Als vor 25 Jahren das Jüdische Museum Berlin (JMB) eröffnet wurde, gab sich die Prominenz der jungen Berliner Republik ein Stelldichein. Wer was war oder sein wollte, musste dabei sein. Denn hier feierte sich Deutschland selbst. Man hatte vorbildlich die Vergangenheit aufgearbeitet, das größte Holocaustmahnmal der Welt war in Arbeit und nun zeigte die Dauerausstellung „2000 Jahre deutsch-jüdische Geschichte“, dass jener Völkermord vielleicht kein Vogelschiss, aber auch nicht das Wichtigste an dieser Geschichte war. Und das ließ man sich gern sagen.

Das JMB stellte Deutschlands Juden als Menschen dar, die zwar einige merkwürdige Riten und Speisevorschriften hatten, sich aber gut integrieren ließen und wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein konnten. Es war die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, die sich damit erzählte, dass die Lehre aus 2000 Jahren deutsch-jüdischer Geschichte die Toleranz gegenüber allen Minderheiten sei – und dass Deutschland hinsichtlich dessen auf gutem Wege sei.

Aus einer jüdischen Perspektive freilich waren die 2000 Jahre die Geschichte von Verfolgung und Ausgrenzung, aber auch Selbstbehauptung und Selbstfindung. Und eine Geschichte des Festhaltens an einer stets gefährdeten Identität, die vor allem religiös, aber auch kulturell und ethnisch, schließlich national ausgedrückt und bewahrt wurde und in die Gründung eines jüdischen Staates mündete, der gerade den deutschen Juden Zuflucht bot. Diese jüdische Perspektive fehlte im Jüdischen Museum.

Grassierender Judenhass, leeres Museum

Die glanzvolle Eröffnungsfeier des JMB fand am 9. September 2001 statt. Zwei Tage später stellten die Al-Qaida-Attentäter, deren Führungsriege sich in Deutschland radikalisiert hatte, die Prämissen des Museums infrage. Den jüdischen Blick auf 9/11 drückte ARD-Korrespondent Richard Chaim Schneider aus: „Jetzt seid ihr alle Israelis.“ Die Deutschen müssten als Westler nun selbst erfahren und erkennen, was es hieße, im Visier eines unerbittlichen, fanatischen, todessehnsüchtigen Feindes zu sein, wie Israel seit der Staatsgründung 1948.

Er irrte. Der Antizionismus ist in den vergangenen 25 Jahren stetig angewachsen und ist Bindeglied und Leitkultur von Islamisten und Linken. Der Antisemitismus ist wieder gesellschaftsfähig. Das einst überlaufene JMB ist trotz freiem Eintritt an einem beliebigen Nachmittag in der Woche halb leer, das Personal weiß nicht, wohin mit sich.

Angesichts seiner durchschlagenden Wirkungslosigkeit hätte das JMB schon vor Jahren sein Konzept der Harmlosigkeit revidieren müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Auf den Vorschlag, den Autor Tuvia Tenenbom zu einer Lesung aus seinem provokanten neuen Buch „Unter Siedlern“ einzuladen, antwortete die Museumsleitung, „dass wir uns als JMB bei tagesaktuellen, geopolitischen Debatten zum Nahostkonflikt ganz bewusst weder positionieren noch äußern. Unser Fokus bleibt die deutsch-jüdische Geschichte und Kultur.“

Falscher Schwerpunkt, falsche Protagonisten

Was schon mal empörend ist, denn die proisraelische Haltung eines Jüdischen Museums müsste sich gerade in Berlin eigentlich von selbst verstehen, aber schlimmer noch: Die Erklärung stimmt nicht mal. So hat die Ausstellung zum 25. Jubiläum mit „deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur“ gar nichts zu tun. Sie heißt: „Das Gegenteil von jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart“. Zur Einstimmung hat das Museum „den Künstler*innen die Aufnahme eines Radiogesprächs an die Hand gegeben, in dem die Philosophen Ernst Bloch und Theodor W. Adorno 1964 die ‚Möglichkeit der Utopie heute‘ diskutierten.“

Mit den Spätmarxisten Bloch und Adorno, die beide außer ihrer Herkunft mit dem Judentum nichts zu tun hatten (Adornos Mutter war überdies Katholikin, sein Vater konvertierte zum Protestantismus), ist die Richtung der Ausstellung vorgegeben. Man soll nicht etwa konkrete Utopien vergleichen, die Assimilation etwa mit dem Multikulturalismus, den Zionismus mit dem Kalifat, sondern eine Haltung der Dauerkritik gegenüber jeglicher Gegenwart einüben. Es ist eine müde kleine Ausstellung, lieblos inszeniert und kaum besucht, was angesichts der dort ausgestellten Kunst allerdings eine gute Nachricht ist.

Da hat der Komponist Ari Benjamin Meyers einen Chor von Neunzigjährigen zusammengestellt, die immer wieder an einem Stück proben, das sie nie aufführen werden. Meyers steckt sie in Astronautenanzüge, was man angesichts ihrer bevorstehenden Himmelfahrt als eine gezielte Gemeinheit auffassen kann. Da hat Dor Ziekha Levy die Esperanto-Hymne neu vertont: „Seine Installation lädt dazu ein, Sprache von Zugehörigkeit zu trennen“, so der Ausstellungstext. Als ob „Tod den Juden!“ in Esperanto besser klänge als auf Deutsch oder Arabisch.

Da gibt William Forsythe als Yoko-Ono-Epigone dem Besucher Handlungsanweisungen: „Setz dich auf die Bank. Dann gehe dreizehn Schritte von der Bank weg. Dann schließe die Augen, gehe dreizehn Schritte zurück und setz dich wieder auf die Bank.“ Doch, doch, das ist Kunst, ebenso wie die Anweisung am Schluss der Ausstellung, „ohne jeden Rhythmus“ dem Ausgang zuzustreben.

13 Schritte von der Bank weg und zurück, das ist Kunst?

Sagen wir es so: Wer „Das Gegenteil von jetzt“ will, kann sich John Lennons „Imagine“ anhören und hat nach drei Minuten und drei Sekunden künstlerisch und gedanklich mehr davon als vom einstündigen Gang durch eine Ausstellung, in der Alexander Kluge Kriegsmaschinen von KI entwerfen lässt und sich über deren bizarres Aussehen freut: „Die Technologie bringt den Krieg aus dem Tritt.“ Klar doch. Und KI-gesteuerte Drohnen sind Science-Fiction.

Kurz und gut: Die Eröffnungsfeier des JMB wollte die Relevanz des Judentums für die Republik betonen, jedenfalls für deren Selbstgefühl. Die jetzige Ausstellung dokumentiert dessen faktische Irrelevanz. Jedenfalls die selbst verschuldete Irrelevanz des Jüdischen Museums. Ein Neuanfang ist bitter nötig. Einer, der von dieser Wohlfühlveranstaltung Abstand nimmt und dafür als Stachel im Fleisch einer selbstgefälligen Gesellschaft fungiert.

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