Die Berliner Theaterlandschaft ordnet sich neu. Zwei Hauptstadtbühnen, die in den vergangenen Jahren zuverlässig für überregionale Aufmerksamkeit sorgten, starten mit neuen Leitungen in die Spielzeit: das Maxim-Gorki-Theater und die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Der heimliche Star unter den Sprechtheatern ist inzwischen aber ein anderes Traditionshaus. Beeindruckende Schauspieler, bekannte Regisseure und ein kluger Spielplan machen das Berliner Ensemble zum Theater der Stunde.

Das Berliner Ensemble scheint zurzeit einen Vorsprung vor allen anderen Berliner Sprechtheatern zu haben. Das zeigte sich schon beim Spielzeitstart: Das BE, wie man es abgekürzt nennt, hat seit Ende August 2026 drei Premieren zu verzeichnen. Zum Vergleich: An der Schaubühne kann man sich – auch wegen des starken Repertoires – mit der ersten Premiere bis Anfang Oktober Zeit lassen. Das Deutsche Theater zog Ende September mit zwei Premieren nach, die bei der Berliner Kritik allerdings keine Jubelstürme auslösten – wie inzwischen üblich, könnte man hinzufügen.

Ganz anders am Berliner Ensemble: Selten hat man die Kritik so übereinstimmend begeistert erlebt wie nach Frank Castorfs Sechs-Stunden-Spektakel „Mephisto“. Und das völlig zu Recht: Der Regiealtstar überrascht nicht nur mit einer präzisen und überraschenden Lektüre des Skandalromans von Klaus Mann, sondern mit einer für seine Verhältnisse fast geradlinig zu nennenden Inszenierung, in der Jens Harzer den Oberopportunisten Hendrik Höfgen Schicht für Schicht als nervöses Begehrensbündel freilegt. Es entsteht ein ästhetischer Sog, der einen in die Untiefen deutscher Geschichte hinabzieht und dabei stets so klug und unterhaltsam bleibt, dass er ganz ohne „Nie wieder ist jetzt!“-Zeigefinger auskommt. Ein Abend, der Maßstäbe setzt.

Auch in Jossi Wielers feinnerviger Uraufführung von Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ ist es wieder einmal Jens Harzer, der im Zusammen- und Gegeneinanderspiel mit seiner Frau Marina Galic brilliert. Dass es BE-Intendant Oliver Reese gelungen ist, das Duo nach Berlin zu locken, hat sich längst als gelungener Coup erwiesen. Ob in Handkes melancholischer Vermessung einer zusammenbrechenden Welt oder als schreiend komische Parodie eines Künstlerehepaares in „Mephisto“, Harzer und Galic bringen stets eine Intensität auf die Bühne, die einen jeglichen Anflug schauspielerischer Manierismen großzügig verzeihen lässt.

Wo Ensemble bereits prominent im Namen steht, erlebt man ein solches auch herausragend auf der Bühne. Der aus Frankfurt gekommene Reese, seit fast zehn Jahren Intendant, hat das Ensemble stetig so verstärkt, dass es nicht auf einzelne Stars zu reduzieren ist. Selbst ein biederer Abend wie „Glücklich die Glücklichen“, weit weniger stark als die beiden anderen Premieren, begeistert durch starke Schauspieler wie die junge Amelie Willberg, der man noch eine große Karriere zutrauen darf. Die Bühnenfassung von Yasmina Rezas Roman, eine böse Mittelschichtsgroteske, hat Reese selbst inszeniert.

Im Rampenlicht: Jens Harzer in „Mephisto“

Schaut man auf den Spielplan, darf man diese Saison noch weitere Höhepunkte erhoffen: So wird die Erfolgsserie „Warten auf’n Bus“ auf die Bühne gebracht und mit Tilda Swinton kommt sogar ein echter Hollywood-Star ans BE. Außerdem wurden mit Ersan Mondtag („Hamlet“), Ulrich Rasche („Mutter Courage und ihre Kinder“) und Luise Voigt („Es steht ein Haus in Ost-Berlin“) drei der aktuell angesagtesten Regiegrößen engagiert – mit einer für das Haus typischen Mischung aus Klassikern (gerne Shakespeare), Brecht (am BE ein Muss) und Zeitgenössischem von neuer Dramatik bis Dokumentartheater. Das kommt beim Publikum gut an.

Reeses Vertrag wurde im Vorjahr verlängert, bis 2032. Wenn man dann zurückblickt, wird man sich an das Theaterjahr 2026 als eines der stärksten am BE erinnern – von der als „Zeitenwende in der Tschechow-Rezeption“ („SZ“) gefeierten und just mit dem Friedrich-Luft-Preis prämierten „Drei Schwestern“-Inszenierung bis „Mephisto“. Das Berliner Ensemble trotzt dem Trend: Das beliebte Berlin-Bashing hat hier keine Chance.

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