Ist das nur die Spitze des Eisbergs? In Frankreich erschüttert gerade ein KI-Skandal die Literaturszene. Dem haitianisch-kanadischen Schriftsteller Thélyson Orélien wurde vorgeworfen, seinen Debütroman „C’était ça ou mourir“ („Das war entweder das oder sterben“) mit Künstlicher Intelligenz geschrieben zu haben. Der bei Grasset erschienene Roman, der eine Flüchtlingsgeschichte aus Haiti erzählt, war eine Sensation dieser Buchsaison. Schon zum Bestseller geworden und mehrfach ausgezeichnet, zählte er auch zu den Favoriten für die großen französischen Literaturpreise wie den Prix Goncourt. Inzwischen haben sich nach anfänglich heftigem Widerspruch viele Experten dem Urteil über die Herkunft des Romans aus Sprachmodellen angeschlossen. Es scheint sich um einen klaren Fall zu handeln.

Es dürfte in den nächsten Monaten und Jahren zu vielen ähnlichen Fällen kommen, und wenn nicht, dann allenfalls deswegen, weil die Modelle und die ihnen gegebenen Instruktionen (das „Prompting“) sich so verbessert haben, dass die Verwendung Künstlicher Intelligenz nicht mehr an simplen Eigenheiten des Stils erkannt werden kann. Im Falle von Oréliens „Werk“ ist das, nach Ausweis seiner Kritiker jedenfalls, ziemlich einfach. Etwa weil ständig alles im Dreierpack auftritt: etwas ist redundant, überflüssig und auch noch vorhersehbar.

Je besser neue Versionen der Sprachmodelle sind und – noch wichtiger – je versierter ihre Anwender, desto eher wird ein Roman bei den Verlagen, den Kritikern und schließlich auch den Lesern als eigenständige Schöpfung der auf dem Cover genannten Personen durchgehen, auch wenn von Autorschaft im herkömmlichen Verständnis keine Rede mehr sein kann. (Das gilt natürlich auch für Übersetzungen). Um Friedrich Nietzsche zu variieren: Wir erleben heute den Ursprung des Romans aus dem Geist der Informatik.

Aber was ist eigentlich so schlimm daran? War die gängige Vorstellung von Autorschaft nicht immer schon eine Mystifizierung? Literaturtheoretisch versierte Kritiker verweisen auf Roland Barthes’ und Michel Foucaults inzwischen schon sechs Jahrzehnte alte Diagnose vom „Tod des Autors“: War die Idee vom Autor als einer sinnstiftenden Instanz nicht stets eine praktische Fiktion, sinnvoll zur Sortierung und Strukturierung von Textmassen und nicht zuletzt notwendig, um qua Urheberrecht und Buchmarkt die Honorierung sicherzustellen? Ist ein Text nicht immer Resultat von gesellschaftlichen Diskursen, ein Mix aus historischen Vorbildern, kollektivem Sprachgebrauch, Lesererwartungen, und insofern immer schon mehr als das einsame Produkt eines genialischen Schöpfers?

Prosaexperimente? Für KI ein Leichtes

Wenn das so ist, dann würde ein entsprechend programmiertes Sprachmodell eben genau das ausgeben, was ein mit der Literaturgeschichte, mit Biografien, Themen, Theorien gefütterter menschlicher Schriftsteller auch hervorbringen würde. Denn, seien wir ehrlich, „Originalität“ ist stets ein relativer Wert. Krimis folgen ebenso Genrekonventionen wie Generationenromane, stereotype Figuren kommen in den besten Familienromanen vor, und Realismus als Erzählmodus kennt ebenso bestimmte Regeln der Erzeugung wie das avantgardistische Prosaexperiment. Ja, gerade letzteres kann die KI wahrscheinlich besonders gut imitieren. Ein Roman wie Georges Perecs bahnbrechendes Werk „La Disparition“ von 1969, der vollständig ohne den Buchstaben „e“ auskommt, wäre für Künstliche Intelligenz heute ein Leichtes.

Glaube also niemand, dass Sprachmodelle sich überwiegend für sogenannte Unterhaltungsliteratur eigneten und die ambitionierte „hohe“ Literatur durch ästhetische Qualitätssicherung immun sei. Thélyson Orélien ist schon der beste Gegenbeweis. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass nun, nach der mutmaßlichen „Enttarnung“, plötzlich auch die Qualität seines Textes bestritten wird. Nun will mancher es schon vorher gewusst haben. Bestimmt ist es einfacher und schneller, einen Prompt für eine Eishockey-Romance zu schreiben, als für einen Buchpreiskandidaten. Ganz wie es beim Schreiben mit natürlicher Intelligenz auch der Fall ist.

Wo liegt also das Problem? Woher kommt das Störgefühl, wenn den Leser eines Romans irgendwann der Verdacht beschleicht, es handle sich um ein Kunstprodukt? Und was genau ist das Künstliche an einer Sache, die ohnehin ins Reich der Fiktion gehört? Echte Autoren haben doch auch nervige Eigenheiten und können auch schlechte Sätze und banale Figuren konstruieren, ganz ohne KI! Kann man es nicht einfach vorn draufschreiben: „Made in Data Centers“? Und was würde sich dadurch ändern?

Zur Erklärung hilft möglicherweise ein altes Konzept weiter, die Idee des „autobiografischen Paktes“, die der französische Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune in den 1970er-Jahren anhand von Klassikern der Autobiografie wie Jean-Jacques Rousseau, André Gide, Jean-Paul Sartre und Michel Leiris entwickelt hat (auf Deutsch erschien seine Studie 1994 bei Suhrkamp). Lejeunes Vorschlag war, das Besondere einer Autobiografie in Analogie zu einem juristischen Vertrag zu definieren: In einer Autobiografie gehen Autor und Leser unausgesprochen einen Pakt ein, demzufolge der (auf dem Buchcover genannte) Autor, der Erzähler und der Protagonist des Buches identisch sind.

Entscheidend ist also nicht etwa, ob die geschilderten Ereignisse faktisch „wahr“ sind. Es geht nicht um eine mehr oder weniger große „Ähnlichkeit“ zwischen Hauptfigur und Autor, sondern um die sozusagen „rechtliche“ Identität, deren Behauptung (durch Namensgleichheit oder durch andere „eindeutige“ Kennzeichen) den Pakt begründet. Der Leser liest eine Autobiografie daher grundsätzlich anders als einen Roman – auch als einen autobiografischen Roman oder jeden anderen Roman in Ich-Form –, selbst wenn auch dort einzelne Ereignisse durch authentische Erfahrung beglaubigt sind. Nur weil es diesen Pakt gibt, kann er auch verletzt werden, etwa wenn sich geschilderte Ereignisse als frei erfunden oder komplett verfälscht herausstellen. In einem Roman wäre das als dichterische Freiheit legitim.

Aktuell geht es nicht um Autobiografien – denn die kann eine KI per definitionem nicht verfassen. Wenn sie es täte, wäre es einfach ein Fake, eine grobe Täuschung, die Erfindung der Lebensgeschichte einer Person, die es gar nicht gibt.

Mir geht es um etwas, das man analog zu Lejeune den „autografischen Pakt“ nennen könnte, den Pakt des Selbstgeschriebenen. Unabhängig vom Inhalt eines Romans, unabhängig vom Stoff, der dem Leben des Autors entnommen sein kann oder auch nicht, gibt es diese umfassendere Version von Lejeunes Vertrag. Es ist die implizite Vereinbarung zwischen Leser und dem auf dem Cover namentlich genannten Autor, die beinhaltet, dass letzterer den Roman selbst verfasst hat. „Eigenhändig“ in dem Sinne, dass jedes darin enthaltene Wort vom Autor selbst gedacht und festgehalten worden ist (die gängigste Ausnahme ist der Ghostwriter, der aber im literarischen Feld naheliegenderweise verpönt ist).

Vom Versprechen, dass ein Text selbst geschrieben ist

Was heißt das konkret? Nehmen wir etwa eine Romanfigur, die in einem Dialog moralische Thesen über den Klimawandel oder über die Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten äußert. Auch wenn das nicht die Meinung des Autors sein muss, so geht der Leser selbstverständlich davon aus, dass dieser die Argumente selbst formuliert und eine Art Streitgespräch vor dem geistigen Auge geführt hat, auch wenn er dabei nicht unbedingt Partei ergreift.

Der Leser setzt voraus, dass vom Erzähler vorgetragene Gedanken über ewige Liebe, wie kitschig sie auch immer sein mögen, vom Autor formuliert wurden, einem Autor, der Liebesglück und Liebesleid selbst schon einmal erfahren und empfunden hat. Wie überhaupt sämtliche darin geschilderten Gefühle wie ausgelassene Freude oder tiefste Trauer oder Panik oder Hunger oder Schmerz. Und dass die lange Beschreibung des Sonnenuntergangs und der Berglandschaft von einem Menschen stammt, der die abendliche Sonne oder Berggipfel schon einmal mit eigenen Augen gesehen hat. Auch wenn dieser beileibe nicht der Erste ist, der sie beschreibt, und seine Worte dafür bewusst oder unbewusst von schreibenden Vorgängern beeinflusst worden sind.

Beim autografischen Pakt handelt es sich um eine weitverbreitete, vielleicht sogar universelle Praxis. Ein Buch zu lesen, ist wie ein Gespräch über Raum und Zeit hinweg, ein Gespräch zwischen Menschen, von denen einer sogar lange tot sein kann. Wenn Buchliebhaber in einem Lesezirkel über ihre Leseerfahrungen sprechen, dann glauben sie selbstverständlich an die reale Existenz, wenn nicht der Romanfiguren, so doch des Menschen, der sie erschaffen hat.

Ein starkes Symbol für diese intime Leser-Autor-Beziehung ist der enorme Andrang bei Signierstunden. Die handschriftliche Widmung im Buch ist für viele eine bedeutsame Sache von hohem ideellem Wert. Die persönliche Signatur des Verfassers besiegelt gleichsam den autografischen Pakt, sie ist wie die Unterschrift unter dem Vertrag mit dem Leser. Auch jedes handschriftliche Zeugnis einer Person nennt man bekanntlich Autograf; bei Auktionen werden für entsprechende Briefe oder Alltagsdokumente von Schriftstellern Unsummen bezahlt.

Würden die Leser eines Romans (etwa durch einen Hinweis auf dem Cover) erfahren, dass ihr Buch ein Maschinenprodukt ist, das lediglich clever gepromptet wurde, würde diesem virtuellen Gespräch die Grundlage entzogen. Romane von Geisterhand wären ein Verrat am Geist des Romans.

Der autografische Pakt enthält das Versprechen, dass ein Text selbst geschrieben ist – geschrieben von einem anderen Selbst, einem Bewusstsein auf Augenhöhe mit dem Leser. Würde in Zukunft Literatur von Künstlicher Intelligenz salonfähig, wäre es das Ende der literarischen Kultur, wie wir sie kennen.

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