Im vorigen Jahr wurde in Deutschland des Bauernkrieges gedacht, ohne dass die 500‑Jahr-Feier des Aufstandes ein breites Echo gehabt hätte. Es gab ein paar Fernsehdokumentationen, ein oder zwei neue Bücher zum Thema sowie Ausstellungen von eher regionaler Ausstrahlung in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Süddeutschland, den Hauptschauplätzen der Revolte der Bauern gegen die ungerechten Bedrückungen durch das feudale System. Aber keinen populären Kino- oder Fernsehfilm.
Wenn nun mit „The Uprising – Für die Freiheit“ ein relativ groß vermarkteter historischer Actionfilm über den von Wat Tyler (Cosmo Jarvis) angeführten englischen Aufstand 1381 in deutsche Kinos kommt, wird das also vermutlich dazu führen, dass am Ende mehr Leute über die bedeutendste Bauernrevolte der englischen Geschichte wissen als über die Rebellion ihrer eigenen Vorfahren (denn die meisten von uns stammen von Bauern ab, die bis zum 20. Jahrhundert die Mehrheit der Bevölkerung waren). Im Ignorieren historischer Themen aus dem eigenen Land ist die deutsche Kino- und Fernsehbranche unübertroffen.
Das hat verschiedene Gründe. Historienfilme sind teurer herzustellen als Komödien oder Liebesfilme, die in der Gegenwart spielen. 5000 Statisten soll der Regisseur Paul Greengrass dem Vernehmen nach für „The Uprising“ aufgeboten haben. Die digitalen Tricks, mit denen man Drehorten (die für diesen Film überwiegend in Oberbayern und Franken gefunden wurden) ein authentisch mittelalterliches Aussehen verpasst, sind kostspielig. Das Risiko, diese Kosten nicht wieder einzuspielen, ist in einem Land, das seine gesamte Geschichte außer dem Nationalsozialismus in einer Art Halb-Amnesie begraben hat, sicher größer als in Frankreich oder eben England. Die sind mit ihrer Historie im Reinen und dort gibt es, trotz aller gegenteiligen Bemühungen „kritischer“ Geschwätzwissenschaftler, noch unzerstörte Reste von Identifikation mit den Vorfahren – und vielleicht sogar Stolz auf sie.
In einem Land mit ähnlich ungebrochener Einstellung zur eigenen Historie wäre etwa die mit faszinierenden Intriganten, Kriegern und Charismatikern besetzte Geschichte der ersten deutschen Kolonie, die das reiche Kaufmannshaus der Welser ab 1528 im heutigen Venezuela gründete, längst zu einem Film oder gar einer Serie geworden. Man würde von den Amazonen erzählen, die in den Befreiungskriegen als Männer verkleidet gegen Napoleon kämpften. Man hätte begriffen, dass in der Geschichte des Deutschen Ordens in Osteuropa der Stoff für ein teutonisches Game of Thrones schlummert.
Schillernde, kuriose Stoffe aus Nebenkriegsschauplätzen des 1. Weltkriegs wären längst Drehbücher: etwa die Abenteuer des „Fliegers von Tsingtau“, Günter Plüschow, der 1914 mit seinem Eindecker vom Typ „Taube“ aus dem von Japanern eingeschlossenen deutschen Stützpunkt in China floh. Oder die Legende des Hauptmanns Hermann Detzner, der sich im Dschungel von Neuguinea (damals noch die deutsche Kolonie Kaiser-Wilhelms-Land) erst im Dezember 1918 den Australiern ergab – einen Monat nach der deutschen Kapitulation in Europa.
So müssen Menschen, die im Kino gern mal etwas anderes sehen als die Ödnis der Gegenwart oder völlig ersponnene Welten von Fantasy und Science-Fiction, ihre Bedürfnisse mit ausländischem Importgut stillen. Es ist ja oft genug gut gemacht, auch im Falle von „The Uprising“ – wenn man sich nicht daran stört, dass das Mittelalter hier wieder einmal klischeehaft so aussieht wie ein durch fünf Graufilter aufgenommener Schweinestall voller pelziger Penner.
Der Action-Spezialist Paul Greengrass, der u. a. mehrere Filme der „Bourne“-Reihe gedreht hat, lässt es routiniert krachen. In der Stadt London (deren Schauplätze teilweise von Nürnberg gedoubelt wurden) veranstalten die aufständischen Bauern ein imposantes Kopf-ab-Gemetzel. Und am Ende hüllt sich der überlebende Held (Andrew Garfield) in ein grünes Kapuzenshirt und lauert dem bösen König Richard II. (Woody Norman) im Sherwood-Forest auf.
Diese Szene hat zu einem kleinen Historikerstreit geführt. Das US-Marketing versucht, „The Uprising“ als eine Art Vorgeschichte zum Robin-Hood-Mythos zu verkaufen. In der Tat trug der Film in einer frühen Phase mal den Arbeitstitel „The Hood“. Die Briten haben sich dagegen gewehrt. Sie wollen, dass der Mann mit dem Bogen dort bleibt, wo er mindestens seit Walter Scott hingehört: in der Epoche von König Richard Löwenherz (1157–1199), also gut 200 Jahre vor dem Wat-Tyler-Aufstand. Deutsche Kinobesucher, die glauben, die Bauern wären so etwas wie die Palästinenser/die Migranten/ die Transpersonen/ die Persons of Color (jeder kann hier die persönliche Lieblings-Marginalisiertengruppe einsetzen) des 14. Jahrhunderts, werden von solchen Debatten ohnehin nicht berührt.
„The Uprising – Für die Freiheit“ läuft ab 10. September 2026 im Kino.
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