Während die Welt auf die von US-Präsident Donald Trump ausgelöste Grönland-Krise blickte, nutzt Russland die abgelenkte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit brutal aus. Anhaltende schwere Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung haben in dieser Woche erneut zu Stromausfällen im ganzen Land geführt, besonders betroffen ist Kiew.

Am Dienstag hatte Russland etwa 470 Drohnen und 47 Marschflugkörper auf die Ukraine abgeschossen, viele davon auf die Hauptstadt. In Kiew seien derzeit eine Million Verbraucher ohne Strom, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videobotschaft am Dienstagabend.

Die russischen Angriffe hätten zur Folge, dass die Hälfte der Stadt ohne Strom, Heizung und Wasser sei und Kiew an den Rand einer humanitären Katastrophe geführt, sagte Bürgermeister Vitali Klitschko am Dienstag. Im Januar hätten bereits 600.000 Bewohner die Stadt verlassen, so Klitschko. Eine Zahl, die offenbar auf die Erhebung von Mobilfunkdaten zurückgeht.

Der Bürgermeister rief die verbliebenen Bürger dazu auf, ebenfalls zu fliehen, „wenn sie dazu in der Lage sind“. Laut Klitschko sind inzwischen 5600 Wohnblöcke ohne Heizung. Viele der betroffenen Gebäude waren nach früheren Angriffen gerade erst wieder ans Netz angeschlossen worden.

Die Behörden seien gezwungen, das zentrale Heizungs- und Wassersystem der Stadt leer laufen zu lassen, um zu verhindern, dass die Rohre bei eisigen Temperaturen von bis zu minus 18 Grad frieren und zerplatzen, so Klitschko. Er warnte angesichts berstender Abwasserleitungen auch vor der Gefahr einer Epidemie in der Stadt. Sollte sich die humanitäre Lage in Kiew und anderen Städten der Ukraine weiter verschärfen, muss sich Europa möglicherweise auf eine neue Flüchtlingswelle einstellen.

Tatsächlich hat sich Moskau den harten Winter zunutze gemacht, um die wohl schwerste humanitäre Krise seit Beginn der Vollinvasion vor vier Jahren auszulösen. „Putin setzt die Kälte als Waffe gegen Zivilisten ein, und die Welt schaut zu“, kommentiert die ukrainische Sicherheitsexpertin Maria Avdeeva auf X.

Russland habe über den ganzen Krieg hinweg eine Kampagne mit Waffen größerer Reichweite geführt, „die mit Absicht ukrainische Zivilisten und die Energieinfrastruktur zum Ziel hat und die auf unproportionale Weise Zivilisten beeinträchtigt und hat diese Angriffe in den vergangenen Monaten intensiviert“, schreibt das Institute for the Study of War (ISW) in seinem aktuellen Lagebericht.

Die russische Armee schießt immer wieder große Salven gleichzeitig auf die Ukraine ab, um möglichst viel Schaden anzurichten. „Das wirft ein Schlaglicht darauf, wie kritisch wichtig westliche Hilfe ist, um die Flugabwehrfähigkeiten der Ukraine zu stützen“, so das ISW, „besonders die in den USA hergestellten Patriot-Flugabwehrsysteme, die in der Lage sind, der Gefahr, die von Russlands ballistischen Raketen ausgeht, effektiv zu begegnen“.

Europa steckt in der Klemme

Laut Präsident Selenskyj hatte die Ukraine erst am 18. Januar eine neue Lieferung von Patriot-Raketen bekommen, die auch eingesetzt wurden, um die jüngsten russischen Angriffe zu bekämpfen. Doch für die Ukraine wird es immer schwieriger, die Partner zu entsprechenden Lieferungen zu bewegen. „In dieser Zeit, wenn so viele Menschen sterben, müssen wir immer noch darum kämpfen, all diese Raketen für die verschiedenen Abwehrsysteme zu bekommen“, sagte Selenskyj. „Wir betteln darum, versuchen alles herauszupressen mit Gewalt.“

Eine Bitte, die sich vor allem an Europa richtet, nachdem die Unterstützung durch die USA weggebrochen ist. Doch der Kontinent war zuletzt vollends damit beschäftigt, die Attacken von US-Präsident Donald Trump abzuwehren, der sich in den Kopf gesetzt hatte, die dänische Insel Grönland an sich zu reißen, das Gebiet eines Nato-Partners.

Nach der Einigung beim Weltwirtschaftsforum in Davos am Mittwochabend ist die Erleichterung in Europa zwar zunächst groß – doch der Schaden ist angerichtet. Nicht nur, dass das transatlantische Verhältnis unter dem Streit gelitten hat. Auch die Ukraine fühlt sich im Stich gelassen von ihren Verbündeten.

„Die wahre Tragödie des Grönland-Zirkuses ist, dass er Energie und Fokus abzieht von der Ukraine“, hatte Wolfgang Ischinger, langjähriger Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, vor der Einigung mit US-Präsident Trump gesagt. „Das ist eine strategische Ablenkung, die eine enorm schädigende Dimension angenommen hat.“

Auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte, der eine führende Rolle bei der Entschärfung der Grönland-Debatte gespielt haben soll, hatte in Davos betont, dass die Lage in der Ukraine erste Priorität des Bündnisses sein müsse, danach könne man über Grönland diskutieren. Tatsächlich hilft Trump Russland mit seinem Theater in doppelter Weise: indem er die Nato in Unruhe versetzt, was die Propagandisten in Moskau jubelnd begrüßen. Und indem er die Entschlossenheit des Westens schwächt, die Ukraine zu unterstützen.

Russland weiß diese Lage für sich zu nutzen – und spielt ein besonders riskantes Spiel. Mitte Januar hatte der ukrainische Geheimdienst bereits vor einem Szenario gewarnt, das die russische Armee nun umsetzt: Angriffe auf Umspannwerke bei Atomreaktoren, um die Stromversorgung zu unterbrechen, die notwendig ist, um die Kraftwerke sicher zu betreiben.

So meldete die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass militärische Operationen Umspannwerke beschädigt hätten, die zentral seien für die nukleare Sicherheit in Tschernobyl. Die aktuellen Angriffe hätten die gesamte Stromversorgung des Kraftwerks gekappt – zum zweiten Mal seit dem 12. Januar.

IAEA-Chef Rafael Grossi hatte zuvor erklärt, dass es seit diesem Tag zu militärischen Aktivitäten oder Luftalarm an allen fünf Atomkraftwerksstandorten der Ukraine gekommen sei. Ein Indiz dafür, dass Russland sie systematisch zum Ziel von Angriffen macht – und ein schwerer Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht. Dass Trump den russischen Präsidenten Wladimir Putin in seinen neuen internationalen „Friedensrat“ eingeladen hat, muss sich für die Ukraine vor diesem Hintergrund wie Hohn anfühlen.

Dabei besteht zwischen der Lage in der Ukraine und der Grönland-Frage ein innerer Zusammenhang: Trumps zentrales Argument für den Wunsch, die Insel in Besitz zu nehmen, ist ihre strategische Bedeutung für die Sicherheit in der Arktis zur Abwehr einer möglichen russischen (und chinesischen) Bedrohung.

Experten betonen indes, dass Russland in der Region am besten abgeschreckt würde, wenn Moskau in der Ukraine eine schmerzhafte Niederlage erleben würde, um Putin von weiteren militärischen Abenteuer abzubringen. Eine Studie der Arctic University of Norway in Tromsö hat denn auch festgestellt, dass die Provokationen in der Arktis seit Beginn des Ukraine-Krieges erheblich zurückgegangen sind.

Nach einer russischen Niederlage sieht es derzeit indes nicht aus, aber auch nicht nach einer ukrainischen. Die Lage an der Front ist weitgehend festgefahren, die russische Armee kommt zwar voran, aber nur sehr langsam.

In Davos forderte Trump erneut ein Ende des Krieges – und machte seinem Unmut über fehlende Fortschritte in der Frage Luft. „Was bekommen die Vereinigten Staaten für all diese Arbeit, dieses Geld, außer Tod, Zerstörung und riesige Geldsummen für Menschen, die nicht anerkennen, was wir tun“, so der US-Präsident in seiner Rede am Mittwoch.

Selenskyj traf am Donnerstag in Davos ein, wo er auch Trump treffen soll. Am Mittwoch hatte sich der US-Präsident sowohl frustriert über Putin als auch über Selenskyj gezeigt. „Ich glaube, sie stehen jetzt an einem Punkt, wo sie zusammenkommen und ein Abkommen erzielen können“, sagte Trump. „Und wenn sie das nicht tun, sind sie blöd – das gilt für beide.“

Clemens Wergin ist seit 2020 Chefkorrespondent Außenpolitik von WELT. Er berichtet vorwiegend über den Ukraine-Krieg, den Nahen Osten und die USA.

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