An Maurizio Cattelan kommt man zurzeit kaum vorbei. Obwohl der italienische Künstler nicht dafür bekannt ist, gern Interviews zu geben, sendet er auf vielen Kanälen. Schließlich hat er seine erste große Einzelausstellung in Deutschland zu promoten. Im „Zeit-Magazin“ erinnerte er sich an seine erste Tour durch die Bundesrepublik. Dem RBB erklärte er, wie Deutschland immer wieder in seiner Arbeit aufgetaucht sei.

Im „Tagesspiegel“ erinnerte er sich an seine Zeit in der deutschen Hauptstadt, wo er 2006 die 4. Berlin Biennale mitkuratierte. In WELT ließ er tief in seine Psyche blicken: „Eltern und Religion sind Supermächte, wenn es darum geht, Kinderseelen zu versauen. Wenn ich vergessen könnte, woher ich komme, würde ich es tun.“ Der düstere Unterton passt zu seiner Schau in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Dabei ist Maurizio Cattelan eigentlich als Künstler mit bisweilen brachialem Witz bekannt. Als Konzeptkunst-Clown, der den Kunstmarkt zum Narren hält. Als Melancholiker der figurativen Bildhauerei. Doch Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, und die Kuratorin Lisa Botti haben in ihrer Ausstellung „Night“ bewusst auf jene berüchtigten Installationen verzichtet, die Cattelan verlässlich Schlagzeilen und Blitzlichtgewitter bescheren. Weder wurde seine Banane „Comedian“ an einen der Marmorpfeiler der Museumshalle geklebt, noch das massiv goldene Klosett „America“ in einer der Garderobennischen aufgestellt. Nicht einmal „La Nona Ora“, der von einem Meteoriten niedergestreckte Papst Johannes Paul II., mit dem Cattelan berühmt wurde, ist zu sehen.

Stattdessen fällt der Blick beim Eintritt in Mies van der Rohes Berliner Tempel der Moderne zunächst auf ein Brandenburger Tor und dahinter auf den Rücken jener Skulptur, deren Aura Biesenbach bereits bei der Aufstellung am Ende der monumentalen Halle erschaudern ließ, wie er erzählt. Das Brandenburger Tor steht im Maßstab 1:5 in der Halle und fungiert als Eingangsschleuse. Cattelan ließ es für die Ausstellung aus Lindenholz fräsen und beauftragte einen Kunstschnitzer damit, die Reliefs in den Laibungen der Säulendurchgänge originalgetreu nachzubilden. Die Hitler-Skulptur „Him“ (2001) am anderen Ende der Halle entwickelt schon hier eine unheimliche Sogkraft.

Brandenburger Tor im Maßstab 1:5 aus LindenholzAusstellungsansicht „Night“, Neue Nationalgalerie, 2026

Der deutsche Diktator im grauen Anzug. Er ist hyperrealistisch gestaltet, allerdings etwas klein geraten. Hitler ist zum Kind geschrumpft. Der Massenmörder kniet. Die Arme sind gehoben, beide Hände zur Andachtsgeste aneinandergelegt. „Him“ ist eine der meistveröffentlichten Skulpturen aus Cattelans Werk.

In der Nationalgalerie kniet die Figur vor „Dawn“ (2007), einer Art Kreuzigungsskulptur, die über dem geschlossenen Vorhang der Halle hängt und an ein berühmtes Selbstporträt der amerikanischen Fotografin Francesca Woodman erinnert, die sich mit 22 Jahren das Leben nahm. Cattelan hat die Fotografie in Bildhauerei übersetzt: Zu erkennen ist eine weibliche Figur im Nachthemd, die mit ausgebreiteten Armen in einer ausgepolsterten Kiste ruht. Zwischen den beiden Figuren entspinnt sich so ein Dialog zwischen Hölle und Erlösung.

Readymade und Urne

Dass auch der rote Feuerlöscher an einem der beiden Monumentalpfeiler ein düsteres Exponat ist, könnte man leicht übersehen. Der unscheinbarste Gegenstand der Ausstellung ist zugleich ihr makaberster – eine Urne: Die Asche eines kürzlich verstorbenen engen Freundes von Cattelan hat in „Dust“ ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Die stärkste Arbeit der Ausstellung liegt zwischen „Purgatory“ (Fegefeuer), wie das Brandenburger Tor betitelt ist, und „Him“. Neun Marmorskulpturen („All“, 2007) stellen von Tüchern bedeckte Körper dar und erinnern entfernt an den „Verhüllten Christus“ des Barockbildhauers Giuseppe Sanmartino. Mit dem Unterschied, dass bei Cattelan nicht so deutlich zu erkennen ist, was sich unter den Falten aus weißem Marmor verbirgt. Die Wiederholung des Motivs öffnet einen weiten Assoziationsraum: Man denkt an humanitäre Katastrophen, an die Covid-Toten von Bergamo, an Erdbebenopfer oder im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge.

Der Tod ist in Cattelans Ausstellung allgegenwärtig. Tausende präparierte Tauben sitzen auf den schwarzen Metallträgern der Kassettendecke. Auch draußen hocken sie auf dem Sims des Mies-Baus. Alle Vögel stammten aus sogenannten Regulierungsbeständen, versichert die Kuratorin Lisa Botti. Sie sind also im Rahmen tierschutzgerechter Bestandskontrollen ihren Lebensräumen entnommen worden.

„People“ heißt Cattelans Tauben-Installation

Und doch sind es getötete Tiere; tote Kunstkörper, die nun täuschend lebensecht auf die Besucher herabblicken. Als Cattelan erstmals seine taxidermischen Taubenkunstwerke auf der Biennale von Venedig installierte, hieß die Arbeit noch beißend-witzig „Tourists“. Die atelierfrische Überpopulation in der Neuen Nationalgalerie trägt nun den verstörenden Titel „People“ (Menschen/Volk).

Die unmittelbare Zugänglichkeit der Skulpturen dürfte dem Berliner Museum einen Publikumserfolg bescheren. Ihre plakative Doppelbödigkeit droht sich allerdings auch schnell zu erschöpfen. Mit der Ausstellung „Night“ zum Auftakt der Berlin Art Week ist nun auch eine Auszeichnung verbunden: Cattelan erhält den Preis der Nationalgalerie 2026.

Der Kunstpreis hat eine mehr als 25-jährige, wechselvolle Geschichte. Im Jahr 2000 wurde er von den Freunden der Nationalgalerie erstmals ausgelobt und richtete sich ausdrücklich an junge Künstler. Viele der späteren Preisträger und Nominierten gehören heute zum Who’s Who der Gegenwartskunst, darunter Elmgreen & Dragset, Tacita Dean, Katharina Grosse, Cyprien Gaillard und Anne Imhof. Doch das Profil des Preises wurde mit den Jahren zunehmend aufgeweicht.

Zunächst entfiel das Preisgeld, dann wurden alle vier Nominierten zu gleichberechtigten Preisträgern erklärt. Nun ist der Preis vom Hamburger Bahnhof, der Nationalgalerie der Gegenwart, in die Neue Nationalgalerie gewandert und soll dort „herausragende Künstler sichtbar“ machen, die international Maßstäbe setzen.

Maurizio Cattelan, 65 Jahre alt und einer der populärsten Künstler unserer Zeit, benötigt diese Auszeichnung gewiss nicht. Offensichtlich braucht ihn die Neue Nationalgalerie, um sichtbarer zu werden.

„Maurizio Cattelan. Night“, bis 7. März 2027, Neue Nationalgalerie, Berlin

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