Die Manson-Gang, die Superreichen in den Hamptons und ihre Escort-Girls, jetzt der ehemalige Finanzvorstand eines großen Unternehmens auf der Reise ans Ende der Nacht – den selbst gewählten Tod in der titelgebenden Schweiz. Man kann nicht sagen, dass Emma Cline, Superstar der jüngeren Generation amerikanischer Schriftsteller, nicht dahin gehen würde, wo es weh tut.

Ihr Debüt „The Girls“ von 2016 – dem Vernehmen nach für spektakuläre zwei Millionen Dollar in einem Bieterwettstreit eingekauft – bestach durch den Kunstgriff, das Sujet gleichsam nebenbei zu erzählen. Der Leser erlebt die Geschichte aus Sicht einer 14‑Jährigen. Bei der berüchtigten Bluttat ist sie gar nicht anwesend. Cline lieferte also, indem sie sich verweigerte und über die Gefallsucht junger Mädchen schrieb. Auch „Die Einladung“ von 2023 lebte von radikaler Subjektivität. Alex, 22, ist aus dem Strandhaus ihres reichen Gönners verwiesen worden, hält das für ein Missverständnis und lässt sich bis zu einer Party, die er veranstaltet, von Villa zu Villa treiben. Sie ist eine Drifterin inmitten des eigenen Selbstbetrugs.

Ein Mann, Anfang 70, hat Alzheimer

Clines aktueller Roman „In die Schweiz“ wechselt nun das Geschlecht, wenn auch nicht zum ersten Mal. Die männliche Perspektive fand sich schon in der Erzählungssammlung „Daddy“, 2021 auf Deutsch erschienen. Neu ist, dass die Autorin sie auf der Langstrecke erprobt. International gibt es dazu kaum Stimmen, denn kurioserweise erscheint das Buch im englischen Original drei Wochen nach der deutschen Übersetzung.

David Hastings ist Anfang 70 und leidet an Alzheimer. Binnen Jahresfrist werden die Plaques sein Gehirn so in Beschlag genommen haben, dass er in ein bewusstloses Nirwana hinüberdämmern wird – ausgenommen ein paar lichte Momente existenziellen Schreckens. Schon jetzt entgleitet ihm alles. Eine Kinderuhr, von seinem fürsorglichen Assistenten Cody bereitgestellt, sorgt morgens für die nötigste Orientierung. Auch die Uhr wird bald verschwinden. Hat David sie seinem kleinen Enkel bei der Stippvisite im Londoner Haus seiner Tochter Rebecca geschenkt? Es stimmt ihn momentweise froh, es anzunehmen. Dann tropft auch dieser Gedanke in den dunklen Teich der Vergesslichkeit. Der Enkel, ein talentierter Pianist, hat ihm ausgerechnet Haydns „Abschiedssinfonie“ vorgespielt.

Mit dem Privatjet des Firmenchefs, eines langjährigen Freunds, ist David nach London geflogen – eine Art Abschiedsgeschenk. Vor seinem Tod will er die Menschen wiedersehen, die ihm am meisten bedeuten – oder es zumindest scheinbar tun. Mit der Tochter würde der Smalltalk wohl auch misslingen, wenn David nicht dauernd überlegen müsste, ob die Rechnung im teuren Privatclub schon gekommen ist. Ihre Beziehung ist ein Musterbeispiel an Entfremdung. Noch schlimmer: Vermutlich haben sie einander nie wirklich gekannt. Rebeccas Ehemann entpuppt sich, als David unerwartet noch einmal aufkreuzt, um ein vergessenes Telefon zu holen, als Frau.

Eine latente Homosexualität ist auch dem Vater nicht fremd – auch wenn Cline sich hier zurückhält. Sie schildert die Einsilbigkeit der kurzlebigen Ehe, aus der Rebecca hervorging. Sie lässt David Männer bewundern, die in Museen Bilder abmalen. Sie ergeht sich in Erinnerungen an die „rosafarbenen Nippel“ von Davids ehemaligem Mitbewohner Tom. Einmal, in einem verregneten Upperclass-Sommer am See, gab es Küsse auf den Mund, vielleicht auch mehr. Auch Tom steht auf Davids kurzer Liste.

Eine seltsame Verklemmtheit grundiert also den Plot, als wäre gleichgeschlechtliche Anziehung noch ein unaussprechliches Fatum, eine stoisch zu ertragende Strafe der Götter. Ist das Clines Versehen oder Davids? Immerhin wirft es die lustigste Szene des Buchs ab, die zugleich – ein Markenzeichen Clines – ins Transzendente zielt. Eine Frau, womöglich Teilzeitprostituierte, folgt David, nachdem er ihr ein paar Drinks spendiert hat (eh alles egal), aufs Hotelzimmer. Er ist dankbar, dorthin zurückgeführt zu werden. Allein hätte er den Weg nicht gefunden. Sie hüpft in die Wanne und zeigt sich von Davids mitternächtlichen Geständnissen unbeeindruckt: „Ein ruhiges, priesterliches Gebaren“, schreibt Cline in ihrem elliptischen Stil, „diese Frau, die von ihrem Wein trank.“ Und dann: „Würde sie ihm die Beichte abnehmen?“ Mehr ist nicht drin, denn wie David denkt: „Ich begehre meine Begierden nicht mehr.“

Der Text ist aus Vignetten gebaut, freistehend wie die Hotelbadewanne – lose Assoziationen, Eindrücke einer sekündlich verblassenden Welt, Treibgut aus Erinnerungen. Das ist mitunter auf paradoxe Weise klarsichtig, auf die Dauer aber auch ermüdend. So richtig viel ist nicht los, weder auf Davids letzter Reise noch in seinem eskapistischen, letztlich vergeudeten Leben.

Cline knüpft an große Vorbilder an, von Tolstois „Tod des Iwan Iljitsch“ über die fahrigen Antihelden Dostojewskis bis zu Max Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“. Stilistisch flirtet sie mit den Bewusstseinsströmen der Moderne. Letztlich geht es dem Leser ein wenig wie David: Brillante Momente machen kurz staunen, Spuren hinterlassen sie nicht.

Emma Cline: In die Schweiz. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 384 Seiten, 26,95 Euro

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