Mehr als 20 Minuten hatte Donald Trump bereits im großen Kongresssaal von Davos gesprochen, als er auf das Thema kam, das Europa und die Welt in diesen Tagen umtreibt. „Möchten Sie, dass ich ein paar Worte zu Grönland sage? Ich wollte es eigentlich aus meiner Rede herauslassen, aber ich glaube, das hätte sehr negative Reaktionen hervorgerufen“, witzelte der US-Präsident.

Der Gefangennahme von Nicolás Maduro im Morgengrauen des 3. Januar und dem Griff auf den Südteil der westlichen Hemisphäre ist unmittelbar der Griff in den hohen Norden gefolgt. Kategorisch verlangt Trump den Erwerb der Insel. In US-Medien gab es zwischenzeitlich sogar Spekulationen über Truppenbewegungen Richtung Grönland.

Zumindest diese Eskalation schloss Trump am Mittwoch in Davos aus. „Ich muss keine Gewalt anwenden, ich will keine Gewalt anwenden, und ich werde keine Gewalt anwenden.“ Diese Aussage sei die wohl wichtigste, die er treffen könnte, erklärte Trump seinen Entschluss, als Nato-Mitglied kein anderes Nato-Mitglied anzugreifen.

Mit dieser verbalen Abrüstung fängt die Konfrontation mit den Europäern jedoch erst an. „Ich strebe sofortige Verhandlungen an, um erneut über den Erwerb Grönlands durch die Vereinigten Staaten zu diskutieren“, verlangte Trump mit der Begründung, die USA hätten „im Laufe unserer Geschichte viele andere Gebiete erworben, genau wie viele europäische Nationen. Das ist völlig in Ordnung.“

Der „Make America Great Again“-Präsident machte in seiner 72-minütigen Rede klar, dass er ein Entgegenkommen Dänemarks erwarte – denn das Land sei aus US-Sicht seinen Zusagen nicht nachgekommen. „Jeder NATO-Verbündete ist verpflichtet, sein eigenes Territorium verteidigen zu können. Tatsache ist, dass keine Nation oder Gruppe von Nationen außer den Vereinigten Staaten in der Lage ist, Grönland zu sichern. Wir sind eine Großmacht, viel größer, als die Menschen es überhaupt verstehen.“ Dass Trump sein Argument beendete mit dem Hinweis, seine Macht habe er „vor zwei Wochen in Venezuela“ demonstriert, war kaum als eine Freundschaftsgeste gemeint.

Zugleich weitete Trump seine Drohgebärden auf das gesamte Nato-Bündnis aus. Die USA hätten immer nur gezahlt und andere finanziert, beschwerte sich der US-Präsident. Aber im Ernstfall würde er sich nicht auf die Partner verlassen können. Was ein bekanntes Narrativ des US-Präsidenten ist, der sein Land als einen von fremden Mächten ausgenutzten Wohltäter darstellt, der sich jedoch dank ihm, Trump, nicht weiter über den Tisch ziehen lässt – weder bei Militärhilfen noch bei Zöllen.

Historisch ist Trumps Anschuldigung überdies faktisch falsch, die Nato würde nicht für die USA einstehen. Das einzige Mal in der Geschichte der Allianz, in der der Beistandsartikel 5 aktiviert wurde, war am 12. September 2001, am Tag nach den Al-Qaida-Anschlägen in New York und Washington.

Den Erwerb Grönlands sieht Trump nun als zentralen Pfeiler für das fortgesetzte Engagement der USA für die Nato. Sein Land hätte Grönland nach dem Zweiten Weltkrieg behalten können, behauptete der 79-Jährige. „Aber wir haben es nicht getan. Sie haben also die Wahl. Sie können ‚Ja‘ sagen, und wir wären Ihnen sehr dankbar. Oder Sie können ‚Nein‘ sagen, und wir werden uns daran erinnern“, lautete Trumps unzweideutige Warnung an Dänemark und die anderen Nato-Partner.

Aus Sicht des US-Präsidenten ist das Entgegenkommen eine Form der Selbsterhaltung, für alle Beteiligten. Ein US-Territorium Grönland sei unabdingbar für die nationale Sicherheit Amerikas und die des gesamten Westens. „Ein starkes und sicheres Amerika bedeutet eine starke Nato. Und das ist ein Grund, warum ich jeden Tag daran arbeite, sicherzustellen, dass unser Militär sehr mächtig ist.“

Mit jeder Minute der Redepassagen, in denen Trump das transatlantische Verhältnis beschrieb, schien seine Laune schlechter zu werden. Im Zweiten Weltkrieg hätten die USA „Grönland gerettet und erfolgreich verhindert, dass unsere Feinde dort Fuß fassen konnten. Das haben wir in unserer Hemisphäre getan, auch für uns selbst.“ Ohne die USA „würdest du jetzt Deutsch und vielleicht ein bisschen Japanisch sprechen“, spottete Trump an den Saal gewandt. Nach dem Krieg sei Grönland an Dänemark zurückgegeben worden. „Wie dumm waren wir, das zu tun? Aber wir haben es getan, wir haben es zurückgegeben – aber wie undankbar sind sie jetzt?“, erklärte Trump in warnendem Ton.

Mithin droht der US-Präsident nicht mehr nur mit Strafzöllen, sondern warnt verklausuliert auch vor einem schwindenden Engagement seiner Militärmacht für das Nato-Bündnis, bekommt er die Insel nicht. Der Streit um Grönland ist derweil nicht der einzige Konflikt, der in Davos die Gespräche dominierte. Auch das für Donnerstag avisierte Zeremonie von Trumps „Friedensrat“ sorgt für Spannungen. Das Gründungsdokument soll nach US-Plänen am Rande des Weltwirtschaftsforums in Trumps Anwesenheit unterzeichnet werden.

Frankreich hat bereits Trumps Unmut auf sich gezogen, weil es der Initiative eine Absage erteilte. Der US-Präsident droht nun mit 200 Prozent Zöllen auf französische Weine und Champagner. Auch Deutschland wird sich offenbar nicht am Friedensrat beteiligen. Ein geplantes Treffen am Mittwoch mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kam nicht zustande, vermeintlich wegen der verspäteten Ankunft des Präsidenten in der Schweiz.

Wie die Rede von Trump in Grönland aufgenommen wurde, illustriert ein Schritt der Regierung in Nuuk. Die grönländische Regierung stellte eine neue Broschüre vor, die der Bevölkerung Ratschläge für den Fall einer „Krise“ in dem Gebiet gibt, das Trump von seinem Verbündeten Dänemark einnehmen will.

Das Dokument sei „eine Versicherungspolice“, sagte Selbstversorgungsminister Peter Borg auf einer Pressekonferenz in Nuuk, der grönländischen Hauptstadt, kurz nachdem Trump „sofortige“ Gespräche über sein Vorhaben, Grönland zu kontrollieren, gefordert hatte. „Wir gehen nicht davon aus, dass wir sie verwenden müssen“, betonte Borg der Agentur AFP zufolge.

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