbvenezolaner, der er ist) von einer Idee fasziniert, an die weltweit deutlich mehr Menschen glauben als an den Sieg des Nationalismus. Was wäre denn, wenn das Leben nach dem Tod tatsächlich nicht vorbei wäre, wenn man in einer Art Transitstation landen würde? Einem Fegefeuer, in dem sich mehr oder weniger ex negativo spiegelt, was gegenwärtig Gesellschaft ist. Die katholische Theologie nennt das Limbus – Vorhölle.

Wer stirbt, landet in der Deep Earth Republic

Die ist – wir schreiben in Beckers Thriller das Jahr 2035 – dreitausend Meter unter der Erdoberfläche. Ist Untergrund, Unterwelt, Unterbewusstsein. Wer stirbt, landet in der Deep Earth Republic. Nicht als Seele, als ganzheitliches Wesen. Allerdings nur mit zwei Litern Blut im Körper. Zurück an der Erdoberfläche würde man ohne die Einnahme eines gewissermaßen magischen blauen Liquids (keine zwingende Korrektur notwendig) sofort und elendiglich verrecken. Sonst aber ist man unten halbwegs intakt. Schön ist es da nicht.

Alles ist wie auf der Oberfläche, nur ein bisschen radikaler. Eine Welt, so multiethnisch wie sie eigentlich heute schon ist, verbunden durch ein futuristisches Tunnelsystem, durchflattert von grünen Kongopapageien. Heiß, schwül, finster, gefährdet von Schlagwetterkatastrophen. Regiert von einer autokratischen Partei, bedroht von einer populistischen nationalen Front. Gesichert von einem „Club der toten Gangster“ – von einem untoten Sicherheitsdienst aus mehr oder weniger bekehrten Kriminellen aller Geheimdienste und mafiöser Strukturen.

Er, sagt Becker, würde da eher ungern unterkommen. Die Lebenden, heißt es mal in „Es wird Steine regnen“, sehnen sich nach dem ewigen Leben, die Toten nach dem Tod. Das, so Becker, war seine Philosophie hinter „Es wird Steine regnen“, dass wir hier, solange wir wirklich leben, genießen, was ist, was der Tag bringt. Es wird nicht besser werden.

Gloria Acheampong (Thelma Buabeng, r.) in „Die Polizistin und die Todesstille“

Kein Wunder, dass da zwei fliehen. Majid Ramzy, ein Berliner Drogendealer mit libanesischen Wurzeln, von Berliner Polizisten in Neukölln erschossen unter dubiosen Umständen vor zwei Jahren. Und Dante Palazzo. Der – ein Hundertjähriger, der aus der Unterwelt kletterte und verschwand – ist schon sehr lange unter der Erde. Kam 1962 als einer der ersten italienischen „Gastarbeiter“ nach Wolfsburg, schuf bei Volkswagen das Wirtschaftswunder mit, radikalisierte sich, wurde 1982 in Italien als Terrorverdächtiger erschossen.

Becker, ein beinharter Realist eigentlich, recherchierte los. Sprach mit Geologen, Neurowissenschaftlern, hörte Bergarbeitern zu. War überrascht, was es in einigen Jahren unter der Erdoberfläche schon alles geben könnte, wären die ökonomischen Bedingungen und Abhängigkeiten andere als heute, (deutlich mehr Nutzung von Wasserstoff als Energiequelle zum Beispiel, ganz andere medizinische Behandlungen und Impfungen), skizzierte ein Tunnelsystem und die globale Staatsverfasstheit von Terrapolis. Und dann ließ er Unterirdisches und Irdisches aufeinander los. Und schaute zu, was da passiert. Spoiler: Es fliegen die Kugeln – Lebende und Untote sterben. Rechnungen werden beglichen. Traurige Familiengeschichten werden erzählt.

Die Gesellschaft von Terrapolis ist wie die Gesellschaften in den Filmen von Lars Becker immer sind, und wie sie, sagt Becker, eigentlich heute schon sind, wenn man sich ideologiefrei umschaut, nur noch entspannter, noch normaler – multiethnisch. Eine Gesellschaft, die sich nicht einfach in gut und böse, in Herkünfte unterteilen lässt. Eine Grauzonengesellschaft. Eine Zwielichtgesellschaft.

Einen Optimisten nennt sich Becker. Was sich, das sagt er auch, weniger in den Geschichten spiegelt, in die man bei Becker geworfen wird, als in seinen Figuren – wie in „Die Polizistin und die Todesstille“, seinem neuen Fernsehkrimi um die von der herrlich jeder rassistischen Realität trotzenden Thelma Buabeng gespielten BKA-Kommissarin Gloria Acheampong. Die nicht zynisch werden, obwohl sie es müssten, dürften mit ihren Erfahrungen, die eine gewaltige Ambiguitätstoleranz mitbringen.

Geprägt von Manchette und Charyn

Das Reservoir der Geschichten des Mannes, der cineastisch vom französischen Polizeifilm, von Melville und Cie., literarisch von Elmore Leonard, Jean-Patrick Manchette und Jerome Charyn geprägt wurde, von Autoren, die wussten, wovon sie erzählten, die einen Standpunkt, eine Haltung hatten, dieser Geschichtenvorrat hat sich in St. Pauli gefüllt. Da hat er in den Achtzigern mit sechs Kumpels acht Jahre lang eine Kneipe geführt. Von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens stand er da am Tresen. Hat zugeschaut, zugehört. Und es waren alle da. Rotlichtfürsten, Polizisten, Trinker, Touristen, Bands wie The Clash, The Damned, die Talking Heads. Da gab es Polizeieinsätze, da kreuzte sich, sagt er, alles. Da hat er angefangen zu schreiben.

Da hat er auch gelernt, dass es schwarz und weiß gar nicht gibt, nicht nur die guten und die bösen Bullen in der Davidswache. Dass Schwarz-Weiß-Malerei Zersplitterung ist, Gift für alle. Gerade auch für die demokratische Gesellschaft, in der wir gerade leben.

Die Welt, in der sich Beckers Personal 2035 herumtreibt, unterscheidet sich politisch und gesellschaftlich – das hat fast etwas Tröstliches – nicht wesentlich von der des Jahres 2026. Unter der Erde fahren die Menschen mit Ford Broncos über Schnellstraßen und hören Mötley Crüe. An der Oberfläche gibt es noch Palästina-Demonstrationen, davon, dass die AfD Berlin regieren könnte, ist kaum etwas zu spüren. Er wollte, sagt er, auch aus dramaturgischen Gründen die Unterschiede zwischen Unter- und Oberwelt nicht verwischen. Und menetekeln wollte er auch nicht zu viel. Vielleicht aus Selbstschutz. Vielleicht wegen seines prinzipiellen Optimismus.

Seine Söhne, sagt Lars Becker, die fahren nicht mehr nach Brandenburg, nicht mehr nach Sachsen-Anhalt. Weil da, sagt er, Hautfarbe eine Rolle spielt. „Color of skin does matter“ da. Die sind nicht paranoid, aber sie sehen halt nicht so aus, wie man im Osten in Gefahrensituationen aussehen sollte. Die sagen ganz einfach: Papa, nee, muss ich jetzt nicht haben.“

Lars Becker: Es wird Steine regnen. Rowohlt. 352 S., 25 Euro; Buchpremiere am 28. September 2026 im Berliner Kino Cinema Paris. „Die Polizistin und die Todesstille“, in der ARD-Mediathek ab 10. September 2026.

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